„Holocaust-Leugnern ist nicht zu helfen“ Auschwitz-Überlebende aus Lathen vollendet 95. Lebensjahr

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Lathen/Papenburg. Seit 20 Jahren berichtet die Holocaust-Überlebende Erna de Vries unermüdlich von der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten. Am Sonntag, 21. Oktober 2018, vollendet die Lathener Ehrenbürgerin ihr 95. Lebensjahr.

Im Foyer der Heinrich-von-Kleist-Oberschule ist es mucksmäuschenstill. Angesichts mehrerer Hundert für gewöhnlich mitunter quirliger Schüler der Jahrgangsstufen sieben bis zehn ist dies durchaus verwunderlich. Die Schüler hängen an den Lippen von Erna de Vries. Wenige Tage vor ihrem Geburtstag erzählt sie die Geschichte, die sie inzwischen x-mal erzählt hat. Es ist ihre Geschichte und zugleich die Einlösung eines Versprechens ihrer Mutter Jeanette Korn. „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat“, habe ihr die Mutter gesagt, als sich ihre Wege 1943 im Vernichtungslager Auschwitz für immer trennten.

(Lesen Sie gerne auch unsere Multimediareportage über Erna de Vries)

Wenn Erna de Vries, die 2014 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und nach der im Juni die Grund- und Oberschule Lathen benannt worden ist, erzählt, spannt die Zeitzeugin einen Bogen. Er beginnt bei einer kurzen, bis zum plötzlichen Herztod des Vaters Jacob im Jahr 1930 glücklichen Kindheit in Kaiserslautern, beschreibt in hohem Maße bedrückend die zunehmenden Repressionen und den perfiden Vernichtungswillen der Nazis gegen Juden und endet abrupt mit der nicht mehr für möglich gehaltenen Befreiung durch alliierte Soldaten im Frühjahr 1945 mitten in einem Todesmarsch auf offener Straße. „Wir haben jeden Abend in einem anderen Straßengraben geschlafen. Eines Morgens wollte ich schon gar nicht mehr aufstehen. Zwei Freundinnen haben aber auf mich eingeredet und so bin ich weitergeschlurft“, berichtet de Vries, die 2016 in Detmold als Zeugin im Prozess gegen den damals 94-jährigen ehemaligen SS-Unterscharführer Reinhold Hanning aussagte, der als Wachmann in Auschwitz tätig war.

Der Trugschluss, helfen zu können

„Es fällt mir nicht leicht, über die Erlebnisse zu sprechen, aber auch nicht so schwer, dass ich es nicht könnte“, sagt de Vries auf Nachfrage eines Schülers.

Überhaupt zeigen sich die Schüler gut vorbereitet. Sie haben viele Fragen in petto. Lehrer Peter Szmaj hat eine Vorauswahl getroffen und Schülersprecher Florian Pfeiffer eilt mit Mikrofon durchs Auditorium, um es den Fragestellern unter die Nase zu halten.

Warum sie ihre Mutter freiwillig nach Auschwitz begleitet hat? „Ich dachte, wir könnten einander helfen, aber das war ein Trugschluss“, sagt de Vries. Und doch hätte sie es sich selbst „nie verzeihen können, wenn ich nur versucht hätte, meine eigene Haut zu retten“. Ihre Mutter war Jüdin, ihr Vater ein evangelischer Christ.

Die größte Angst

Die größte Angst in den Lagern – de Vries wurde 1943 von Auschwitz nach Ravensbrück verlegt – sei die vorm Verhungern gewesen. Sie selbst habe sich immer möglichst unauffällig verhalten. „In Auschwitz gab es nur Hungern, Schläge und Tod“, sagt die Lathenerin, deren 1981 verstorbener Mann Josef aus der Emsgemeinde stammte. Er war ebenfalls Jude und Holocaust-Überlebender, hatte aber seine ganze Familie verloren.

Kinder holten sie ins Leben zurück

Das Gefühl der Befreiung habe „nach all den schlechten Jahren“ zunächst erst gar nicht durchdringen können, antwortet de Vries auf eine weitere Frage der Schüler. Nach dem Krieg kam Erna de Vries, die damals noch mit Nachnamen Korn hieß, zunächst bei einer Bauernfamilie unter.

Mit ihrem Mann habe sie später viel über das Erlebte gesprochen. „Und die Kinder haben uns ins Leben zurückgeholt“, sagt die Lathenerin. De Vries hat drei Kinder und sechs Enkel.

Über Holocaust-Leugner kann die Auschwitz-Überlebende nur sanft den Kopf schütteln. „Das sind Unverbesserliche. Denen kann man nicht helfen“, sagt Erna de Vries.


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