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„Ich war schon auf dem Weg zur Gaskammer“

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Eine zufriedene Frau: Erna de Vries hat gelernt, mit den grausamen Erlebnissen ihrer Jugend umzugehen. Heute erzählt die Jüdin Jugendlichen vom Martyrium.Eine zufriedene Frau: Erna de Vries hat gelernt, mit den grausamen Erlebnissen ihrer Jugend umzugehen. Heute erzählt die Jüdin Jugendlichen vom Martyrium.

„Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Janette Korn 1943 von ihrer damals 19 Jahre alten Tochter Erna auf der Lagerstraße des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. „Es war einer der bittersten Momente meines Lebens“, sagt die heute 82-jährige Emsländerin. Ihre Mutter sah sie nie wieder. Dass die heutige Ehrenbürgerin der Gemeinde Lathen als Jüdin die Hölle von Auschwitz überlebte, ist für sie immer noch unfassbar. Tatsächlich war ihr Todesurteil bereits gesprochen. Sie befand sich schon mit 400 weiteren Frauen auf dem Weg in die Gaskammern, doch dann kam alles anders...

Erna de Vries, wie sie heute heißt, wurde 1923 in Kaiserslautern als einziges Kind einer Unternehmerfamilie geboren. Die Mutter war Jüdin, der Vater Protestant. Er starb 1930 im Alter von 46 Jahren. „Von da an mussten wir ohne Ernährer und Beschützer auskommen“, erzählt die Lathenerin.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 änderte ihr Leben komplett. Die Mutter musste die Speditionsfirma schon bald verkaufen. Erna durfte nicht mehr die städtische Schule und später auch nicht die geliebte Schule der Franziskanerinnen besuchen. Zwei ihrer jüdischen Onkel boten ihr damals an, mit nach Übersee auszuwandern. Die Verwandten schafften es tatsächlich kurze Zeit später noch rechtzeitig zu fliehen. „Meine Mutter wollte jedoch meine Großmutter nicht zurücklassen“, erklärt Erna de Vries. Die Oma starb ein Jahr später.

Was nun folgte, war ein Martyrium, das mit der Reichspogromnacht am 10. November 1938 begann: „Ein ehemaliger Chauffeur unserer Spedition warnte uns bereits um sechs Uhr morgens“, erzählt Erna de Vries. Die junge Jüdin arbeitete damals in einer Aussteuernäherei eines Juden. „Die Kerle standen schon vor unserer Fabrik.“ Alle Arbeiter mussten antreten, und dann schrien sie: „Juden raustreten!“. Erna und noch sechs weitere Juden traten vor. Plötzlich packte die junge Frau die Sorge um ihre Mutter, und sie rannte einfach weg. „Wie durch ein Wunder hielt mich keiner auf“, schildert sie. Zu Hause angekommen, kam sie wieder zu Sinnen. „Wir flüchteten in unserer Verzweiflung vor den grölenden braunen Horden zum Grab meines Vaters.“

Eine Stunde hielten sie in der Kälte aus. Dann ging das jüdische Mädchen wie „magisch angezogen“ gegen den Willen ihrer Mutter zurück zum elterlichen Haus. Die damals 15-Jährige hörte schon von Weitem das Zersplittern von Holz und Zerbersten von Fenstern. Eine Menschenmenge stand auf dem Hof und schaute zu. „Ich wollte mich gegenüber den Gaffern stark zeigen, und trotzdem liefen mir einige Tränen über die Wange“, erinnert sie sich heute. Eine glühende Nationalsozialistin erkannte sie und schrie: „Schmeißt die Jüdin in den Krempel!“ Doch die SS-Schergen waren vollauf mit der Zerstörung des Hauses beschäftigt.

Erna holte später ihre Mutter. Die braunen Horden hatten ganze Arbeit geleistet und alle Möbel kurz und klein geschlagen. Die Bilder kann sie bis heute nicht vergessen: „Das Mittagessen hing an der Wand. Überall klebten Federn der zerfetzten Betten.“ Sie und ihre Mutter hatten nun die Gewissheit: „Jetzt sind wir vogelfrei.“ Während die Mutter innerlich schon damals zusammenbrach, war Erna de Vries „mit einem Schlag erwachsen geworden“.

In dem ganzen Hass, den die Judenverfolgung des NS-Regimes propagierte und schürte, erlebte sie jedoch immer wieder Menschlichkeit und Nächstenliebe: ein zaghaftes Lächeln, ein vorsichtiges Zunicken auf der Straße oder sogar das mutige und durchaus gefährliche Handeln von Nachbarn. „An solchen kleinen Gesten habe ich mich immer wieder festgehalten“, sagt die Rentnerin.

Auch am 10. November 1938 kam eine Nachbarin und brachte ihnen Essen und Koffer. Erna und ihre Mutter flüchteten zu Verwandten nach Köln. Hier arbeitete die junge Frau zuerst als Aushilfe in einem jüdischen Altersheim und dann ab 1941 als Lernschwester in einem jüdischen Krankenhaus.

Auf Befehl Adolf Hitlers und mit dem offiziellen Beschluss der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 erfolgte offiziell die systematische Ausrottung des Judentums in Vernichtungslagern. Die Nazis ermordeten insgesamt rund sechs Millionen Juden. Erna de Vries musste von nun an selbst an ihrer Schwesterntracht den Judenstern tragen. Ihre Mutter wohnte inzwischen in Kaiserslautern. „Ich lebte in der ständigen Angst, wir könnten getrennt werden“, erzählt sie.

Während eines Besuchs bei der Mutter im Mai 1942 wurde das Krankenhaus in Köln geschlossen und die jüdischen Mitarbeiter in Vernichtungslager abtransportiert. Um ihren Lehrvertrag beenden zu können, bewarb sich Erna bei einem anderen jüdischen Krankenhaus in Frankfurt. Doch ihre Mutter wollte Kaiserslautern partout nicht verlassen. Später erfuhr Erna de Vries, dass auch die jüdischen Krankenschwestern und Ärzte aus Frankfurt schon wenige Wochen später deportiert worden waren.

Die 18-Jährige arbeitete nun in einer Eisengießerei ganz in der Nähe ihres Wohnhauses. „Ich hoffte immer, dass wir uns gegenseitig in der Not beistehen könnten.“ Dass dies ein fataler Trugschluss war, sollte sie ein Jahr später auf bitterste Weise spüren. Dabei wuchs in dieser Zeit zugleich die Hoffnung, dass der „Spuk bald ein Ende hat“. Heimlich hörte sie den BBC-Nachrichtensender. Die junge Frau wusste um den Kriegsverlauf, aber auch um den Massenmord an ihrem Volk: Die Worte des BBC-Sprechers kann sie selbst nach über 60 Jahren noch auswendig aufsagen: „Heute ist ein Zug in Polen angekommen. Fünf Tage ohne Nahrung und Wasser. Viele Tote fielen aus Viehwaggons heraus. Der Rest wurde auf der Rampe erschossen.“

Am 6. Juli 1943 kam ein Nachbar in die Eisengießerei gerannt und hielt ihr sein Fahrrad hin: „Fahr schnell nach Hause. Sie wollen deine Mutter holen“, rief er. In sachlichem Ton erklärte ihr der Gestapo-Mann, dass nur die Mutter deportiert werde. Die 19-Jährige flehte ihn an. Sie erhielt die Erlaubnis, die Mutter noch bis nach Saarbrücken zu begleiten. Schon während der Autofahrt redete Erna de Vries lange auf den Gestapo-Mann ein. In Saarbrücken, kurz vor dem Abtransport, fragte er die plötzlich: „Wollen Sie immer noch mit Ihrer Mutter ins Lager?“ Sie nickte. Obwohl er wusste, dass Erna de Vries damit in den sicheren Tod fuhr, fügte er noch hinzu: „Wenn nicht, wären Sie auch eine schlechte Tochter.“ Er stellte ihr schließlich den Deportationsschein aus. „Ich war glücklich, meine Mutter am Boden zerstört.“

Mitte Juli 1943 erreichten sie das Konzentrationslager Auschwitz in Polen. „Es war gerade Zählappell der Männer und eine sehr bedrückende Atmosphäre“, schildert Erna de Vries. Sie und ihre Mutter wurden gleich ins eigentliche Vernichtungslager Birkenau mit dessen Krematorien und Gaskammern gebracht. Sie wurden geschoren und rasiert, desinfiziert und mit einem „Schwamm und einer brauen Brühe“ gewaschen. Jede Frau erhielt eine Tätowierung. Bis heute symbolisiert die Nummer 50462 Ernas Schicksal.

Die junge Frau und ihre 49-jährige Mutter kamen die ersten vier Wochen in das so genannte Quarantänelager. Im Klartext: „Wir lagen vier Wochen bei brütender Hitze auf einer Wiese und bekamen als tägliche Portion ein Becherchen Wasser, ein Stück Brot und Kartoffelschalen.“ Dann wurden die Frauen zur Arbeit herangezogen. Den nahe gelegenen Hermannsee mussten sie von morgens bis abends vom Schilf befreien. Abends mussten sie sich mit den nassen und verdreckten Kleidern auf die Pritschen in ihrer Baracke legen. Die Steppdecken waren mit Flöhen und Wanzen übersät. Beim Besuch der Latrinen mussten die Frauen eine Bretterbude passieren, in der die Leichen gestapelt wurden. „Wir hörten und sahen nur Ratten und wussten doch alle Bescheid“, erinnert sich Erna de Vries.

An den Beinen zog sich die Jüdin eine schmerzliche Bindehautgewebe-Entzündung zu. Die Wunden eiterten immer stärker. Es gab weder Verbandszeug noch sauberes Wasser, um sie zu behandeln. „Es war ein einzige Quälerei.“ Dann kam der Tag der Selektion: Der ganze Block musste raustreten und mit nacktem Körper am Arzt vorbeilaufen: „Mir war klar, dass er mich in diesem Zustand auswählen würde“, sagt die Lathenerin. Gemeinsam mit rund 600 anderen Frauen kam Erna de Vries im September 1943 in den Block 25 – den Todesblock. „Wir wussten, dass wir am nächsten Tag in den Tod gehen.“ Nachts kauerte sie auf der Erde. Auf den Pritschen war kein Platz mehr.

Am nächsten Morgen forderte die deutsche Gründlichkeit ein letztes Mal zum Zählappell auf. Die Frauen mussten sich bis auf die Schlüpfer ausziehen. Die Lastwagen fuhren bereits vor. „Es brach eine unbeschreibliche Panik aus.“ Die Frauen schrien durcheinander. Einige rissen sich die Haare aus, andere schlugen sich selbst. „In dem ganzen Tohuwabohu setzte ich mich auf die Erde und betete.“ Sie habe weder Angst noch Verzweiflung gespürt. Sie sei innerlich in dieser Hölle ganz ruhig gewesen. „Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen.“ Während Frauen auf ihre Hände traten, hatte Erna de Vries nur noch einen einzigen Wunsch: „Ich wollte noch einmal die Sonne sehen.“

Noch im Sitzen hörte sie von weitem jemand ihre Nummer rufen. Am Eingang des Todesblocks sah sie dann im dem ganzen Durcheinander einen SS-Mann mit einer Karteikarte in der Hand stehen. Sie ging zu ihm, und er verglich die Nummer mit der Tätowierung an ihrem Arm: „Du hast mehr Glück als Ver-stand“, sagte er. Wenige Minuten später fuhren die Lastwagen mit den anderen Frauen los. Erna de Vries: „Ich konnte nicht fassen, dass ich überleben sollte.“ Ein Mädchen fragte sie plötzlich: „Kommst du auch nach Ravensbrück?“ Die beiden jungen Frauen mussten sich aus dem Kleiderhaufen der Todeskandidatinnen etwas zum Anziehen suchen und den leeren Todesblock säubern.

Im Krankenrevier traf sie später eine verdutzte Frau aus ihrer alten Baracke wieder: „Du lebst!“ Erna kritzelte schnell einige beruhigende Worte für die Mutter auf einen Zettel. Mit dem festen Vorsatz, sie noch einmal sehen zu wollen, setzte sich die 19-Jährige über alle Lagervorschriften in Auschwitz hinweg und ging schnurstracks zu ihrem Block. „Sie war glücklich, dass ich aus dem Lager rauskomme“, weiß Erna de Vries. Dann verabschiedeten sie sich auf der Lagerstraße – ein Abschied für immer.

„Am 8. November 1943 erhielt ich die Nachricht, dass meine Mutter verstorben ist.“ Erna de Vries wurde mit 83 weiteren Frauen nach Ravensbrück (Mecklenburg-Vorpommern) deportiert. In diesem Konzentrationslager wurden von 1939 bis 1945 rund 132000 Frauen inhaftiert – 93000 von ihnen starben.

Erst 57 Jahre später erfuhr Erna de Vries von einem Historiker, dass sie den Holocaust überlebt hatte, weil man „Mischlinge“ für die Kriegsmaschinerie benötigte. Der Historiker stöberte im Jahr 2000 sogar die offizielle Todesurkunde ihrer Mutter auf. Sie starb an „Herzversagen“ – unterschrieben: „Mengele“.

20 Monate lang blieb Erna im KZ Ravensbrück, bis es am 30. April von der Roten Armee befreit wurde. Nach dem Krieg heiratete sie Josef de Vries, der als Jude ebenfalls die KZ-Hölle überlebt hatte, und zog mit ihm drei Kinder groß. Seit 1997 erfüllt die alte Dame den Wunsch ihrer Mutter und erzählt in Schulen vom Holocaust. Sie sagt: „Oft sind die Kinder anschließend einfach sprachlos.“


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