Innovative Geschäftsgründung Borgloher sehen im Fischdung die Gülle der Zukunft

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Hilter/Bissendorf. Ist Fischdung die Gülle der Zukunft? Schon möglich – zumindest wenn es nach den Borgloher Geschäftspartnern Philip Birkemeyer und Jan Abendroth geht. Denn die Freunde haben nun eine Firma für Aquaponik-Anlagen gegründet: eine Kombination aus Fischzucht und Gemüseanbau – in einem Ressourcen schonenden Kreislauf-System.

„Unser Gewächshaus-Projekt ist in Bissendorf“, sagt Jan Abendrot während er zu seinem Freund und Geschäftspartner Philip Birkemeyer ins Auto steigt. Dann geht es los: zur neusten Aquaponik-Anlage der Region. „Wir kombinieren die Haltung von europäischem Wels und Süßwasserkrebsen mit Gemüse“, erklärt Jan Abendroth vom Beifahrersitz aus. Ihm ist das wichtig – nicht nur als Geschäftsidee, sondern auch der Umwelt zuliebe. Auch seine Masterarbeit verfasst der Student im Fachbereich Umwelttechnik zu diesem Thema.

Ein Thema, auf das eine überwältigende Mehrheit nur mit der Frage „Aqua-was?“ reagiert. „In Deutschland ist diese Anbautechnik weitestgehend unbekannt“, bestätigt auch Oliver Hauck, Experte für Aquakultur vom Bund für Umwelt- und Naturschutz. In vielen anderen Ländern – etwa in den USA – ist das anders. „Deswegen bin ich mit der Idee zu Philip Birkemeyer gegangen“, erinnert sich der Borgloher Student der Verfahrenstechnik an die Zeit, in der seine Firma nur als Idee existierte. Und tatsächlich irrte er sich nicht: Auf Philipp Birkemeyers Liebe zu ungewöhnlichen Ideen war und ist Verlass.

Kreislauf und Knackpunkt

Und so rollt nun – zwei Jahre später – das Auto des Malermeisters langsam auf ein großes Feld und kommt direkt neben dem ehemaligen Blumenladen Meyerdrees in Bissendorf zum Stehen. Es ist schon das vierte Projekt der beiden. Zuvor bauten und konzipierten sie zu Testzwecken ein Teichsystem und ein großes Foliengewächshaus in Philipp Birkemeyers Garten. Mit dabei: die ehrenamtlichen Mitglieder des kleinen Aquaponik-Vereins aus der Region Teutoburger Wald.

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An allen Standorten wurde fortan gemessen, untersucht und optimiert. „Es geht auch darum, eine konstant gute Wasserqualität zu erhalten“, erläutert Jan Abendroth. Denn das Wasser wird von dem Fischbecken in die Blumenbeete geleitet, danach gefiltert und dem Fischbecken wieder zugeführt. Kreislauf und gleichzeitig Knackpunkt einer Geschäftsidee. Denn das Fischwohl ist entscheidend.

Schließlich sind die besten Verkaufsargumente für Aquaponik-Systeme die umweltschonende Anbautechnik und die lokale Produktion: Statt Gülle auf den Erdboden zu verteilen, werden die Pflanzen fortlaufend zusammen mit Fischdung gewässert. Probleme mit belasteten Böden und verschmutztem Grundwasser könnten so vermindert werden.

Fischperspektive unbekannt

Doch ganz vorbehaltlos mag Oliver Hauck dem nicht zustimmen. „Wir unterstützen die Anbautechnik nur, wenn gleichzeitig für das Fischwohl gesorgt ist“, betont der Aquakultur-Experte den Standpunkt des Naturschutzbundes. Leicht zu bestimmen ist das nicht, denn an der Fischperspektive scheiden sich die Forschergeister: Was Fische wirklich stresst, ist noch lange nicht geklärt. Unbestritten ist allerdings, dass die Wasserqualität eine entscheidende Rolle spielt.

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Süßwasserkrebse

Zurück in Bissendorf stehen viele Kanister in einem tiefen Schacht unter Fischbecken in einem Gewächshaus. Während die beiden Firmengründer bisher die Fischhaltung optimiert haben, planen sie nun – in einem Teil der Anlage – die Zucht von Süßwasserkrebsen. Eine Idee, die Jan Abendroth von seinem Erasmus-Aufenthalt in Thailand mitgebracht hat und nun an europäische Bedürfnisse anpasst.

„Betreiber könnten Lebendfische an Angel-Vereine und die Teich-Wirtschaft veräußern, sodass dem Aussterben der bedrohten Tierart entgegengewirkt werden kann“, sagt der Student. Ein Punkt also für den Artenschutz. Und doch: Produkte aus Aquaponik-Anlagen werden in Deutschland bislang nicht mit einem Biosiegel ausgezeichnet.

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Umweltschonend aber nicht naturnah

Doch um als Bio durchzugehen, müssen die Produkte naturnah erzeugt werden: Fische kommen aus dem Teich, Gemüse aus der Erde – das ist das Prinzip. „Die Verbraucher könnten sich sonst leicht betrogen fühlen“, ist Andreas Ziermann, Pressesprecher von Naturland, überzeugt. „Ich könnte mir alternativ eine Art Footprint-Zertifikat vorstellen“, schlägt Oliver Hauck vor. Damit würde zumindest der bodenschonenden Anbautechnik und der lokalen Produktion Rechnung getragen.

Derweil ist die Tour durch die Aquaponik-Anlage beendet. „Das ist eine gute Lösung für Landwirte, die sich nach Alternativen umsehen“, sagt Philipp Birkemeyer. Doch die beiden planen und bauen auch Anlagen für Privatleute: Denn egal, ob auf der Dachterrasse oder im Garten – Raum ist auch vor und in der kleinsten Hütte.

Kontakt

Wer sich für eine Aquaponik-Anlage interessiert, kann sich an Philipp Birkemeyer und Jan Abendroth unter der E-Mail-Adresse: A-B-Aquaponik@web.de oder unter Telefon 0176/70859185 wenden.


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