Apotheker nach Medikamenten-Urteil Sanicare und Co. sind sauer: „Das ist Inländerdiskriminierung“

Im Logistikzentrum von Apotal in Hilter läuft der Betrieb wie gewohnt. Wie die Versandapotheke auf das EuGH-Urteil reagiert, steht noch nicht fest. Foto: David EbenerIm Logistikzentrum von Apotal in Hilter läuft der Betrieb wie gewohnt. Wie die Versandapotheke auf das EuGH-Urteil reagiert, steht noch nicht fest. Foto: David Ebener

Hilter/Bad Laer. Am Mittwoch hat der Europäische Gerichtshof eine Entscheidung getroffen, die für zwei große Unternehmen des Südkreises, aber nicht nur für diese, massive Folgen hat: Ausländische Versandapotheken sind nicht mehr an die deutsche Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente gebunden.

Durch die Preisbindung kostet in jeder deutschen Apotheke jedes verschreibungspflichtige Medikament dasselbe. Immer gilt derselbe Aufpreis in Höhe von drei Prozent des Einkaufspreises. Zusätzlich dürfen Apotheken pro Packung 8,10 Euro berechnen.

Doc Morris hatte Patienten Boni gewährt, mit denen diese bis zu 10 Euro Rezeptgebühr sparen konnten.

Beschränkung des Warenverkehrs

Das EuGH hat jetzt geurteilt: Die deutsche Preisbindung verstoße gegen europäisches Recht. Die Regelung sei eine ungerechtfertigte Beschränkung des freien Warenverkehrs.

Die niederländischen Versandapotheken reagierten sofort auf das Urteil – natürlich mit Rabatten. Die Europa-Apotheek beispielsweise gibt deutschen Kunden seit Mittwoch für ein rezeptpflichtiges Medikament, das über 300 Euro kostet, 10 Euro Bonus. Doc Morris folgt seinem Motto „Medikamente sind nicht genug“ mit einem 2-Euro-Bonus pro Medikament.

Wettbewerbs-Nachteil

Was bedeutet dieses Urteil für niedergelassene Apotheken, und was für Apotal und Sanicare, die zwei Branchenriesen aus Hilter und Bad Laer, die ihr Versandgeschäft vor zwölf Jahren am gleichen Tag gestartet haben? Apotal zeigt sich kämpferisch: „Das ist ein Wettbewerbs-Nachteil für uns. Wir könnten es nun drauf ankommen lassen und trotzdem Boni gewähren“, sagt Marketingchef Joachim Dadaniak auf Anfrage unserer Redaktion. Er schätzt, dass die Apothekerkammer Niedersachsen dann gegen Apotal angehen wird. „Aber bis der Gesetzgeber eine generelle Entscheidung trifft, kann ja leider viel Zeit ins Land gehen.“ Eine holländische Versandapotheke hätte im Übrigen auch ohne Erlaubnis in den vergangenen zwei Jahren Boni gewährt, auf jeden Fall für Stammkunden.

Treue Rezeptkunden

Wie Apotal mit seinen 500 Mitarbeitern mit dem Luxemburger Urteil umgehen wird, sei noch nicht entschieden. „Wir haben den gleichen Zustand wie bis vor zwei Jahren“, als die niederländischen Versandapotheken ihre Boni offiziell bewarben, sagt Dadaniak. „Auch damals blieben uns die Rezeptkunden treu.“ Apotal habe mit gut 16 Prozent einen hohen Rezeptanteil unter seinen versandten Produkten, „andere nur zwei bis drei.“ Würde man jetzt Boni einführen, flössen Apotal allerdings sicherlich viele Neukunden zu, prognostiziert der Marketingchef.

Reaktion abwarten

„Das dürfen wir nicht. Aber wir sind ja bekannt dafür, erstmal etwas zu tun und dann zu schauen, wie die Reaktionen ausfallen.“ Vielleicht führe Apotal seinen 5-Euro-Gutschein doch wieder ein. Der Solidarität des Bundesverbandes Deutscher Versandapotheken (BVDVA) können aufmüpfige Verbandsmitglieder sicher sein: „Sollte eine Versandapotheke, die Mitglied bei uns ist, RX-Boni (Rezeptboni, Anm. d. Red.) anbieten, abgemahnt und gegebenenfalls verklagt wird, steht der BVDVA beratend zur Seite.“

Es könne nicht sein, dass es nach dem Urteil zu einer „Inländerdiskriminierung“ komme. „Warum sollten deutsche „(Versand-)Apotheken etwas nicht dürfen, was Versender aus anderen europäischen Ländern dürfen?“, fragt der Verbandsvorsitzende Christian Buse. Sollte der Verband nicht selbst gegen das Urteil klagen, will beispielsweise die Berliner Aponeo vor Gericht ziehen.

Schauen, was die anderen machen

Der Leitende Apotheker von Sanicare sitzt im Vorstand des BVDVA und klingt vorsichtiger: „Sanicare wird zunächst abwarten, wie sich der Wettbewerb verhält. Wenn wir feststellen, dass die gesetzliche Regelung auf dem Markt bröckelt, würden wir auch aktiv.“ Lieber sei es ihm, wenn die Politik reagiere und das deutsche Gesetz der neuen Rechtsprechung anpasse: „Wir drängen auf diese Änderung.“ Schließlich sei die Preisbindung ein Wettbewerbsverhinderer.

Und welche Folgen hat das Urteil für niedergelassene Apotheker? Für Andreas Wolff, der seit Kurzem die Dissener Stadtapotheke leitet, war die Nachricht aus Luxemburg ein „harter Schlag. Ich will ja noch ein paar Jahre Apotheker bleiben“.

Die Erwartung des 29-Jährigen: „Entweder werden die großen Versandapotheken den Wegfall der Preisbindung für sich einklagen, dann fällt in der Folge möglicherweise die komplette Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente, oder aber es wird ein Versandhandelsverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel geben.“

Das aktuelle Urteil werde jede Vor-Ort-Apotheke spüren. „Manche Kunden gehen rein über den Preis und werden dann im Internet bestellen.“ Die intensive Beratung zu Medikamenten und Nebenwirkungen, die niedergelassene Apotheken leisteten, stehe dann auf dem Spiel. „Das wird für manche Apotheken der Todesstoß sein. Es kann doch nicht sein, dass Medikamente wie Spaghetti behandelt werden.“ Dadurch werde auch die Arzneimittelsicherheit sinken.

Versandhandel abschaffen

Die Niedergelassenen erwarten einen massiven Preis- und Rabattkampf. Der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) Friedmann Schmidt forderte deshalb am Mittwoch sogar ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Medikamenten. Gesundheitspolitiker der Union unterstützen das: „Für die inhabergeführten Apotheken dürfen in Deutschland aufgrund des Urteils keine Wettbewerbsnachteile entstehen“, findet die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion Maria Michalk.

Nicht in der Großen Koalition

Sanicare-Apotheker Heinrich Meyer hält die Durchsetzung eines Verbotes für unrealistisch. SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten 2004 erlaubt. Insofern dürfte ein Verbot in der Großen Koalition wohl auf wenig Zustimmung stoßen.


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