100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland 20,9 Prozent Frauen im emsländischen Kreistag

Von Carsten van Bevern


Gersten. Aus 66 gewählten Mitgliedern sowie dem Landrat Reinhard Winter besteht aktuell der emsländische Kreistag. 14 Abgeordnete und damit 20,9 Prozent sind weiblich. Und in den emsländischen Stadt-, Samtgemeinde-, Gemeinde- und Ortsräten werden von den 1381 Sitzen 272 von Frauen besetzt, das entspricht einem Anteil von 19,7 Prozent.

„Wer nach Gründen sucht, findet viele Hinweise auf die geringe Präsenz von Frauen in den Parlamenten: Sie sind weniger in Parteien vertreten als Männer, die formalen Strukturen und männlich geprägte Politikkultur schrecken viele Frauen ab und die Vereinbarung von Familie und Beruf lässt kaum Zeit für politische Ämter.“ Dies erklärte die Vorsitzende des Kreisverbandes der Frauen Union (FU) Lingen aus Anlass des Jubiläums „100 Jahre Frauenwahlrecht“ in diesem Jahr gegenüber unserer Redaktion.

Frauenanteil im Bundestag sogar gesunken

Zu diesem Thema hatte die hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Marlies Kohne, auf Einladung der FU im Heimathaus der Gemeinde Gersten die historischen Zusammenhänge und die Förderung des politischen Engagements von Frauen im Emsland vorgestellt und dabei auch den Anteil der Frauen in den kommunalen Räten erläutert. „Ein Frauenanteil in den emsländischen Räten von unter 20 Prozent. Das ist keine Zahl, auf die man stolz sein kann, auch wenn es natürlich nur eine Momentaufnahme ist“, erklärte Kohne in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Und bei den Bundestagswahlen sei der Anteil der Frauen von 2013 mit 36,5 Prozent 2017 sogar um fast sechs Prozentpunkte auf 30,7 Prozent gesunken.

„Politik kann auch Spaß machen“

„Wir müssen verdeutlichen, dass Politik auch Spaß machen kann, mit Politik kann man etwas verändern und gestalten. Also mit machen, wählen gehen und sich zur Wahl stellen. Wie Helene Weber schon sagte ,Die Frau muss in der Politik stehen und muss eine politische Verantwortung haben`“, erklärte die Vorsitzende der Frauen Union nach dem Vortrag der Gleichstellungsbeauftragten.

Kohne erläuterte zudem, mit welchen Aktionen und Angeboten im Landkreis Emsland versucht wird, den Frauenanteil in den Räten zu erhöhen. So gebe es im Emsland derzeit fünf Räte, in denen gar keine Frau vertreten sei, und acht weitere Räte, in denen der Anteil unter zehn Prozent liegt.

Netzwerk für emsländische Politikerinnen

„Nach der Kommunalwahl 2016 haben wir daher das Netzwerk Emsländischer Politikerinnen gegründet. Gerade für Frauen, die sich in einem ansonsten männlichen Rat engagieren, kann es sinnvoll sein, sich einmal mit anderen Kommunalpolitikerinnen auszutauschen und Tipps für den Ratsalltag zu bekommen.“ So seien auch Themen wie „Haushaltsplan – richtig lesen und verstehen“ oder „Planen und Bauen in der Kommune“ im Jahr 2017 behandelt worden.

Auch das Mentoring-Programm „Politik braucht Frauen!“, bei dem an Politik interessierte Frauen von erfahrenen Kommunalpolitikern oder Politikerinnen ein Jahr intensiv betreut werden, soll künftig ebenso fortgeführt werden wie speziell an Frauen gerichtete Weiterbildungsangebote.


Einführung des Frauenwahlrechts

Im 18. Jahrhundert begann der lange Kampf der internationalen Frauenbewegung zur Erlangung des Frauenwahlrechts. Olympe de Gouges gilt als erste „moderne“ Kämpferin für das Frauenwahlrecht. Sie verfasste im Laufe der Französischen Revolution unter anderem die 1791 veröffentlichte Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, sie wurde zur Zeit der Terrorherrschaft 1793 verhaftet und hingerichtet.

1838 erhielt die britische Kronkolonie Pitcairn im Südpazifik als erstes Territorium ein Frauenwahlrecht, der heutige US-Bundesstaat Wyoming folgte 1869. In Neuseeland erhielten Frauen 1893 das aktive und 1919 das passive Wahlrecht. Seit 1918 gilt in Deutschland, Österreich, Polen, Lettland und Luxemburg das Frauenwahlrecht. Zuvor hatten bereits Finnland (1906) und Norwegen (1913) dieses Recht eingeführt.

Es folgten unter anderem 1924 die Mongolei, 1928 Großbritannien, 1944 Frankreich, 1946 Italien, 1952 Griechenland und 1974 Portugal. Als letzter EU-Staat führte Liechtenstein 1984 das Frauenwahlrecht ein. Seit 2015 dürfen Frauen auch in Saudi-Arabien wählen – zumindest auf kommunaler Ebene und wenn sie einen Personalausweis besitzen, was allerdings selten der Fall ist. Nach offiziellen Angaben kandidierten rund 6100 Männern und mehr als 860 Frauen, wovon 20 gewählt wurden. vb