Dankbarkeit und Schuldgefühle So haben zwei Papenburgerinnen das Transrapid-Unglück überlebt

Von Gerd Schade

Dankbar für ihr Überleben sind Marita Frerichs (links) und Stefanie Freimuth-Hunfeld. Schuldgefühle sind indes bis heute nicht vollends verschwunden. Foto: Gerd SchadeDankbar für ihr Überleben sind Marita Frerichs (links) und Stefanie Freimuth-Hunfeld. Schuldgefühle sind indes bis heute nicht vollends verschwunden. Foto: Gerd Schade

Papenburg/Lathen. Marita Frerichs (41) und Stefanie Freimuth-Hunfeld (38) aus Papenburg haben das Transrapid-Unglück mit 23 Toten am Donnerstag, 22. September, vor zehn Jahren in Lathen überlebt. Dafür sind sie sehr dankbar.

Es ist ein sonniger Tag, an dem Frerichs und Freimuth-Hunfeld als Mitglieder einer elfköpfigen Gruppe zu einer Besucherfahrt mit dem Transrapid nach Lathen aufbrechen. Die Stimmung ist locker und gelöst, das Wochenende steht vor der Tür. Die Fahrt mit dem Transrapid 08 bildet den Abschluss des Rahmenprogramms einer Tagung ihres damaligen Arbeitgebers. Dass sechs Menschen aus der Gruppe den Ausflug nicht überleben werden, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand.

Vor Fahrtbeginn Plätze gewechselt

„Wir mussten damals unheimlich lange warten, bevor wir überhaupt einsteigen konnten“, erinnert sich Freimuth-Hunfeld. „Und als wir drin waren, haben wir uns weiter nach hinten gesetzt, weil uns auf unseren ersten Plätzen die Aussicht versperrt war.“ Die damals 28-Jährige setzt sich in Fahrtrichtung links ans Fenster, ihre Freundin Frerichs nimmt direkt daneben auf dem Sitz am Mittelgang Platz.

Als sich der Zug endlich in Bewegung setzt, steht Frerichs kurz auf, um ihr Mobiltelefon zu holen, das sie im hinteren Teil des Transrapids deponiert hat. Die Magnetschwebebahn nimmt gerade erst Fahrt auf, als sie abrupt in der Katastrophe endet. Bei Tempo 170 – „weil ich kurz hochgeguckt habe“, kann sich Frerichs an die Anzeige auf dem Display vorne im Zug noch gut erinnern – prallt der TR 08 frontal auf einen Wartungswagen. Irgendjemand habe noch „Stopp!“ oder „Halt!“ gerufen. Vergeblich. Der Zug bohrt sich unter das tonnenschwere Hindernis, das versehentlich nicht von der Strecke rangiert worden war.

Wie in einem Katastrophenfilm

Die Passagiere im vorderen Teil des Transrapids haben keine Chance. „Alles, nicht nur die vorderen Sitze mit den Menschen, kam auf einen zu. Es war wie in einem Katastrophenfilm“, erinnert sich Stefanie Freimuth-Hunfeld. Sie wird schwer verletzt unter dem Sitz ihres Vordermannes samt dessen Körper begraben. Aber sie lebt, die Passagiere in der linken Sitzreihe am Mittelgang nicht mehr. Auch der Platz, auf dem eben noch Marita Frerichs gesessen hatte, wird vom Wartungswagen rasiert. „Gott sei Dank bin ich kurz vorher aufgestanden. Nur deshalb habe ich überlebt“, sagt sie. Warum sie glaubte, unbedingt ihr Handy holen zu müssen, weiß die Papenburgerin nicht mehr. „Es gab eigentlich keinen besonderen Grund.“

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Als Stefanie Freimuth-Hunfeld nach dem ersten Schock zu sich kommt, realisiert sie, dass neben ihr zwei Tote liegen. Direkt über der Papenburgerin thront der Wartungswagen. Hydrauliköl tropft von oben auf sie herab.

Luftnot und starke Schmerzen

„Ich wusste sofort, dass eine Katastrophe passiert ist, aber ich hatte jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren“, sagt Freimuth-Hunfeld.

An mehreren Stellen in dem verunglückten Zug steigt Qualm auf. Luftnot schnürt der Papenburgerin die Kehle zusammen. Außerdem hat sie starke Schmerzen. Dann packt sie Todesangst. „Ich war mir sicher, dass ich entweder ersticke oder bei lebendigem Leib verbrenne“, sagt die 38-Jährige.

Aber noch bevor die ersten Rettungskräfte an der Unglücksstelle über freiem Feld eintreffen, wird Freimuth-Hunfeld vom Fahrer des Wartungswagens aus dem Transrapid gehievt. Um sie herum registriert sie „Berge von Schrott. Ich wollte einfach nur raus und in ein Krankenhaus.“ In der Tat erstreckt sich das Trümmerfeld über mehrere Hundert Meter.

Traumatherapie hilft, das Geschehene zu verarbeiten

Wo ihre Freundin Marita Frerichs zu diesem Zeitpunkt ist, weiß Freimuth-Hunfeld nicht. Später plagt sie das Gewissen, weil sie sich damals nicht sofort nach ihrem Befinden erkundigt hat. Frerichs verliert mehrfach das Bewusstsein. Wie sie später in den Einsatzprotokollen nachliest, vergehen zwischen ihrer Rettung und der Aufnahme im Krankenhaus etwa vier Stunden.

Beide erleiden bei dem Unglück schwere Verletzungen wie Lungenriss, Rippenbrüche und Schädel-Hirn-Trauma. Freimuth-Hunfelds schlimmste Verletzung ist eine Fraktur des sechsten und siebten Brustwirbels. Im Gegensatz zu ihrer Freundin kommt sie mit einer Operation davon. Frerichs lässt hingegen zehn Eingriffe über sich ergehen, unter anderem im Kieferbereich. Die körperlichen Folgen spüren beide bis heute. Sie sind nach wie vor in physiotherapeutischer Behandlung.

Eine Traumatherapie hilft derweil, das Geschehene seelisch zu verarbeiten. „Wir haben oft und intensiv darüber gesprochen – auch untereinander“, sagt Frerichs. Vereinfacht gesagt, hat sie unter anderem gelernt, das Erlebte wie in einen Karton zu packen und beiseite zu stellen.

Und doch verhehlen beide nicht, dass sie mitunter „extreme Schuldgefühle“ geplagt haben, „weil wir überlebt haben und beispielsweise die Eltern von vier Kindern nicht“, sagt Freimuth-Hunfeld. Sie machte sich zudem Vorwürfe, ihre Freundin, die an der Fahrt ursprünglich gar nicht teilnehmen wollte, überredet zu haben, mitzukommen. Dass sie die Angst, überhaupt wieder in einen Zug zu steigen, zwischenzeitlich überwunden hat, erscheint da fast nebensächlich.

Gedenkfeier unter Ausschluss der Öffentlichkeit

An der nichtöffentlichen Gedenkfeier für die Hinterbliebenen anlässlich des zehnten Jahrestages des Unglücks an diesem Donnerstag nehmen die beiden Papenburgerinnen bewusst nicht teil. „Das ist ein Tag für die Toten und deren Angehörige“, sagt Frerichs. Sie selbst wird an dem Tag in Urlaub fahren. Ihre Freundin widmet sich einer Fortbildung.

Beide gehen so normal wie möglich mit dem Geschehenen um und sind einfach dankbar, dass sie überlebt haben. Sie sind fest davon überzeugt, „dass unsere Zeit noch nicht gekommen war. Aber deshalb wird man hinterher kein anderer Mensch“, betont Marita Frerichs. Und doch hätten sie etwas gelernt – beispielsweise, wie wichtig es ist, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein und sich bewusster als früher gelegentlich Auszeiten zu gönnen. Beide arbeiten in der Pflegebranche – Freimuth-Hunfeld als Pflegedienstleitung des Caritas-Pflegedienstes Unterems, Frerichs als Heimleiterin des Senioren- und Pflegeheims St.-Nikolausstift in Rhede.

Ihr Dank gilt den Feuerwehrleuten und Rettungskräften, den Beschäftigten der Papenburger Meyer Werft, die damals mit Schweißgeräten anrückten, den Mitarbeitern des Kluser Transport- und Bergungsunternehmens Gertzen, dem Ombudsmann, der sich um schnelle und unbürokratische Hilfe für die Hinterbliebenen kümmerte, Krankenhaus-Mitarbeitern, Angestellten der Krankenkassen und der Berufsgenossenschaft sowie Familienmitgliedern, Angehörigen und Freunden. „Wir sind überall auf offene Ohren gestoßen und immer sehr gut unterstützt worden“, sagt Freimuth-Hunfeld.

Wie tief sich das Unglück in das Gedächtnis der Emsländer gegraben hat, hat unser Kollege in einem Kommentar aufgeschrieben.


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