Hilteraner leitet Gruppe Wie man der Zwangsstörung Herr wird

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Selbst erkrankt haben sich Christina und Antonius Mers der Unterstützung von Menschen mit Zwangsstörungen verschrieben. Foto: Horst TroizaSelbst erkrankt haben sich Christina und Antonius Mers der Unterstützung von Menschen mit Zwangsstörungen verschrieben. Foto: Horst Troiza

Hilter. Ist die Herdplatte wirklich ausgestellt, die Tür abgeschlossen, die Wohnung richtig sauber? Solche Fragen quälen Menschen mit Zwangsstörungen unentwegt und rauben ihnen die Ruhe. Christina und Antonius Mers haben ihre Erkrankung in den Griff bekommen, Hilfe gaben Ärzte, Therapeuten und die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe. Heute geben sie ihre Erfahrungen selbst an Teilnehmer in Selbsthilfegruppen weiter.

Solch ein Leben kann für einen Erkrankten die Hölle sein. Der Drang, alles wie besessen ordnen und putzen zu müssen, nahm Christina Mers seit ihrem 18. Lebensjahr in Besitz. Schon Stunden vor Arbeitsbeginn stand sie auf und nahm sich mit Lappen und Eimer in der Hand alles in der Wohnung vor. Es wurde gewischt, was bereits am Vortag gewischt worden war, der Inhalt der Schränke täglich neu geordnet, selbst Blumentöpfe von innen ausgeschrubbt. Wenn sie nach Feierabend wieder nach Hause kam, ging die Quälerei von vorn los, Tag für Tag.

Sind die Schrauben richtig angezogen?

Antonius Mers‘ Denken war von der Vorstellung geprägt, er mache seine Arbeit nicht richtig. Der Automechaniker wurde von der Vorstellung getrieben, die Schrauben nicht richtig angezogen und damit Unfälle verursacht zu haben. Wackelt da noch etwas, sitzt alles richtig fest? Immer wieder trieb es ihn, den Schraubenschlüssel noch einmal anzusetzen und nachzuziehen – bis er die Schraube abriss und er von Neuem beginnen musste.

Wenn er mit dem Auto über eine Unebenheit fuhr und es ruckelte, erdrückte ihn die Angst, jemanden überfahren zu haben. Dann musste er den Wagen wenden, ob er wollte oder nicht, fuhr zu der Stelle zurück, um sich zu vergewissern, ob tatsächlich etwas geschehen war.

4 Prozent der Deutschen leiden unter Zwangsstörung

Etwa vier Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik weisen eine solche Zwangsstörung auf. Die Forschung geht heute davon aus, dass ein individuell unterschiedliches Zusammenwirken aus genetischer Veranlagung, Hirnstoffwechselstörung und psychische Faktoren wie zum Beispiel Stress die Ursachen für eine solche Erkrankung sind. Je früher die Diagnose dieser Krankheit gestellt wird, desto größer sind ihre Heilungschancen.

Christina und Antonius Mers haben ihre Erkrankung mit Hilfe ärztlicher und therapeutischer Betreuung in den Griff bekommen, „zu 95 Prozent“, wie Antonius Mers erklärt. Eine dritte Säule ist die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe. Seit 17 Jahren treffen sie sich regelmäßig mit Leidensgenossen in Einrichtungen in Dissen und Osnabrück. In dieser Gruppe haben sie sich auch kennengelernt und ineinander verliebt.

Antonius Mers leitet heute eine Gruppe. Oft ist er der erste Ansprechpartner für Erkrankte, die aus Scham noch keinen Arzt aufgesucht oder woanders um Hilfe nachgesucht haben. Er nimmt ihre Anrufe entgegen, leistet Aufklärungsarbeit, trifft sich mit ihnen, zeigt ihnen den Weg, den sie beschreiten müssen, um den Ausweg aus ihrem Leiden zu finden.


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