Festakt mit Erna de Vries Schule in Lathen nach Holocaust-Überlebender benannt

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Lathen. Mehr als 100 Jahre ist die Schule in Lathen namenlos gewesen, am Freitag wurde sie feierlich nach der Holocaust-Überlebenden Erna de Vries benannt. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann warnte in einer Ansprache im Beisein der 94-Jährigen und ihrer Familie vor wachsendem „Judenhass“ auch im Emsland.

Die Mensa der Grund- und Oberschule Lathen, wie sie nach zuvor wechselnder amtlicher Benennung (Volksschule, Mittelschule, Realschule) bis Freitag hieß, ist für die geladenen Gäste festlich hergerichtet. An einem der vorderen Tische hat Erna de Vries – eingerahmt von ihren Töchtern Lea und Ruth – Platz genommen.

Sie beobachtet, wie Samtgemeindebürgermeister Karl-Heinz Weber (CDU) als Erster ans Rednerpult schreitet. Er erinnert zunächst daran, dass der Samtgemeinderat mit vorheriger Zustimmung der Namensgeberin im März den entsprechenden Beschluss gefasst hatte (wir berichteten). Den Anstoß habe Schulleiter Ralf Haustein gegeben.

Mehr als ein klangvoller Name

Weber unterstreicht, dass die Schule künftig aber nicht nur einen klangvollen Namen trage, sondern durch die Lebensphilosophie von de Vries auch eine ganz besondere Aufgabe übernehme. Die Lathener Ehrenbürgerin, nach der bereits seit 2016 der Platz vor dem Rathaus benannt ist, berichtet seit mehr als 20 Jahren vor allem in Schulen schonungslos offen, wie sie dem scheinbar sicheren Tod im NS-Vernichtungslager Auschwitz entronnen ist. Erna de Vries spricht gegen das Vergessen – „auch und vor allem für all diejenigen, die es nicht mehr können“. So hatte es de Vries beispielsweise 2017 bei einem Schulbesuch in Papenburg gesagt. Ihr Vermächtnis ist zugleich ein Versprechen, das sie ihrer Mutter in ihren letzten gemeinsamen Augenblicken auf der Lagerstraße in Auschwitz gegeben hat: „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“

Leitbild mit Leben füllen

Besondere Aufgabe der Schule wird es Weber zufolge fortan sein, das gewählte Leitbild und der Zielaussage „Nicht nur Mensch sein, sondern mitmenschlich sein“ mit Leben zu füllen.

Das Haus in Lathen, in dem die gebürtige Kaiserslauternerin Erna de Vries seit 1972 mit ihrer Familie lebt, nennt Weber weltoffen und gastfreundlich. Dort seien Anregungen entwickelt oder angestoßen worden, die Lathen verändert hätten. Beispiele seien der Gedenkstein an der Bahnhofstraße, die Stolperstein-Aktion oder die Gedenkfeiern zur Reichspogromnacht.

Die Hand zur Versöhnung

In persönlichen Worten würdigt Weber de Vries als einen ganz besonderen Menschen, weil er „die Tiefen menschlicher Perversion und niederer Triebe, Hass und Mordlust erlebt und überlebt hat, und dennoch nicht Gleiches mit Gleichem vergelten will, sondern stattdessen für Mitmenschlichkeit, Akzeptanz von Andersdenkenden und Friede und Völkerverständigung eintritt“. Erna de Vries habe die außergewöhnliche Fähigkeit, Menschen anzusprechen und sie mit einer ausgestreckten Hand der Versöhnung in ihren Bann zu ziehen.

Oberschuldirektor Haustein sieht in Namensgebung und Leitspruch die Basis für eine Identität in einem geschichtlichen Kontext, mit dem sich ein individueller Schwerpunkt in der schulischen Arbeit verankern lasse. Erna de Vries habe immer eine klare Position der Mitmenschlichkeit übernommen. „Nur wer einen Namen hat, hat eine Identität und Individualität“, sagt Haustein. Er zeigt sich erfreut, dass die Zeiten der rein amtlichen Benennung GOBS Lathen mit der Schulnummer 36511 nun vorbei sind.

„Latent antisemitisch“

Nacheinander verneigen sich in kurzen Ansprachen auch der Sögeler EU-Abgeordnete Jens Gieseke, Erster Kreisrat Martin Gerenkamp, Regierungsschuldirektor Jan Heinemann und Elternvertreterin Silvia Schwalenberg sowie die Leiterin der Erna-de-Vries-Realschule in Münster vor der Namensgeberin und ihrem Lebenswerk.

Besonders mahnende Worte findet Gitta Connemann. „Judenhass findet in diesem Land statt“, sagt die CDU-Abgeordnete. Das erlebe sie jeden Tag, auch in der Samtgemeinde Lathen und im Emsland. „20 Prozent der Menschen, die hier leben, sind latent antisemitisch“, erklärt Connemann. Zudem macht sie deutlich, dass ihr der Aufschrei nach dem „Vogelschiss“-Vergleich des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland mit der NS-Zeit auch außerhalb der Politik nicht laut genug gewesen sei. „Das Judentum gehört zu Deutschland“, betont Connemann. Wer das nicht akzeptiere, müsse benannt und ausgegrenzt werden.

(Lesen Sie gerne auch unsere Multimediareportage über Erna de Vries)


Erna de Vries wurde 1923 in Kaiserslautern geboren. Die zunehmenden Repressionen der Nazis gipfelten zunächst darin, dass ihr Elternhaus in der Reichspogromnacht 1938 verwüstet wurde. 1943 begleitete Erna de Vries ihre Mutter Jeanette freiwillig ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Während die Mutter dort ermordet wurde, entging Erna de Vries ihrer Hinrichtung , weil SS-Reichsführer Heinrich Himmler kurzerhand verfügt hatte, „Halbjuden“ wie sie ab sofort in der Rüstung arbeiten zu lassen. Bei einem „Todesmarsch“ wurde de Vries 1945 von Alliierten befreit.

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