Interview mit Scheidungsanwältin „Bei Frauen wäre ein bisschen mehr Mut angebracht“

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Beim Thema Scheidung hat Rechtsanwältin Hildegard Brake aus Lathen eine klare Haltung. Foto: Maike PlaggenborgBeim Thema Scheidung hat Rechtsanwältin Hildegard Brake aus Lathen eine klare Haltung. Foto: Maike Plaggenborg

Lathen. Hildegard Brake ist Rechtsanwältin - unter anderem im Bereich Familienrecht - mit einer eigenen Kanzlei in Lathen. Zum Internationalen Weltfrauentag sagt sie, dass Frauen nach einer Scheidung meistens schlecht da stehen und hat eine klare Vorstellung davon, was sie dagegen tun können – bevor sie heiraten.

Ist die Ehe eine Finanzfalle für Frauen?

Die Ehe nicht unbedingt. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit die Trennung und die Scheidung. Da wird es ganz kritisch. Vor nicht allzu langer Zeit war eine Frau bei mir, die sich über die Folgen einer Ehescheidung beraten lassen wollte. Die war fix und fertig, weil ich ihr gesagt habe: ‚Das wird ganz schwierig für dich.‘ Das war genau die klassische Situation. Die hatte einen ‚Frauenberuf‘, wo Flexibilität gefordert wird, wie bei Verkäuferinnen oder Altenpflegerinnen. Die haben Arbeitszeiten, die sich mit den Kinderbetreuungszeiten in den öffentlichen Betreuungsmöglichkeiten nicht decken. Und dann geht es rund. Die Frau wusste nicht, wie sie es machen sollte. Ich glaube, sie ist bei ihrem Mann geblieben.

Das ist doch die schlechteste Alternative, oder?

Vielleicht arrangiert man sich miteinander, dass es dann läuft, aber im schlimmsten Fall kann es wirklich so sein, dass das ein Dauerkriegszustand wird.

Sind die Probleme geschiedener Frauen hausgemacht?

Frauen müssen, so wie ich das sehe, aus diesem klassischen Rollenbild raus. Kinder, Küche, Kirche – da muss irgendwas in den Köpfen passieren. Meine Haltung ist: Seht zu, lernt etwas Anständiges, macht nicht den Fehler, euch irgendwie unter Wert zu verkaufen, arbeitet nach der Eheschließung weiter. Arbeitet irgendwie, wenn es geht, auch nach dem Kinderkriegen weiter oder klärt ab, wer zuhause bleibt. Vielleicht übernimmt auch der Mann mal ein paar mehr Aufgaben. Die Scheidungsrate ist zwar rückläufig aber immer noch sehr hoch. Wenn es einen trifft, hat man vielleicht einen Job, der einen nicht ernähren kann. Und es gibt ja auch immer noch die Männer, die sich aus der Verantwortung stehlen. Und was ist, wenn man dann Kinder hat, die in irgendeiner Weise Geld brauchen – Verpflegung oder Unterstützung? Da muss dann was kommen.

Wie ist denn die Gesetzeslage? Wann ist der Mann unterhaltspflichtig?

Nach der Ehescheidung ist die Verantwortung des Mannes, Unterhalt zu zahlen, sehr erheblich eingeschränkt worden. Der Gesetzgeber hat die Situation geschaffen, dass die Selbstverantwortung des jeweiligen Ehepartners zum Grundsatz erhoben wurde. Dass der Mann dann noch freiwillig Unterhalt zahlt, ist zum Beispiel auch eher selten. Erst einmal muss man wissen, was er verdient. Komischerweise wissen viele Frauen das gar nicht. Und anhand dessen kann man feststellen, was an Kindesunterhalt gezahlt werden muss.

Im ersten Jahr nach der Trennung hat die Frau grundsätzlich Anspruch auf Trennungsunterhalt. Meistens aber sind die finanziellen Verhältnisse dann so gestrickt, dass der Mann noch das Eigenheim abbezahlt, in dem er wohnt. Da würden die Schulden entsprechend abbezahlt werden, und dann bleibt nichts mehr für die Frau übrig. Da kommen wir wieder zu der Frau, die zu wenig verdient.

Wie also lässt sich der schlechten Situation für die Frau oder auch einem Rosenkrieg entgegenwirken?

Die meisten Ehen werden ja im Himmel geschlossen und auf Erden geschieden. Ich erlebe es sehr oft, dass über die Folgen, wie man sich seine Ehe organisiert, überhaupt nicht gesprochen wird. Dass man zum Beispiel im Rahmen eines Ehevertrages klärt: Was wäre, wenn wir Kinder kriegen? Wer bleibt zuhause? Wie regelt man diese Fragen, wenn einer aus dem Beruf aussteigt und die Kinder versorgt oder die Eltern – das wird überhaupt nicht thematisiert. Unterhalt kann man im Rahmen des Vertrages vereinbaren, aber auch, wer gewisse Nachteile ausgleicht oder auch die Verteilung von Rentenanwartschaften. Das habe ich in meiner persönlichen Praxis noch nie erlebt, dass jemand diesen Beratungsanspruch an mich heranträgt. Das kenne ich hier auf dem platten Land gar nicht. So etwas muss aber vorab geregelt werden. Nicht erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Dann gibt es meistens Streit.

Ist Nicht-Heiraten eine Lösung?

Ohne Ehe mit einem Mann zusammenleben, macht einen finanziell noch schlechter gestellt. Rentenversicherungstechnisch haben Frauen keinen Anspruch auf die Rentenanwartschaften des Mannes, unterhaltstechnisch sind sie, wenn die Kinder etwas älter sind, noch schlechter gestellt, weil sie nur bis zum dritten Lebensjahr des Kindes Anspruch auf Unterhalt haben – und danach nur in Ausnahmefällen. Der Kindesunterhalt läuft natürlich, aber Unterhalt für sich selber bekommen Frauen dann nicht mehr. Das beste ist, sich selber ein Standbein zu sichern und dieses Standbein auch während der Ehe beizubehalten. Und nicht blauäugig sein. Bei Frauen wäre ein bisschen mehr Mut manchmal schon angebracht. Und dass sie sich das, was sie gerne machen möchten, auch durchsetzen und verteidigen.


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