Arbeiterkinder im Untergrund Autor Reinhardt erzählt in Borgloh die Geschichte der Edelweißpiraten

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Autor Dirk Reinhardt las in Borgloh aus „Edelweißpiraten“. Foto: Petra RopersAutor Dirk Reinhardt las in Borgloh aus „Edelweißpiraten“. Foto: Petra Ropers

Hilter. Die Geschichtsschreibung ging Jahrzehnte lang mit einer Fußnote über sie hinweg: Jugendliche ohne Bildung, ohne reiches Elternhaus und ohne Beziehungen aus den Arbeitervierteln des Rhein-Ruhrgebietes. Während des Zweiten Weltkrieges schlossen sie sich zu Straßengangs zusammen und leisteten Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Dirk Reinhardt widmete den „Edelweißpiraten“ seinen gleichnamigen Roman, den er in der Oberschule in Borgloh vorstellte.

Mit Hintergrundberichten und Originalaufnahmen bereicherte der Münsteraner Autor und Historiker seine Lesung. Auf Einladung der Fachschaft Deutsch machte er für die neunten und zehnten Klassen mit seinem auf Tatsachen beruhenden Roman ein weitgehend unbeachtetes Kapitel der NS-Zeit lebendig. Nicht mehr als 14 bis 17 Jahre alt waren die Jugendlichen, die mit der Politik zunächst noch wenig im Sinn hatten. Mit dem Volksschulabschluss in der Tasche und zehn bis zwölf Stunden pro Tag in der Lehre bei einem der großen Rüstungsunternehmen des Ruhrgebietes, wollten sie ihre spärliche Freizeit nicht in der Hitlerjugend verbringen.

Doch die Mitgliedschaft in der HJ, die zunehmend dazu diente, die Jugend auf den Wehrdienst vorzubereiten, war gesetzlich vorgeschrieben – und ihr fernzubleiben, zog unweigerlich Repressalien nach sich. Die Edelweißpiraten schlossen sich zu Gangs zusammen, lieferten sich Straßenschlachten mit der HJ und entwickelten zunehmend auch ein politisches Bewusstsein. Sie begannen, Flugblätter zu verteilen, Widerstandsparolen an Hauswände zu schreiben und gingen nach den ersten Konfrontationen mit SS und Gestapo zunehmend auch zu drastischen Aktionen und Anschlägen über.

Ihren Wagemut bezahlten viele Edelweißpiraten mit dem Leben: Sie verschwanden im Jugend-KZ oder wurden – wie in Köln im November 1944 – öffentlich gehenkt. Nur wenige überlebten. Auf ihren Lebensberichten, auf den wenigen Ausarbeitungen von Historikern, auf den Protokollen über die Gestapo-Verhöre und Gesprächen mit jüngeren Zeitzeugen, denen die jungen Widerständler mit ihren provokant langen Haaren und der auffällig bunten Kleidung im Gedächtnis geblieben waren, basiert Dirk Reinhardts Roman.

Authentische Sprache

Wirkungsvoll schlägt der Autor dabei die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit: Eine Begegnung auf dem Friedhof bringt Daniel, den jungen Protagonisten der Rahmenhandlung, in den Besitz eines Tagebuchs. Mit ihm taucht der Leser ein in die Welt des Arbeiterjungen Joseph, der sich als 14-Jähriger den Edelweißpiraten anschließt. In ungekünstelter, authentischer Sprache machen seine Tagebucheintragungen die Angst, die Zweifel und auch die Entschlossenheit der Jugendlichen lebendig.

Die Furcht vor dem Krieg, die Aufregung der ersten Flugblattaktionen, Verhaftungen, gewaltsame Übergriffe der SS, Gestapo-Verhöre: Gekonnt verbindet der Autor fundierte, detailreiche Informationen mit spannendem Lesestoff und macht so ein Kapitel deutscher Geschichte lebendig, das noch Jahrzehnte nach Kriegsende weitgehend totgeschwiegen wurde. Erst im Jahre 2005 wurden die zumindest Kölner Edelweißpiraten offiziell rehabilitiert und auf eine Stufe mit anderen Widerstandskämpfern gestellt.

„Was können wir denn schon tun?“ Die Frage in der Clique des Tagebuchschreibers Joseph ist heute noch so aktuell wie damals. Die Edelweißpiraten haben für sich die Antwort gefunden und fordern damit auch die Leser von Dirk Reinhardts Roman heraus: „Man kann tun, was man für richtig hält - egal ob es Zweck hat oder nicht!“


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