Wenn nur Rundum-Erneuerung hilft Puppendoktor in Niederlangen: Ein Beruf mit Emotionen

Von Birgit Waterloh

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Niederlangen. Wenn bei der heißgeliebten Puppe aus Kindertagen ein Arm schlackert oder gar ein Auge fehlt, kann nur der Puppendoktor helfen. Dieser war jetzt zu Gast im Puppenmuseum in Niederlangen.

Ein Blick in die Werkzeugkiste des Puppendoktors offenbart: Hier ist ein echter Chirurg am Werk. Christian Schneider, der in Düsseldorf ein eigenes Puppengeschäft besitzt, hält zahlreiche OP-Zangen, Skalpelle und Greifhaken bereit. Schon vor Beginn seiner Sprechstunde in Niederlangen hatten sich mehr als 30 Puppenliebhaberinnen am Museum eingefunden, berichtete Ulrike Küpers, die Initiatorin des Museums.

Der Kontakt zu Schneider entstand, als dieser ihr eine lang ersehnte Schildkrötpuppe aus den 1930er Jahren besorgte. Dieses ist eine Kopie der Puppe, die sie durch die Kindheit begleitet hatte und die sie schließlich den Töchtern einer Freundin schenkte. Noch bevor Küpers jedoch ihre Sammelleidenschaft für Puppen entdeckte, wurde diese von den Mädchen „würdevoll im Mülleimer bestattet“, wie Küpers erzählt.

In vierter Generation

Der 43-jährige Schneider betreibt das 1919 gegründete Puppengeschäft in vierter Generation. Bereits als Kind hat er dem Vater bei der Arbeit über die Schulter geschaut. „Junge, Du darfst nichts kaputtmachen“, lautete stets dessen Anweisung zur Vorsicht im Umgang mit den ihnen anvertrauten Puppen. Und das nicht ohne Grund. Die Vorkriegsmodelle wurden aus Celluloid gefertigt. Sie waren damit nicht nur brennbar, sondern auch leicht zerbrechlich. In den 50er Jahren erfolgte die Umstellung auf Tortellon, das machte insbesondere die Köpfe robuster.

(Weiterlesen: Puppe nach 65 Jahren in Niederlangen wiedergefunden)

Bei der Puppe von Annemarie Krallmann aus Dörpen fehlt ein Finger, ihre Tochter ist aus Versehen darauf getreten. Zudem sind die Beine lose. Das ist ein typisches Problem, sagt Schneider. Oft würden Mütter versuchen, die ausgeleierten Gummizüge mit Hosenband zu reparieren. Dies jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Für den Puppendoktor ist das eine Standardreparatur. Innerhalb von fünf Minuten hat er Arme oder Beine wieder fest verzurrt.

Für „Operation“ mit nach Düsseldorf

Der Finger hingegen ist ein Problem. Hier will Schneider sich in seinem umfangreichen Fundus umsehen, ob ein passendes Glied angesetzt werden kann. Diese „Operation“ kann auch nicht vor Ort erfolgen, deshalb nimmt er die Puppe mit nach Düsseldorf. Im September wird er wieder zur Sprechstunde nach Niederlangen kommen und die Puppe dann zurückbringen. Darauf freut sich Annemarie Krallmann schon jetzt. Sie möchte die Puppe, die sie als Kind geschenkt bekam, für ihre Enkelkinder erhalten.

Die unterschiedlichen Puppen und Geschichten, die damit verbunden sind, machen für Schneider den Reiz seines Berufes aus. „Da hängt unheimlich viel Emotionales dran“, weiß er aus den Erzählungen seiner Kundinnen.

Nur Rundum-Erneuerung hilft

Im Laufe des Nachmittags bekommt Schneider noch verschiedenste Puppenmodelle in die Hände. Bei einer Zapf-Puppe aus den 1970er Jahren fehlt ein Arm. Auch die Übergänge vom weichen Stoffkörper zu den massiven Gliedmaßen sind an vielen Stellen ausgerissen. Hier kann nur eine Rundum-Erneuerung helfen. Das weiche Gesicht einer Vinylpuppe weist Dellen auf. Das sei bedingt durch Temperaturschwankungen, erklärt Schneider. „Da ist wenig zu machen“, weiß er.

(Weiterlesen: Auszeichnung für kinderfreundliche Puppenstube in Niederlangen)

Anders hingegen sieht es bei einem Vorkriegsmodell aus. Das Loch im Kopf kann durch das Auflegen von Stoffläppchen und anschließendem Retuschieren wieder komplett unsichtbar gemacht werden. Allerdings geht das nur mit mehreren Trocknungsgängen. Das bedeutet für die Puppe ebenfalls eine Weiterreise nach Düsseldorf. Solche Puppen zählen zu Schneiders Lieblingen. Funktionspuppen von heute mag er nicht. „Die sind für die Mülltonne produziert, da gibt es keine Ersatzteile“, erläutert er.

„Aussterbender Beruf“

Ob mit diesen Wegwerfartikeln auch seinem Beruf die Grundlage entzogen wird, vermag Schneider nicht zu beurteilen. „Es ist sicher ein aussterbender und auch angestaubter Beruf“, sagt er. Das 100-jährige Bestehen seines Familienbetriebes will er auf jeden Fall begehen. Ob einer seiner beiden Söhne die Tradition danach fortführen wird, steht noch in den Sternen.


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