zuletzt aktualisiert vor

Handel und Wandel Bahnhof Hilter: Als noch tonnenweise Goldocker verladen wurde

Meine Nachrichten

Um das Thema Hilter Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Hilter. Für viele Menschen aus dem Osnabrücker Land hat der Name des Bahnhofs Hilter einen besonderen Klang: Mit ihm verbindet sich für Tausende von Flüchtlingen und Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs die Hoffnung auf ein neues Leben im Westen. Mehrere Züge mit jeweils bis zu 1500 Vertriebenen, zumeist aus Schlesien und Pommern, kamen von März bis Juni 1946 in Hilter an. Als provisorisches Aufnahmelager, bevor die Verteilung der Menschen auf den knappen Wohnraum in den umliegenden Ortschaften bewerkstelligt war, diente das ehemalige Kalkwerk unmittelbar hinter dem Bahnhof. Außer einem Dach über dem Kopf gab es dort nichts, geschlafen wurde auf dem strohbedeckten Boden.

Die Kalk- und Zementindustrie war überall im Teutoburger Wald entlang der 1886 neu eröffneten Bahnlinie des Haller Willem aufgeblüht, so auch in Hilter. In gut einem Kilometer Entfernung vom Bahnhof befanden sich reiche Kalksteinvorkommen, die im Tagebau abgebaut und mit einer 600-mm-Feldbahn zur Kalkbrennerei vis-à-vis vom Bahnhof gefahren wurden. Heute sind auf dem Gebiet zahlreiche Gewerbebetriebe angesiedelt. Die Bezeichnung „Dyckerhoffstraße“ erinnert an die Zeit der Kalkbrennerei, die nach etwa 40 Jahren zu Ende ging. Dennoch blieben der Lokschuppen für die Feldbahnloks und ein Wasserbehälter noch lange erhalten, auch die hohen Schornsteine der Kalkbrennerei seien bis zu ihrem Abriss das „Wahrzeichen“ von Hilter gewesen, meint Helmut Tappmeyer, der als letzter Dienstvorsteher den Bahnhof Hilter geleitet hat.

Als Eisenbahner weiß Tappmeyer von besonderen Begebenheiten zu erzählen, etwa wie es im starken Winter 1942 zu einem tragischen Unglücksfall kam. Vor Hilter waren die Schneeverwehungen so hoch, dass die Züge auf freier Strecke liegen zu bleiben drohten. Arbeiter sollten die Strecke von Hand freilegen. Zu ihrer eigenen Sicherheit schaufelten sie Nischen in die meterhohen Verwehungen, in die sie sich beim Vorüberfahren eines Zuges zurückzogen. Doch dabei wurde einmal der Mantel eines Rottenführers vom Zug erfasst und der Mann zu Tode geschleift. Sehr gefährlich waren auch Tieffliegerangriffe auf fahrende Züge gegen Ende des Krieges. Tappmeyer berichtet von einem Angriff auf einen Zug mit Flüchtlingen aus dem pommerschen Cammin im Hohlweg zwischen Erpen und Hilter. Die Menschen seien aus dem Zug in die schützenden Wälder des Nordel gelaufen.

Neben Kalk wird wohl auch das berühmte „Hilter Goldocker“ mit der Bahn verschickt worden sein, schließlich hieß es in einem Werbespruch: „Hilter Gelb geht um die Welt“. Bis 1924 wurden Lieferungen von rund 100 Tonnen jährlich an Farbenfabriken in Süddeutschland und Probesendungen sogar bis in die Vereinigten Staaten geschickt. 1858 war das in Sandsteinspalten verborgene Eisenhydroxid entdeckt und schon bald vom Pionier des Ockerabbaus, dem Hilteraner Unternehmer Bernhard Hartmann, als Pigment für Farben vermarktet worden.

Auf dem Hüls betrieb er ein Bergwerk, wo der begehrte Rohstoff ab etwa 1870 in Stollen und Schächten gefördert wurde. Auch hier gab es eine Mini-Lorenbahn mit 380 mm Spurweite. Auf dem Betriebsgelände hinter dem Gutshaus der Hartmanns, dem heutigen Rathaus, befreite man das Eisenoxid von Sand, Ton und anderen Verunreinigungen und trocknete es auf frei stehenden Gerüsten. Teils gebrannt, teils ungebrannt kamen die Farbpigmente als „Hilter Goldocker“ in den Handel.

Seit dem Ersten Weltkrieg stellte die rührige Familie Hartmann auf ihrer Gutshausdiele zunächst Himbeersirup, später auch Marmelade her. Das Geschäft blühte bis in die 50er-Jahre, Marmeladeneimer und Fruchtsaftgebinde in Korbflaschen, die wegen der Bruchgefahr immer vorsichtig von Hand verladen werden mussten, wurden selbstverständlich per Bahn expediert. Auch die 1903 in einer Molkerei entstandene Margarinefabrik, deren Gründer Walter Rau seine ersten Produkte noch per Fahrrad an den Endabnehmer geschafft haben soll, hat in späteren Jahren den Güterumsatz am Bahnhof Hilter in die Höhe schnellen lassen. Rohstoffe kamen in 200-Liter-Fässern in Hilter an, die fertigen Produkte gingen in Kühlwagen auf die Reise. Bis in die 1970er-Jahre wurde dank der florierenden heimischen Wirtschaft viel Wagenladungsverkehr in Hilter abgefertigt, berichtet Helmut Tappmeyer: Möbel, Wurstwaren, landwirtschaftliche Produkte und Düngemittel, Propangas und anderes mehr. Bis 1960 war auch die Post des Ortes am Bahnhof abgefertigt worden.

Dabei, so erinnert sich Tappmeyer, hätten sich nicht immer alle Lokführer an die Vorschriften gehalten. Eigentlich sei die schiefe Ebene am „Kleinen Brenner“ bei Hankenberge – von 127 Meter im Bahnhof Hilter auf 177 Meter bei Hankenberge ansteigend – für eine Maximallast von 500 Tonnen zugelassen gewesen, aber mancher Lokführer, der seine Maschine zu kennen glaubte, nahm im Vertrauen auf freie Durchfahrt in Hilter bis zu 600 Tonnen an den Haken und war stolz, wenn sein Gespann nicht am Berg hängen blieb.

Mit der Verlagerung von immer mehr Verkehr auf die Straße waren solche Wagnisse nicht mehr erforderlich, die Umsätze der Bahn gingen zurück, und 1971 wurde die bis dahin selbstständige Dienststelle Hilter der Verwaltung von Dissen/Bad Rothenfelde unterstellt. Die umfangreichen Gleisanlagen mit Rampe und der große Güterschuppen wurden kaum noch gebraucht und zurückgebaut. 1984 wurde zunächst der Personenverkehr, 1990 auch der letzte Güterverkehr eingestellt, schließlich das Bahnhofsareal samt Empfangsgebäude an einen Unternehmer verkauft. Heute befindet sich hier der Hilteraner Haltepunkt der 2005 als Regionalbahn wieder in Betrieb genommenen Haller-Willem-Strecke.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN