Für bedingungsloses Grundeinkommen Lathener fordert Umdenken im Sozialsystem

Von Matthias Engelken

Meine Nachrichten

Um das Thema Lathen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Im Internet informiert sich Udo Mathlage und diskutiert dort über Möglichkeiten des bedingungslosen Einkommens. Foto: Matthias EngelkenIm Internet informiert sich Udo Mathlage und diskutiert dort über Möglichkeiten des bedingungslosen Einkommens. Foto: Matthias Engelken

Lathen. Gleiches Grundeinkommen für alle. Bedingungslos. Wenn Udo Mathlage von diesem Wirtschaftsmodell spricht, wird es schnell als Spinnerei abgetan. Und doch ist der Lathener überzeugt, dass eine radikale Änderung des sozialen Systems in Zeiten der Digitalisierung und des demografischen Wandels unabdingbar ist.

Die Idee ist Jahrzehnte alt. Viele Experten werben seit Jahren für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Einer davon ist „dm“-Gründer Götz Werner. Der Ökonom Thomas Straubhaar und auch Telekom-Chef Timotheus Höttges sind ebenfalls Befürworter des Systems. Alle stellen das aktuelle Sozialsystem infrage und werben für innovative Ideen.

„Die Arbeitswelt verändert sich. In Zeiten der Digitalisierung der Arbeit fallen in vielen Berufsbereichen Arbeitsplätze weg, das Rentensystem ist bereits jetzt in Schieflage, Menschen werden immer älter“, sagt auch Udo Mathlage. Der Kaufmann war vor gut zwei Jahren durch einen Artikel auf das Konzept einer Vereinheitlichung gestoßen. „Ich habe es zunächst auch als Quatsch abgetan“, sagt er. Später las er mehr darüber. Heute ist der Lathener überzeugt, dass ein radikales Umdenken stattfinden muss, um zukünftig den Sozialstaat finanzierbar zu machen und damit aufrecht zu erhalten.

Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) sieht vor, jedem Bürger, unabhängig seiner wirtschaftlichen Lage, einen festgelegten, existenzsichernden Betrag zu geben. Dies ohne Gegenleistung. Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe oder Kindergeld entfielen. Während Kritiker diese Transferleistung des Staates als „Geld fürs Nichtstun“ aburteilen und befürchten, Bürger würden sich auf die faule Haut legen, ist der Lathener Kaufmann davon überzeugt, dass ein existenzsicherndes Grundeinkommen geradezu motivierend ist: „Das BGE befreit von Existenzsorgen. Es darf jeder das machen, was er kann und was ihm Spaß macht“, glaubt Mathlage. Solange jedoch die Sorge über Geld das Leben bestimmt, sei dies nicht möglich. Seiner Meinung nach würde die Gesellschaft davon profitieren.

Nicht allein

Mit dieser Meinung steht er längst nicht allein da. So hegt er den Kontakt zu vielen Gleichdenkenden, informiert sich im Internet über innovative Ideen zum Bürgergeld, diskutiert darüber und kritisiert dabei auch die Politik: „Leider zögert sie, offen über eine radikale Änderung des Sozialsystems nachzudenken, obwohl Politiker wissen, dass es unumgänglich ist“, meint er und verweist auf zaghafte Versuche einiger. So etwa der damalige Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus, der 2006 ein Konzept einbrachte, dass die Bundes-CDU als durchaus visionär bezeichnete, aber gleichsam Bedenken hinsichtlich einer Motivation zur Faulheit äußerte, ähnlich wie der damalige SPD-Generalsekretär Hubertus Heil. „In der Folge haben sich aber alle Parteien von den Linken bis zur FDP damit beschäftigt, sogar für finanzierbar angesehen, doch sie trauen sich nicht, dies offen auszusprechen, aus Angst vor Stimmeneinbußen bei Wahlen“, meint der Familienvater.

Doch gerade die müssten seines Erachtens nach durchaus bereit sein für Neues, etwa mit Blick auf die aktuellen Sozialhilfegesetze. „Die Höhe der Hartz-IV-Leistungen sind menschenunwürdig“, findet Mathlage. Seiner Meinung nach brächte ein Mindesteinkommen sozialen Frieden. „Heutzutage arbeiten Mann und Frau in der Familie, wir bieten Auszeiten an, beispielsweise bei Elternzeiten. Wir sprechen von freier Entfaltung. Aber nur ein modernes Sozialsystem kann das wirklich bieten“, plädiert der gebürtige Nordhorner für ein Umdenken. Seine Hoffnung: Erste Feldversuche, die aktuell laufen. So startete 2014 in Deutschland ein privates Crowdfunding-Projekt, Finnland testet derzeit als erstes europäisches Land auf Anregung der dortigen Regierung ein teilweise bedingtes Grundeinkommen.

In der Schweiz hingegen scheiterte noch 2016 eine Volksabstimmung vor allem aufgrund der Bedenken zur Finanzierbarkeit. Dennoch hofft Mathlage auf einen Wandel. Und setzt auch auf die Politik. So gründete sich im September 2016 die BGE-Partei mit Namen „Bündnis Grundeinkommen“ in Bayern. Dabei ist der Name auch einziger Programmpunkt. Zahlreiche Landesverbände folgten, auch in Niedersachsen ist sie mittlerweile beheimatet. Für Mathlage Grund genug, auch weiter über seine Idee zu reden. Auch wenn sie schnell als Spinnerei abgetan wird.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN