Trauerbewältigung durch Tattoos Tätowierer aus Lathen versteht sich auch als Therapeut


Lathen. Viele Kunden des Lathener Tätowierers Gérard Schürmanns haben schwere Schicksalsschläge hinter sich. Eine Tätowierung helfe ihnen, mit dem Verlust umzugehen, erzählt Schürmanns. Er weiß worüber er spricht, denn er selbst hat seine kleine Tochter verloren.

Eine rosafarbene Rose ziert den Hals Schürmanns, eine weitere Blume erstreckt sich über seine rechte Hand. Auf seiner linken ist ein Totenschädel zu sehen, und noch einen Totenkopf hat er sich auf seinen rechten Arm stechen lassen. Es gibt kaum ein Stück Haut, auf dem er nicht tätowiert ist. Dabei würden die wenigsten seiner Tattoos etwas bedeuten, erzählt der Tätowierer. „Ich wollte einfach nur Farbe“, sagt er. Ein paar Ausnahmen gibt es aber. Da ist einmal das Gänseblümchen auf seiner Brust.

Im Jahr 2015 ist seine kleine Tochter an Krebs gestorben. Die Blume erinnert ihn an sie. Genau wie die Laterne, die er sich ebenfalls auf die Brust hat stechen lassen. Die auf seinem Körper ähnele der Laterne, die auf dem Grab seiner Tochter leuchtet. Weniger symbolisch, dafür ebenso bedeutsam für ihn, sind die Namen seiner insgesamt drei Kinder und seiner Ehefrau, die auch seine Brust schmücken. Seine eigene Geschichte sei es, die andere Menschen mit Schicksalschlägen zu ihm nach Lathen führe, vermutet Schürmanns.

Eine gegenseitige Therapie

In seinem Haus an der Bahnhofstraße hat er sich einen kleinen Laden eingerichtet. „Zombie Ink“ ist der Name seines Studios. Ganz verschiedene Menschen nehmen auf seiner Liege Platz, um sich ein Tattoo stechen zu lassen. Während einer Sitzung bleibt viel Zeit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Ganz offen erzählt Schürmanns dabei von dem Verlust seines Kindes. Seine Art führe nicht selten dazu, dass auch sein Gegenüber beginnt über sehr Privates zu sprechen, erzählt er. „Manchmal ist es wie eine gegenseitige Therapie“, so der Tätowierer. Das Tattoo, das er zum Beispiel trauernden Eltern sticht, das weiß er aus eigener Erfahrung, helfe nicht, sich besser an das Kind zu erinnern und den Tod zu verarbeiten. „Diese Eltern tragen die Erinnerung an ihr Kind so nah bei sich, wie es nur geht, näher als ein Foto im Portemonnaie“.

Fußabdrücke und Namenszüge

Dabei seien die Themen, um die es in seinem Studio geht, nicht immer traurig und vom Verlust eines Menschen bestimmt. An der Wand seines Studios hängen Bilder seiner wichtigsten Arbeiten. Einem Vater hat er den Schnuller mit dem Namenszug dessen Kindes gestochen, von dem die Eltern nicht glaubten, dass sie es je bekommen würden. Andere Bilder zeigen einzelne Namenszüge, kleine Fuß- oder Handabdrücke oder Porträts von Kindern. Ein Kunde sei mit dem Porträt seines verstorbenen Kindes auf seinem Arm zu Schürmanns ins Studio gekommen, das nicht gelungen war. „Bei sensiblen Themen ist es noch ärgerlicher, wenn Tätowierungen nichts werden“, sagt der erfahrene Körperkünstler. In diesem Fall habe kein Cover-Up, also ein neues Tattoo über dem alten, helfen können. Diesem Kunden habe er empfohlen, das verunstaltete Porträt mithilfe eines Lasers entfernen zu lassen. Schürmanns habe ihm dann ein ganz neues Tattoo gestochen.

Laien-Tätowierer

Überhaupt seien die vielen Laien-Tätowierer, die wie Pilze aus dem Boden sprießen, zu einem Ärgernis der professionellen Künstler geworden, sagt der Lathener. Bei diesem Thema reagiere er sehr sensibel. „Für 150 Euro gibt es ein komplettes Tätowierbesteck bei Ebay“, sagt Schürmanns. Ohne Ausbildung könne jeder zur Nadel greifen, gibt er zu bedenken. Für den Kunden sei es nicht einfach, auf den ersten Blick einen guten Tätowierer von einem schlechten zu unterscheiden. Darum empfehle er jedem sich die Arbeiten von Studios im Vorfeld anzuschauen, zum Beispiel über eine eigene Website.

Er selbst hat bei dem Studio „Wild Thing“ in Esterwegen gelernt. Seit 2009 betreibt er ein eigenes Studio. Auch bei ihm sei in den Anfangsjahren schon mal ein Tattoo misslungen, gibt Schürmanns zu. Heute wisse er aber, was er könne, und auch, was nicht. „Ich bin zu meinen Kunden ehrlich“, sagt er. Wenn jemand gerne ein Farbporträt möchte, schicke er ihn zu einem Kollegen. Gerade wenn hinter den Tätowierungen eine Geschichte steckt, müsse alles stimmen, findet der Tätowierer mit dem großen Herzen. Ihm liegen besonders realistische Bilder, „oldschool-Kunst“ oder neutraditionelle Werke. Aber am liebsten steche er alles, was mit Horror zu tun habe, erzählt er. Wie etwa Totenköpfe, ergänzt Schürmanns. Er selbst habe insgesamt elf Totenschädel über seinen Körper verteilt.

Dabei findet er nicht, dass sich seine sensible Seite und seine Tätowierungen ausschließen – ganz im Gegenteil. „Ich bin kein böser Rocker“, sagt der Lathener. Seine Kunden merken das spätestens dann, wenn sie ihm ihr Herz öffnen. „Sie wissen, ich höre ihnen zu“, so Schürmanns.


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