Mit 40-Tonnern unterwegs 16-jähriger Lathener hat Trecker-Führerschein in der Tasche

Von Birgit Waterloh


Lathen-Wahn. Nachdem Ölstand und Reifendruck des Traktors überprüft sind, steigt Christoph Schulte auf den gefederten Fahrersitz. Routiniert tritt der 16-Jährige aus Lathen-Wahn die Kupplung durch und dreht den Zündschlüssel um. Der Jugendliche ist in seinem Element. Kurz nach seinem 16. Geburtstag hat er nun auch den lang ersehnten Trecker-Führerschein in der Tasche.

Der 16-Jährige hilft seit drei Jahren regelmäßig auf dem Hof von Stefan Griesen und ist dabei auch mit Traktoren unterwegs. Am liebsten zieht er seine Bahnen auf dem Acker mit dem sechs Meter breiten Grubber. Bislang musste er dafür immer zum Feld hingebracht und wieder abgeholt werden, da er keine öffentlichen Straßen befahren durfte. „Das nervte“, so der Jugendliche. Doch das ist Vergangenheit. Direkt nach seinem 16. Geburtstag nahm er den Trecker-Führerschein in Angriff. Die Prüfung bestand er problemlos.

Traktor geliehen

Zur Prüfungsvorbereitung wurde auf Vermittlung von Landwirt Griesen ein vom Lohnunternehmen Speller geliehener Traktor von Wippingen nach Papenburg überführt. Nun stand der Fendt die Woche über auf dem Gelände des Tüv. Dort fanden sich Christoph und sein Freund, der ebenfalls den Trecker-Führerschein macht, nun jeden Nachmittag mit ihrem Fahrlehrer Frank Rüther ein.

160 Pferdestärken

„Jeder Traktor ist wie eine Wunderkiste“, sagt der Fahrlehrer. Damit er die Bedienung des jeweiligen Gefährtes kennenlernt und es beim Fahren keine Überraschungen gibt, checkt er den Traktor stets vor der ersten Fahrstunde noch beim Besitzer. Rüther hat schon einiges erlebt: Risse im Reifen, fehlende Radbolzen oder gerissene Keilriemen. Beim Fendt Vario aber ist alles in Ordnung, der 160 PS-starke Traktor ist neu.

Mit Fahrlehrer per Funk kommuniziert

Vor dem Start der Fahrstunde muss zuerst die Verkehrssicherheit des Traktors überprüft werden. Dann wird der luftdruckgebremste Anhänger angekuppelt, denn das Fahren mit Anhänger ist in der Prüfung Pflicht. Während der Fahrstunde fährt Rüther mit dem Auto voraus und kommuniziert per Funk mit seinem Schüler. Für Christoph beginnt nun die erste Lehreinheit. In einer verwirrenden Vielzahl bunter Knöpfe wählt er den richtigen aus, drückt den Joystick nach vorne und langsam setzt sich sein Gespann in Gang. Im Ohr hört er die Anweisung von Rüther und biegt rechts ab auf die Bahnhofstraße.

Respekt vor engen Straßen

„Am meisten Respekt habe ich vor den engen Straßen“, erzählt der 16-Jährige. Auf den Weiten des Ackers kreuzte bislang höchstens mal ein Hase seinen Weg. Im Straßenverkehr ist jedoch besondere Vorsicht geboten. Und dann ist da ja noch der Anhänger, dessen Ausmaße insbesondere beim Abbiegen bedacht werden müssen. Zwar hat Christoph von etwa zwei Metern Höhe aus durchaus Überblick und auch die Frontscheiben reichen bis auf den Boden der Fahrerkabine. Dennoch: „Vom Trecker aus sieht man nicht alles“, befürchtet der Fahrschüler.

„Am besten keinen Spiegel abfahren“

So ist häufig ein Blick in den Spiegel und auch zurück angesagt. Fahrlehrer Rüther kontrolliert dies. „Allerdings ist es aus dem Auto heraus schwierig, alles genau zu erkennen“, sagt er. Bei Christoph läuft soweit alles glatt. Die Fahrt durch das Industriegebiet meistert er problemlos. Dann werden die Straßen enger. „Am besten keinen Spiegel abfahren“, sagt Christoph und wirkt etwas angespannt.

Brenzlige Situation

Beim Fahren auf einer schmaleren Zufahrtsstraße wird es plötzlich brenzlig. Ein entgegenkommender Autofahrer unterschätzt die Breite des Treckergespanns und kommt in flottem Tempo näher. Am Traktor schiebt er sich gerade noch vorbei, doch dann ist Schluss. Christoph hat sofort reagiert und angehalten. „Das war sehr gut“, lobt der Fahrlehrer. „Andere Verkehrsteilnehmer denken häufig nur an sich“, weiß er. Das kann schnell gefährlich werden. „Es ist wichtig, auch mal Ruhe zu bewahren“, vermittelt er seinen Fahrschülern.

Mit 16 Jahren eine Menge Verantwortung

Hätte Christoph nicht rechtzeitig gebremst, wäre eine Kollision unvermeidlich gewesen. „Die Jungs haben mit 16 Jahren schon eine ganze Menge Verantwortung“, betont Rüther. Immerhin dürfen sie bald ein Gespann mit bis zu 40 Tonnen mit 40 Stundenkilometern bewegen. Nach der kleinen Schrecksekunde geht es weiter. Vor dem Kreisverkehr ist erhöhte Aufmerksamkeit gefordert. Plötzlich schießt auch noch ein Radfahrer heran. Doch Christoph hat alles im Griff und manövriert sich gelassen durch den Kreisel.

Sicherungsposten benennen

Zurück auf dem Tüv-Gelände steht noch eine letzte Aufgabe an. Der Anhänger muss zehn Meter gerade rückwärts gesetzt werden. Christoph legt den Gang ein und fährt an. Sofort stoppt Rüther das Manöver. Christoph hält verdutzt inne. „Du musst erst einen Sicherungsposten benennen“, erinnert ihn der Fahrlehrer und erklärt, dass das ein Kriterium in der Prüfung ist. Die eigentliche Aufgabe meistert Christoph dann ohne Schwierigkeiten.

Jetzt auch öffentlich unterwegs

„Für viele ist die Treckerprüfung die erste Prüfung außerhalb der Schule“, sagt Rüther, der im Jahr etwa 15 bis 20 Schüler in der Klasse T ausbildet. Unter Stress könne schnell mal etwas vergessen werden. Dem 16-Jährigen passierte dies nicht. Er darf nun mit der Führerschein in der Tasche auch auf öffentlichen Straßen den Traktor in Gang setzen.


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