Kindheit auf der Flucht: zwei erinnern sich Vor 70 Jahren kamen Vertriebene mit Zügen in Hilter an



Hilter. Vor 70 Jahren kam ihr Zug in Hilter an. Dort war Endstation. Bis heute. Rudolf Stattkus und Klaus Labude erlebten das Ende des Zweiten Weltkriegs in Viehwaggons und im Maschinengewehrhagel. Auch wenn diese Geschehnisse schon lange zurückliegen – wenn sie von ihren Erlebnissen berichten, sind diese präsenter denn je.

Stattkus kommt ursprünglich aus dem Kreis Tilsit-Ragnit in Ostpreußen. 1935 in dem Ort Schillen geboren, wuchs er mit dem Krieg auf. Panzer, Militär, Soldaten – all das prägte seine Kindheit, es war ganz normal. „Ich habe als kleiner Junge an der Straße gestanden und habe mir das Militär angesehen, das die Allee entlangfuhr“, erzählt er.

Im Oktober 1944 erreichte die Rote Armee erstmals deutschen Boden. Für den damals Neunjährigen und seine Familie bedeutete das: Flucht. „Es war alles von den Behörden organisiert und geplant“, sagt er. Viel Zeit blieb nicht. Alle mussten in Eile ihre Habseligkeiten einpacken, und dann ging es auch schon zum Bahnhof. Die Familie reiste in vier Etappen. In Guttstadt waren sie bei einem Bauern untergebracht. „Ein Parteibonze. Er hat seine polnischen Arbeiter mit Stiefeln getreten“, erinnert sich Stattkus. Diese Unmenschlichkeit hat ihn damals erschüttert.

In Stolp kamen sie in einem Rittergut unter. „Wir waren im Gänsestall untergebracht. Ich erinnere mich noch genau, dass ich Heiligabend dort im feinen Salon ein Gedicht aufgesagt habe“, sagt der 79-Jährige. Im Salon standen ein großer Weihnachtsbaum, schwere Ledermöbel und eine Regalwand voll mit Büchern. Dort habe er aber auch den Glauben an das Gute verloren. Denn auf dem Gut waren russische Zwangsarbeiter untergebracht. „Wir Kinder haben Pellkartoffeln in die Taschen gesteckt und wollten sie den Russen geben. Die Nazis haben uns dabei erwischt und drohten, dass sie unsere Mütter vor ein Gericht stellen würden.“ Im Bahnhof in Schneidemühl, heute das polnische Pila, musste er mit ansehen, wie Tote verladen wurden. „Erst dachte ich, das ist Holz, was geschmissen wird. Dann sah ich die Leichen“, sagt Stattkus.

Im März 1945 ging die Flucht weiter. Die russische Front rückte immer weiter vor. Am Bahnhof in Wiedstock wartete Stattkus mit seiner Familie und den Nachbarn auf den rettenden Zug. „Dann kam die Schreckensnachricht: Unser Zug ist von den Russen zusammengeschossen worden, er kommt nicht.“ Alle begannen zu weinen. Es herrschte Chaos. Dann doch die rettende Nachricht: „Es kommt ein Zug aus Cammin.“ Es kam ein Zug – ein Lorenwagen, um genau zu sein. Kein Dach, keine Sitzbank, nichts. So ging es für Stattkus und seine Familie durch die Front. Bei Schnee und Frost. Maschinengewehrfeuer prasselte auf die Waggons. Geschosse flogen wie Hagelkörner durch die Luft. Irgendwann wurde es ruhiger. Deutsches Militär kündigte die Überquerung der Frontlinie an. Aufatmen. Der Zug fuhr durch das zerbombte Deutschland. Nach einer achttägigen Irrfahrt kommt der Zug aus Cammin am 11. März 1945 in Hilter an. Endstation. Bis heute.

Stattkus kam nach Remsede auf einen Bauernhof. Nach der Schule machte er eine Lehre als Mechaniker. Er fühlt sich wohl Hilter. Ein bisschen Heimweh nach Ostpreußen kommt manchmal auf – vor allem, wenn er Dokumentationen über die Landschaft im Fernsehen sieht. „Aber ich bin ein Niedersachse geworden, Hilter ist meine Heimat“, sagt er und lacht.

Überstürzter Aufbruch

Klaus Labude kommt aus dem Örtchen Neumarkt in Schlesien, rund 30 Kilometer westlich von Breslau.
1945 musste die Familie die Heimat verlassen. In kürzester Zeit mussten auch hier die Sachen gepackt werden. „Wir durften nur das mitnehmen, was wir tragen konnten“, erzählt Labude. Seine Mutter lief noch einmal zurück ins Haus und riss ein paar Fotos aus dem Album. Zuerst machten sich die Vertriebenen zu Fuß auf den Weg. Zwei Ziegen waren ihre Begleiter. „Meine Mutter hatte nicht genug Milch für meine Schwester, sie bekam Ziegenmilch“, erinnert Labude. Doch die Kleine überlebte nicht – sie starb noch auf der Flucht an den Folgen von Typhus. „Das war wirklich furchtbar“, erzählt er, und die Erinnerungen kommen wieder hoch. Für einen Moment versagt seine Stimme. Tränen steigen ihm in die Augen.

Labude musste mit ansehen, wie seine Mutter von russischen Soldaten vergewaltigt wurde. Auch seinen beiden Cousinen – nur wenige Jahre älter als er – erging es nicht anders. Die Angst war ihr ständiger Begleiter.

Obwohl sie sich schon auf den Weg gemacht hatten, gingen Labude und seine Familie wieder zurück nach Neumarkt. Dort lebten sie noch ein paar Monate, bis der rettende Zug sie abholte. In einem Viehwagen wurden sie transportiert. „Keiner von uns wusste, wo es hingeht. Fahren wir nach Sibirien oder in den Westen? Wir waren ahnungslos“, sagt er. Als der Zug sich in Bewegung setzte und er Richtung Westen fuhr, erinnert sich Labude, war ein Aufatmen durch den Waggon zu hören. „Hauptsache nicht in den Osten“, dachten alle. Am 5. Juni 1946 hielt Labudes Zug dann in Hilter. Ein Schock. Denn viele lasen auf dem Ortsschild „Hitler“.

Labude hat sich ein Leben in der Südkreisgemeinde aufgebaut. Als gelernter
Kaufmann gründete er am Nordel eine Firma für Hydrokulturen. Doch es zieht ihn immer wieder in seine alte Heimat. 2013 war er erst wieder in Schlesien. „Der Findling vor unserem alten Haus steht noch dort, und wenn die Bäume in Blüte stehen, dann riecht das nach meiner Kindheit.“


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