Sauer auf Misereor Landjugend Neulangen boykottiert Fastenmarsch


Niederlangen-Siedlung. Die Landwirte in der Region haben es satt, zum permanenten Sündenbock für viele Übel in der Welt abgestempelt zu werden und fordern von Kirche und Gesellschaft mehr Anerkennung für ihre Arbeit. Das bekundeten mehr als 150 Landwirte, Mitglieder landwirtschaftlicher Organisationen und Bürger bei einer Diskussionsveranstaltung mit Vertretern der katholischen Hilfsorganisation Misereor im Saal Knevel in Niederlangen-Siedlung.

Der Diskussionsabend war eine Reaktion auf die emotionale Betroffenheit der Landwirte von den Anschuldigungen und Parolen der Protestdemonstration „Wir haben es satt“ im Rahmen der Grünen Woche in Berlin. 46 Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbände waren hierbei gegen Massentierhaltung, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Regenwaldabholzung und den Hunger in der Welt auf die Straße gegangen. Wegen der Beteiligung Misereors an dieser Aktion hat die Katholische Landjugendbewegung (KLJB) Neulangen als Gastgeber des Diskussionsabends ihren Boykott des Misereor-Fastenmarsches angekündigt, bei dem in diesem Jahr für ein Hilfsprojekt auf den Philippinen gesammelt wird. Der KLJB-Diözesanvorsitzende Michael Engbers stellte den Ortsgruppen eine Teilnahme am Fastenmarsch frei, appellierte jedoch an alle, diese Aktion weiterhin zu unterstützen. Verlierer seien letzten Endes die Menschen auf den Philippinen, betonte Engbers.

Dr. Felix zu Löwenstein, Mitglied des Misereor-Beirats und selbst Landwirt, distanzierte sich von den üblen Parolen einiger extremer Gruppen. Die Idee der Veranstaltung sei es nicht, Landwirte zu verletzen oder einzelnes Fehlverhalten an den Pranger zu stellen, sondern die Bereitschaft der Gesellschaft zum Dialog als Chance zu betrachten. Ein fortschreitendes Höfesterben, Massentierhaltung verbleibender Betriebe und immer weiter sinkende Verbraucherpreise zögen die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Systems und nach dem richtigen Umgang mit dem Lebendigen nach sich. Nicht die Landwirtschaft an sich, sondern der Markt und sein System seien verantwortlich für die geänderten Strukturen. „Wir müssen Verantwortung übernehmen und gemeinsam überlegen, wie wir die Rahmenbedingungen ändern können.“ Bei dieser Diskussion seien Misereor und Landwirte eng beieinander, denn es gelte in erster Linie die Frage nach dem Konsumverhalten der Gesellschaft anzugehen.

„Wir können die Agrarpolitik nicht isoliert von unserem Lebensraum sehen“, mahnte Theo Paul, Generalvikar des Bistums Osnabrück und Vorsitzender des Misereor-Verwaltungsrates und warb für eine Große Koalition zwischen Misereor und Landwirtschaft. Aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Positionierung würden Landwirte angreifbar. „Wenn die eigenen Probleme tabuisiert werden, wird die Akzeptanz der Bevölkerung – unabhängig von Kirche und Misereor – noch weiter wegbrechen“. Wichtig sei es daher, einen gemeinsamen Weg in Richtung sozial-ökologische Marktwirtschaft zu finden. Im Kampf gegen den Hunger und die Not in der Welt sei Misereor als ein Inspirator zu sehen, der durchaus kritisch hinterfragt werden dürfe.

Das katholische Hilfswerk ist laut Bernd Bornhorst, Leiter der Misereor-Abteilung Politik und globale Zukunftsfragen, nicht parteipolitisch, jedoch in seinem Einsatz für die Not der Armen durchaus parteiisch. Ein großes Problem aus der gegenwärtigen Landwirtschaftspolitik sei beispielsweise die Verwendung von Soja als Tierfutter in den EU-Ländern. Für dessen Anbau würden Kleinbauern in Afrika oder Lateinamerika durch die Enteignung ihrer Ländereien in die Armut gedrängt. Kernaufgabe Misereors sei die Entwicklung. Mit billigen Exporten werde die Idee, dass Menschen sich selber ernähren können, kaputtgemacht. Eine Lösung der regionalen sowie weltweiten Missstände in der Landwirtschaft ist laut einhelliger Auffassung der Misereor-Vertreter nur in einer Veränderung des Systems und einem verantwortungsbewussteren Konsumentenverhalten zu finden.