Letzte Zeche Niedersachsens Vor 50 Jahren war in Borgloh Schicht im Schacht


Georgsmarienhütte/ Hilter. Am 30. September jährt sich zum 50. Mal der Tag, an dem mit dem Schacht Kronprinz in Wellendorf die letzte Zeche Niedersachsens geschlossen wurde.

Als zwei Jahre nach der Stilllegung des Kohlebergbaus in Borgloh das Gerücht umging, die Zeche solle wieder in Betrieb genommen werden, hat Reinhold Hoffmann ernsthaft über einen Neueinstieg nachgedacht: „Ich habe mich immer wohlgefühlt unter Tage, da war eine gute Kameradschaft, denn man war aufeinander angewiesen.“ Acht Jahre lang hatte Hoffmann, ein gelernter Sattler, zunächst als Schlepper und dann als Hauer dazu beigetragen, dass das schwarze Gestein aus der Erde gefördert wurde.

Die Arbeitsbedingungen waren 1954 noch bescheiden, sie besserten sich jedoch mit der Inbetriebnahme des Schachts Kronprinz 1956. Im benachbarten Ernst-August-Schacht, dessen Stollen nur 1,20 bis 1,30 m hoch waren, konnte der 1,84 m große Hüne nur in gebückter Haltung arbeiten, und Sauerstoff war, solange die Verbindung zum Schacht Kronprinz noch verschüttet war, oft Mangelware. Besonders schlimm war es, wenn es mehrere Tage lang regnete und auch die Stollen mehr Wasser führten. Dann trug man zwar Gummikleidung zum Schutz gegen die Nässe, aber die fror im Winter bei der Heimfahrt auf dem Moped am Leibe fest. „Waschen konnte ich mich zu Hause erst, wenn alles wieder aufgetaut war“, schmunzelt der 77-Jährige.

Heute ist all das Vergangenheit. Nur ein über zwölf Meter hoher Zechenturm nahe der Autobahn 33, einige Erinnerungstafeln und der eine oder andere Straßenname erinnern noch an den Kohlebergbau und seine rund 500-jährige Geschichte in der Region.

Die Tageszeitungen berichteten ausführlich von der letzten Seilfahrt im Jahr 1963, bei der eine mit Tannengrün geschmückte und mit Kohle befüllte Lore im Mittelpunkt stand und die verbliebenen Bergleute das Steigerlied anstimmten. Dabei war die Erinnerung noch allgegenwärtig an die nur sieben Jahre zuvor anlässlich der offiziellen Wiedereröffnung des Kronprinzenschachts gehaltenen Reden voller Zukunftsperspektiven. „Der Borgloher Steinkohlebergbau wird auf lange Sicht bestehen bleiben“, zeigten sich die Festredner am 15. Juni 1956 überzeugt und unterstrichen: „Die Borgloher Kohle ist begehrt und ihr Absatz auf Jahre hinaus gesichert.“

Der Unternehmer Anton Brinkhege, von Zeitgenossen als „Selfmademan“ bezeichnet, hatte zusammen mit Hans Helling und den Mitstreitern der „Stollenbetrieb Hasberg GmbH“ den erstmals 1865 abgeteuften und bereits zweimal geschlossenen Schacht wieder hergerichtet und erneut in Betrieb genommen. 200 Tonnen Kohle täglich sollten im Dreischichtbetrieb zutage gefördert werden; nach sieben Jahren waren es dann über 350000 Tonnen. Durchschnittlich 165 Kumpel fanden Lohn und Brot, und dank des Bergbaus wurde auch der Wohnungsbau gefördert: Glückauf-Siedlung, Barbara-Siedlung und Ernst-Arimont-Siedlung entstanden in den 1950er-Jahren. Doch der Siegeszug von Gas und Öl bereitete der kurzfristig wiederaufgelebten Kohleförderung in Borgloh und Umgebung ein jähes Ende.

Vier unterschiedlich starke Steinkohleflöze erstrecken sich zwischen Sutthausen und Borgloh; am Strubberg zwischen Wellendorf und Borgloh treten sie sogar an die Oberfläche. In der Frühzeit des Bergbaus dominierte der oberflächennahe Abbau mit einfachsten Mitteln; teilweise konnten die Kohlestückchen von der Erde aufgelesen werden. Die ersten Abnehmer der neuartigen Energie waren Schmiede, die die stärkere Hitzeentwicklung im Vergleich zu Holz zu schätzen wussten. Als häusliches Brennmaterial setzte sich Kohle nur langsam durch.

Das Recht zum Abbau des Bodenschatzes lag anfangs in der Hand des Landesfürsten, im Hochstift Osnabrück also in der des Bischofs. Er verpachtete das Recht zur Kohleförderung oder entlohnte damit seine Beamten. Ein bischöflicher Landdrost, Albrecht von Cappel aus Borgloh, wurde mit dieser Art der Bezahlung allerdings nicht glücklich. Weil Verwerfungen des Gesteins und Wassereinbrüche einen wirtschaftlichen Kohleabbau erschwerten und zudem die vom Kloster Oesede verpachteten Kohlevorkommen eine ernst zu nehmende Konkurrenz darstellten, wurde der Kohlebergbau für ihn ein Zusatzgeschäft, das ihn in den Ruin trieb.

1772 übernahm der Landesherr selbst die Regie und setzte Betriebsführer ein; die Gewinne wanderten in die Staatskasse. Günstig war die Errichtung einer Salzsiederei in Rothenfelde 1724, die viele Jahre als zuverlässiger Abnehmer fungierte. Ein weiterer glücklicher Schachzug war die Verpflichtung des Bergmeisters Terheyden um 1740, dessen Familie drei Generationen lang, bis 1840, für die technische Optimierung und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen sorgte.

Dennoch war der Bergbau immer auch problematisch. Die größten Schwierigkeiten bereitete die Wasserführung – je tiefer man die Schächte in die Erde trieb, desto mehr behinderte das Wasser die Arbeit der Bergleute. An manchen Stellen flossen 300 Liter Quellwasser pro Minute in die Stollen und mussten dementsprechend kraftvoll abgepumpt werden. Anfangs nutzte man Pferdekraft für die Pumparbeit, später Dampf- und elektrische Pumpen. Wenn Wassereinbrüche oder Verwerfungen den Kohleabbau unmöglich machten, grub man an anderer Stelle neue Schächte. Eine Übersicht über die Standorte von über 80 Schächten und Stollen im Bereich Wellendorf und weiteren 34 im Raum Borgloh findet man im detail- und kenntnisreich geschriebenen Buch über den „Steinkohlebergbau im Kirchspiel Borgloh“ von Josef Heidemann, das über den Heimatverein Borgloh bezogen werden kann.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm der Bergbau immer stärker industrielle Züge an, man nannte sich inzwischen Dampfkohlenbergwerk Borgloh. Die Nachfrage nach Kohlen wuchs unter anderem mit der Gründung des Georgsmarienhüttenwerks. Mehrere Tiefbauschächte entstanden: 1857 nahm der Glückaufschacht in Oesede seinen Betrieb auf, 1860 der nach dem blinden König von Hannover benannte Georgschacht in Wellendorf nahe der ehemaligen B68, 1865 der Kronprinzschacht und 1867 der Ottoschacht in Kloster Oesede. Zusätzlich erschloss der Georgsmarienhütten- und Bergwerksverein auch eigene Anlagen in Hankenberge, wo von 1872 bis 1903 zunächst im Karlsstollen, dann auch in zwei Tiefbauschächten Kohle gefördert wurde, die seit 1885 per Drahtseilbahn zum Bahnhof Wellendorf transportiert wurde.

Doch auch diese Periode endete nach wenigen Jahrzehnten, als sich der Abbau trotz aller Verbesserungen als unwirtschaftlich erwies. 1888 waren 574 Bergleute in der Region beschäftigt, ein Jahr später noch 332; im September wurde die Kohleförderung im Bergwerk Borgloh-Oesede eingestellt.

Erst in der Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg erinnerte man sich der stillgelegten Schächte und bemächtigte sich der Bodenschätze zunächst in wildem, ungenehmigtem Notbergbau, sogenannten Pütts. Und ähnlich lief es auch nach dem Zweiten Weltkrieg: Männer und auch Frauen gewannen oberflächennahe Kohle aus einer Tiefe von sechs bis zehn Metern mit einfachsten Mitteln: In teils riskanten Manövern stiegen sie in enge, selbst gegrabene Schächte und förderten das schwarze Gold mithilfe von Dreibock, Kabelwinde und Eimern zutage. Für eine behelfsmäßige Wetterführung nutzten sie Schmiedegebläse mit Ofenrohren, zur Beleuchtung dienten Karbidlampen oder Stalllaternen. Kohle wurde zum wertvollen Tauschartikel.

In geordnetere Bahnen kam der Abbau 1920 mit der Gründung der Borgloher Bergwerks-Aktiengesellschaft. Nun verlagerte sich der Hauptbetrieb zum reaktivierten und auf 130 Meter abgeteuften Kronprinzschacht, von dem aus die Kohlefelder Nord und Süd in Angriff genommen wurden. Obwohl es Probleme mit der Wasserhaltung gab, wurden 1922 über 50000 Tonnen Kohle gefördert, die mit einer Schmalspurbahn zum Bahnhof Wellendorf transportiert werden sollten. Mehrere Hundert Arbeiter, teilweise aus dem Ruhrgebiet stammend, waren beschäftigt. Für sie wurde neuer Wohnraum gebaut, und auch die Barbarakirche Wellendorf, benannt nach der Schutzheiligen der Bergleute, wurde 1923 eingeweiht.

Am Kronprinzschacht selbst wurden ebenfalls zahlreiche Werksgebäude errichtet: Maschinenhalle zur Stromerzeugung, Kesselhaus, Waschkaue, Lampenstube, Werkstatt und natürlich eine Schachthalle mit Fördergerüst. Doch der Optimismus trog. Der Bau einer Brikettfabrik am Bahnhof Wellendorf wurde nicht mehr fertiggestellt, weil bereits im Oktober 1924 Schicht im Schacht war. Die Inflation, ein Brand auf dem Werksgelände und vor allem die Tatsache, dass 1924 wieder Ruhrkohle zur Verfügung stand, hatten zu einer Absatzkrise und letztlich zur Einstellung des Betriebs geführt – die Aktienpakete wurden wertlos.

Ähnlich lief es nach dem Zweiten Weltkrieg. 1947 gründeten Georgsmarienhütte, Oesede und einige Unternehmer die Stollenbetrieb Hasberg GmbH, deren Geschäftsführer den wilden Bergbau stoppte. Der Energiehunger des wirtschaftlichen Aufschwungs machte den industriellen Kohleabbau wieder lohnend. Anton Brinkhege fand in dem Lengericher Zementhersteller Dyckerhoff einen potenten Abnehmer. Als allerdings dieser seine Energieversorgung 1963 auf Gas umstellte, war der wichtigste Abnehmer verloren. Der Staat beschleunigte die Stilllegung kleinerer Zechen durch Prämienzahlung, und so stellte der Kronprinz Ende September 1963 seinen Betrieb ein. Wieder war Schicht im Schacht.


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