Gefragte Ehrenamtliche Die Kahnwalds sind in Hilter für Menschen mit Behinderung da

Von Frank Muscheid

Machen sich für Menschen mit Behinderung stark: Luise und Herbert Kahnwald. Foto: Frank MuscheidMachen sich für Menschen mit Behinderung stark: Luise und Herbert Kahnwald. Foto: Frank Muscheid

Hilter. Zuerst war es ein Schlag für Luise und Herbert Kahnwald: Mit eineinhalb Jahren wird bei ihrer 1968 geborenen Tochter Angelika eine geistige Behinderung festgestellt. Heute hat die 46-Jährige ein selbstbestimmtes Leben und ihre Eltern sind gefragte Ehrenamtliche – bei Menschen ohne und mit Behinderung.

Er ist im evangelischen Männerkreis und auch nach 38 aktiven Jahren der Feuerwehr treu. Sie beim evangelischen Frauentreff, im Besucherkreis der Diakonie und 2. Vorsitzende des Sozialverbands Deutschland in Hankenberge. Nur einige Kalenderfüller der 75-Jährigen: „2002 zur Rente haben wir gesagt: Wir müssen was tun, sonst werden wir alt“, sagt Luise. Über fünf Jahre spielen sie Dart mit einer Gruppe in den Osnabrücker Werkstätten in Hilter. Organisieren mit Katholischer Jugend, Männerkreis sowie Lisa und Walter Görlich ein Bouleangebot mit gelegentlichen Turnieren. „Das Wohnheim in der Camminer Straße hat eine eigene Bahn“, sagt Herbert. Er kegelt seit sieben Jahren mit Behinderten in Bad Rothenfelde.

Seit zehn Jahren veranstalten beide außerdem mit Görlichs sowie Kati und Karl-Heinz Mäurer einen Spielenachmittag im Gemeindehaus, der auch bei den Bewohnern von Natruper Hof und St.-Maria-Elisabeth-Haus, Bad Laer beliebt ist. „Wir nehmen die Spielregeln nicht immer so genau, der Spaß geht vor“, so Luise, die betont: Auch gesunde Menschen könnten mitmachen, aber es sei, „als ob eine Wand dazwischen ist. Jetzt sammeln wir für eine mobile Kegelbahn.“ Sie spielt und liest gern, ihr Mann entspannt beim Puzzeln, Krippenbau oder im Garten.

Gut angekommen sei auch das Erntedank-Café. „Das Schöne für uns ist das dazwischen Sein“, sagt Herbert. „Die behinderten Menschen muss man nehmen, wie sie sind. Sie schließen einen direkt ins Herz.“ „Und sind so dankbar“, ergänzt seine Frau.

Immer dabei: Tochter Angelika, die aufgrund einer Impfung geistig behindert wurde. 40 Jahre wohnt Angelika zu Hause, ihre Mutter betreut die anfangs starke Epileptikerin meist, arbeitet nur gelegentlich. „Es war ein schwieriger Prozess, wir haben das erst nicht wahrhaben wollen“, sagt die Mutter. Ab 1972 geht Angelika in die Susanne-Raming-Schule in Bad Laer. 1975 übernimmt Luise für acht Jahre die Busbegleitung der Kinder: „Angelika hatte eine tolle Sprachlehrerin.“ Heute, so ihr Mann, „ist sie beim Reden kaum zu stoppen“.

Die Kahnwalds ziehen 1981, nach zehn Jahren in der Wohnung im Feuerwehrhaus, in ein barrierefreies Haus im Industriegebiet. Mit 21 Jahren wechselt Angelika in die Osnabrücker Werkstätten. Erst 25 Jahre später bekommt sie einen Wohnheimplatz in der Camminer Straße. Ihre Eltern überwinden viele bürokratische Hürden zu staatlichen Hilfen oder medizinischer Mitbestimmung. „Ein großer Bekanntenkreis ist auf der Strecke geblieben“, sagt Luise. Das haben sie aufgeholt.

Sie fliegen mit Angelika in jeden Urlaub: Türkei, Tunesien, Österreich, „obwohl wir sie lange nur über eine Staatsgrenze hätten mitnehmen dürfen“, sagt der Vater. Er durchläuft nach schwierigen Jahren als Maurer viele Abteilungen der Rau-Werke in Hilter, wird zehn Jahre vor der Rente noch Maschinist, schlägt sich mit Computersteuerungen herum. Und ist stolz, was er mit viel Geduld Angelika beigebracht hat: „Sie kann nicht rechnen oder lesen, aber gut puzzeln und schnell mit technischen Geräten umgehen.“ Und sie weiß, was sie will, probiert viel Neues in den Osnabrücker Werkstätten aus. Ihre Mutter freut sich: „In diesem Jahr ist sie zum ersten Mal eigenständig mit einer Gruppe der Erholungshilfe e.V. im Urlaub gewesen – in Bad Zwischenahn.“