Tagebuch-Notizen aus Sierra Leone Abstellraum als Isolierstation im Ebola-Gebiet?

Von Anne Spielmeyer


Hilter. Ole Hengelbrock (26) aus Borgloh arbeitet seit gut einem Jahr für die Hilfsorganisation „Cap Anamur“ in Sierra Leone – als Sozialarbeiter, Mediator, Organisator. Im Moment dreht sich sein Alltag vor allem um das gefährliche Virus Ebola. Auf noz.de gibt er Lebenszeichen aus Freetown.

Die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter in den Ebola-Kliniken in Westafrika sind hart. In Sierra Leone zum Beispiel hat der Tod von 30 Mitarbeitern zu einem Streik des medizinischen Personals geführt. Hast Du vom Streik im Behandlungszentrum etwas mitbekommen?

Ole schreibt: Konkrete Einzelheiten von dem Streik habe ich nicht vernommen. Allerdings liegen Gründe für eine Niederlegung der Arbeit auf der Hand. Viele medizinische Institutionen und anscheinend auch das Behandlungszentrum in Kenema sind nicht entsprechend ausgestattet. Vor einem Monat habe ich das Krankenhaus in Port Loko besucht. Vorbereitung bezüglich Ebola war ein Abstellraum, der als Isolationsstation fungieren sollte. Damals gab es einzelne bestätigte Infektionen. Heute ist die Zahl explodiert. Das Krankenhaus ist verwaist. Medizinisches Personal meidet die Arbeitsstätten, da kaum eine hundertprozentige Sicherheit gewährleistet wird. Die Vielzahl der an Ebola erkrankten Ärzte und Krankenschwestern führt darüber traurige Statistik.

Vorwürfe

Jeder unbehandelte Patient ist ein Einzelschicksal, das uns ans Herz zu gehen hat und unseren Verstand erschüttern muss. Krankenhäuser, die geschlossen sind bzw. Mediziner, die streiken, bekommen nun von allen Seiten Druck. Das nimmt aber unhaltbare Formen an. Es gibt Vorwürfe die unterlassene Hilfeleistung, Gleichgültigkeit und Opportunismus nicht auslassen. Das primäre Interesse scheint nicht auf dem Wohlergehen der unbehandelten Patienten zu liegen. Es wäre falsch die „Regierung“ oder „das Gesundheitsministerium“ zu nennen, jedoch agieren einzelne Entscheidungsträger mehr aus Aktionismus statt aus einem Verantwortungsgefühl heraus.

Risiko

Wenn das Risiko einer Infizierung größer ist als die präventiven Maßnahmen, sind Proteste mehr als verständlich. Der Schutz des Lebens ist dem medizinischen Personal oft nicht gegeben. Folglich den Patienten auch nicht. Dieses viel besprochene menschenrechtliche Paradigma greift in Sierra Leone nicht.


Die Ebola-Epidemie in Westafrika wird nach Ansicht von US-Experten noch mindestens 12 bis 18 Monate dauern. Bis der Ausbruch unter Kontrolle sei, könnten sich Hunderttausende Menschen mit dem Virus anstecken, berichtete die „New York Times“ am Samstag unter Berufung auf Forscher mehrerer Universitäten, die die Entwicklung für die US-Regierung und Gesundheitsbehörden analysieren.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) befürchtete kürzlich in ihrem Krisenszenario eine Dauer von bis zu neun Monaten und mehr als 20000 Ebola-Fälle. Dagegen kalkulieren die US-Forscher, bei der derzeitigen Wachstumsrate könnte es schnell 20000 Fälle pro Monat geben.