Ole Hengelbrock im Einsatz Wie ein Borgloher den Flüchtlingsstrom in Serbien erlebte


Hilter. Eigentlich. Eigentlich wollte der Borgloher Ole Hengelbrock eine Pause von der Feldarbeit einlegen und sich nach seinem Einsatz im Ebola-Gebiet in Sierra Leone ganz theoretisch dem Studium der „Humanitären Hilfe“ widmen. Doch dann kam ein Ruf an die serbisch-mazedonische Grenze, dem er spontan folgte. Praktischer Exkurs in die Flüchtlingsthematik.

Bücher zu wälzen schadet nie, aber manchmal will das Leben eben andere Geschichten schreiben. „Ich möchte grundsätzlich das, was ich zum Beispiel in Sierra Leone im Kampf gegen Ebola in der Praxis erfahren habe, weiter professionalisieren“, sagt Ole Hengelbrock, der nach einem Bachelor-Abschluss nun einen Master anstrebt. Aber was tun, wenn mitten in den Studienalltag in Groningen ein Anruf der Hilfsorganisation Humedica platzt, die dringend einen Koordinator an der serbisch-mazedonischen Grenze sucht?

Presevo als Hotspot der Rastlosen

Der 27-Jährige überlegt kurz, klappt die Bücher für zwei Wochen zu und macht sich auf den Weg in die serbische Stadt Presevo – einen Hotspot der Getriebenen. Der Erste ist Ole Hengelbrock dort bei Weitem nicht. Zu Stoßzeiten wollen sich 6000 Flüchtlinge gleichzeitig in der kleinen Stadt registrieren, die längst mehr ist als ein Trampelpfad der Balkanroute. Seit Ende November lassen die Balkanländer nur noch Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak in Richtung Westeuropa passieren.

Grenzen bei der Flucht

Menschen aus anderen Ländern werden als Wirtschaftsflüchtlinge eingestuft und zurückgewiesen. Rund 1500 Migranten, die deshalb an der griechisch-mazedonischen Grenze nicht weiterkommen, sollen nun nach Athen gebracht werden, wie der für Migration zuständige griechische Vizeminister Ioannis Mouzalas sagte. „Ich habe großen Respekt davor, was Griechenland in den vergangenen Jahren schon geleistet hat“, sagt OIe. „Grundsätzlich sind die Migrationsbewegungen ja nicht neu. Bei aller Diskussion um Finanz- und Wirtschaftskrise muss man auch das bedenken“, findet der Borgloher.

Während ein Teil der Flüchtlinge zurückgewiesen wird, helfen etliche Freiwillige aus allen europäischen Ländern und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, Humedica oder Save the children, im serbischen Presevo ein wenig Ordnung in die Massen zu bringen, die hier anlanden, um weiter in die EU zu reisen.

Helfer vor Ort

Humedica ist mit zwei Ärzten und zwei Krankenschwestern vor Ort, um die Flüchtlinge medizinisch zu versorgen. Wo dockt so ein kleines Team im Massenstrom an? „Es ist schwer, überhaupt an die Menschen ranzukommen“, sagt Ole. Denn nicht die Masse ist das Problem, sondern der Fokus: „Sie achten nicht auf ihre Gesundheit“, beschreibt er den Tunnelblick am Absperrgitter. Sie wollen einfach nur so schnell wie möglich weiter. Wer abzweigt oder ausschert, riskiere es, seine Familie – und damit oft den letzten Anker – zu verlieren. „Freiwillig verharrt da keiner“, sagt Ole.

Gesundheitlich am Limit

Dabei seien die meisten gesundheitlich am Limit: Sie seien massiv erschöpft, hätten akute Krankheiten wie Grippe und Lungenentzündung oder auch chronische. „Es gibt Diabetiker, die auf dem langen Fluchtweg ihre Medikamente verloren haben und sich trotzdem weiterschleppen.“ Abends, wenn die Menschen auf Planen oder Decken Ruhe suchten, gingen viele Helfer verschiedener Organisationen durch das oft matschige Nachtlager und versorgen die Menschen mit Decken, Medizin und heißen Getränken. Ein kurzes Zeitfenster, in dem die Hilfe eine Chance hat.

Hilfsbereite Bevölkerung und kriminelle Schlepper

Die Bevölkerung im 35000-Seelen-Städtchen Presevo reagiere gut auf die Massen und unterstütze die Helfer vor Ort. „Das hätte ich mir schwieriger vorgestellt. Es gibt wirklich Mut machende Begegnungen“, erzählt Ole. Und das, obwohl die Stadt seit Monaten überrannt wird.

„Extreme Momente“ gebe es aber auch, räumt er ein und meint Momente, in denen die Polizei rat- und kopflos durch die Massen pflügt, die serbische Autoritäten mehr Begrenzungen fordern und in alte Kriegsrhetorik verfallen oder die ungarischen Nachbarn Zäune bauen . Kriminelle Bewegungen nutzten den Druck der Masse für ihre Machenschaften. Sie versprechen die Überholspur neben den Trampelpfaden und bringen die Menschen am Ende oft illegal – an der Registrierung vorbei – in die EU. „Die Schlepper greifen genau diejenigen Menschen ab, die in größter Not und Verzweiflung sind“, sagt Ole.

„Woher kommt unsere Arroganz?“

Ein Grund mehr, der ihn darin bestätigt, dass es richtig war, zwei Wochen an die Grenze zu gehen. „Die Menschen brauchen Unterstützung“, sagt er. „Woher nehmen die Deutschen die Arroganz und die Selbstgerechtigkeit, von ,unserem Reichtum‘ und ,unserem Deutschland‘ zu sprechen?“, fragt er. Eine Frage, die er nicht beantworten kann. Aber eine, die er mitnimmt zu seinen Kommilitonen an die Uni Groningen, wo er nach dieser kurzen Praxisphase weiter an seinem Master in „Humanitärer Hilfe“ strickt.

Sierra Leone unter Lupe der Wissenschaft

Der Borgloher überlegt, seinen zweijährigen Einsatz in Sierra Leone zum Ausgangspunkt seiner Masterarbeit zu machen und das Land vor, während und nach Ebola durch die wissenschaftliche Brille zu betrachten. Bis Ende 2016 wird sein Studium dauern, sagt er. Vorausgesetzt, ihn ereilt in der Zwischenzeit nicht noch ein anderer Ruf, der ihn Geschichten jenseits von Ebola schreiben lässt.

(Mit dpa)


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