Firma Intis lädt Elektromobile In Lathen fahren Autos mit Strom aus der Straße


Lathen/Hamburg. Unsichtbar und kabellos: Intis, eine Tochtergesellschaft des Magnetschwebebahn-Betreibers IABG aus München, hat auf ihrer Versuchsstrecke in Lathen die Technologie ausgefeilt, Elektromobile während der Fahrt aufzuladen – und zwar durch die Straße. Sie soll demnächst Alltag werden.

Die Bundesregierung hat ein Ziel: Bis 2020 sollen eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen rollen. Die Realität zeigt, dass das Ziel derzeit nicht einmal von
hinten zu erkennen ist. 25500 Strommobile gab es Anfang 2016 hierzulande laut Kraftfahrtbundesamt – bei 45 Millionen Pkw insgesamt.

„Die Elektromobilität hängt im Wesentlichen von der Ladeinfrastruktur ab“, sagt Intis-Geschäftsführer Ralf Effenberger. „Und das Ladethema ist ein Hemmnis.“ Effenberger ist für Strom aus der Straße: Was sich nach einer futuristischen Vision anhört, ist aus Sicht des 51-Jährigen nötig. „Wenn Sie bis 2050 90 Prozent des CO2-Ausstoßes weghaben wollen, brauchen Sie technologische Voraussetzungen.“ Intis – Integrated Infrastructure Solutions – ist eines der Unternehmen, die daran beteiligt sind, diese zu schaffen. „Wir haben einen kleinen, aber nicht ganz unbedeutenden Anteil an einem großen Umbruch“, sagt Effenberger.

Versuchsanlage in Lathen für Ladetechnologie aufgebaut

Den hat das Unternehmen für sich Ende 2011 gestartet. In dem Jahr legt die IABG mbH, die die Betreibergesellschaft der Magnetschwebebahn-Teststrecke in Lathen und der Mutterkonzern der Intis ist, die Anlage still. Effenberger, der dort seit 2008 beschäftigt war, wechselt zur neuen Tochter, die sich fortan mit der Technologie rund um die dynamische, aber auch stationäre induktive Ladung beschäftigen soll – Firmensitz ist Hamburg. In Lathen aber steht die Versuchsanlage, die ausschließlich der Entwicklung der Batterieladetechnologie dient und nur für diesen Zweck errichtet worden ist.

Fördermittel vom Bundesverkehrsministerium für Technologieentwicklung

Mithilfe von Mitteln des Bundesverkehrsministeriums ist das „Wireless Power Road“-Projekt, an dem weitere Firmen und Institutionen beteiligt waren, ab 2012 zwei Jahre lang gefördert worden. Intis gründete sich kurz vorher – Ende 2011 – auch wegen des geografischen Vorteils. „Wir wollten uns auch im Norden aufstellen“ – auch wegen der „Windthemen“. Und auch, um Kunden der Münchener Mutter IABG im oberen Teil Deutschlands betreuen zu können.

Einen Bezug zum Prinzip Schwebebahn gibt es nur teilweise, wie der Geschäftsführer sagt. „Der Zusammenhang ist die berührungslose Energieversorgung von Fahrzeugen.“ Dennoch müsse es Lathen als Standort sein, denn dort sei nach wie vor qualifiziertes Personal vorhanden. Ansonsten war dort „wenig Altes nutzbar“.

Strom kommt aus Magnetfeld zwischen Auto und Straße

Bei Intis sollen die Elektromobile über einen sogenannten „Lufttransformator“ mit Energie versorgt werden. Er besteht nach Angaben auf der Firmenwebseite „aus einem Primärsystem in der Straße und einem Sekundärsystem (Pick-up), das am Fahrzeugboden untergebracht wird“ – dazwischen der Luftspalt, in dem die beiden Systeme magnetisch gekoppelt sind. Dadurch erfolge „die permanente induktive Energieübertragung von der Straße in die mobilen Komponenten“, heißt es weiter. Fahrzeuge, die eine entsprechende Batterie an Bord haben, werden eben dadurch im Vorbeifahren aufgeladen.

Die Ästhetik betreffend, sieht Effenberger dabei kein Hindernis bei dem in die Straße eingearbeiteten System, denn „es muss vollständig ins Stadtbild integriert werden“, sagt er. Mit der Installation unter der Straßenoberfläche gebe es außerdem einen Schutz vor Zerstörung. Durch die Ladung per Straße könne „möglichst häufig und möglichst schnell“ geladen werden, so der Intis-Geschäftsführer. Dadurch ließe sich auch die Größe der Batterie verringern, was zwei Vorteile habe: Das Auto werde dadurch günstiger, und es müsse weniger Platz für den Energiespeicher vorhalten.

Zunächst alltagstauglich für Paketdienste etwa

Praktische Anwendung kann das System Effenberger zufolge vor allem im Wirtschaftsverkehr finden: Paketdienste, Kuriere, Kleinlieferfahrzeuge etwa. „Mit Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren wird es immer schwieriger, in die Innenstädte zu kommen“, sagt er. In den Niederlanden oder in Norwegen dürften die Zentren wegen der Feinstaubbelastung schon jetzt nicht mehr mit Dieselfahrzeugen angefahren werden. Verbreitet sich das Straßenladesystem im Lieferverkehr, werde es auch billiger.

Da kommt dann der Privatmensch ins Spiel, für den Elektromobilität vor allem ein „Komfortthema“ ist, wie Effenberger sagt. Er erinnert an die „Steckerdiskussion“ vor Jahren. Wenn nicht jeder Stecker an jede Ladesäule passt, bedeutet Elektromobilität einen entscheidenden Nachteil gegenüber kraftstoffbetriebenen Autos. Allerdings sei auch Intis mit der Normung – der Interoperabilität – beschäftigt, so Effenberger. „Passt Fahrzeug A auf dieselbe Ladestation wie Fahrzeug B?“ Denn für die induktive Energieübertragung ist auch die statische Variante vorgesehen, sagt Effenberger. Soll heißen: Energie tanken beim Warten. So könnten Taxis, die am Flughafen für Passagiere bereitstehen, ihre Reserven im Stillstand auffüllen, ebenso Fahrzeuge des öffentlichen Personennahverkehrs an Haltestellen, erklärt Effenberger.

Induktive Ladung demnächst auf deutschem Flughafen?

Konkret soll die Anwendung in Kürze werden. Intis steht in Verhandlung mit einem Flughafen in Deutschland. „Die Fahrzeuge dort wollen ihren CO2-Fußabdruck verbessern“, sagt der Intis-Chef, der den Ort noch nicht bekannt geben darf. Vorgesehen ist, die Gepäcktransporte und auch die Zubringer für die Passagiere zum Flieger auf dem Vorfeld zu elektrifizieren. Zusätzlich wird das induktive Ladesystem Teil der Ausbildung für Kfz-Mechatroniker der Kfz-Innung Oberbayern in München. Im Sommer soll das erste Mobil samt Technologie zu Lehrzwecken dorthin geliefert werden.

Auch davon abgesehen, werden sich für Effenberger „in zwei bis drei Jahren die Weichen stellen“, sagt er. Aktuell sei Elektromobilität eine „reine Garagenlösung“, aber „schon in sechs bis acht Jahren kann die Technologie für wesentliche Verkehrsströme genutzt werden“.

Intis, die in der Region zusätzlich Beratung in Sachen Energiemanagement anbietet, veranstaltet einen Tag der offenen Tür. Beginn ist am 1. Juni in der Hermann- Kemper- Straße 23 in Lathen von 14 bis 19 Uhr.



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