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Anlieferung per Seilbahn und Feldbahn – Versorgung der Georgs-Marien-Hütte Immer wieder Kohle im Bahnhof Wellendorf

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Hilter. Bahnfahrer im Südkreis kennen Wellendorf heute als Kreuzungsbahnhof für die Personenzüge in Richtung Osnabrück und Bielefeld, die sich hier auf der ansonsten eingleisigen Haller-Willem-Strecke stündlich begegnen. Zu anderen Zeiten war der Bahnhof vor allem als Kohlen-Umschlagplatz von Bedeutung.

Als die Deutsche Bahn in den 80er-Jahren viele Liegenschaften verkaufte, erwarb Matthias Schimmöller den Bahnhof Wellendorf und sanierte ihn zu Wohnzwecken – genau 100 Jahre nach seiner Erbauung 1886 – weil er ihn „als eines der wenigen historischen Gebäude von Wellendorf“ erhalten wollte.

Für die Kohleförderung des Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenvereins im Feld „Hilterberg“ kam die Inbetriebnahme des Haller Willems 1886 gerade recht. Um die Kohle zum anderthalb Kilometer entfernten Bahnhof zu befördern, baute man eine Drahtseilbahn vom Tiefbauschacht im Limberg zum Bahnhof Wellendorf. Dort wurde die Kohle direkt in die Güterwagen gekippt und zum Hüttenwerk gefahren. Anfangs waren es rund 6000 Tonnen jährlich, aber schon nach fünf Jahren förderten die rund 200 Bergleute, die damals in der Zeche Hilterberg beschäftigt waren, 20000 Tonnen Kohle jährlich, den Gesamtbedarf des Hüttenwerks.

Man kann sich vorstellen, dass bei solcher Konjunktur auch am Bahnhof rege Betriebsamkeit herrschte. Neben dem Haltestellen-Aufseher waren zwei Weichensteller und ein „Hülfs“weichensteller beschäftigt, die im Rahmen des „vereinigten Dienstes“ auch bei der Güterabfertigung mit anfassen mussten. Neben dem Kerngeschäft der Kohlebeförderung wurden Holz aus den umliegenden Wäldern und landwirtschaftliche Produkte transportiert. Viele Arbeiten gingen nur in Handarbeit vonstatten. Und nur jeden 3. Sonntag hatten die Bahnbeamten und -arbeiter dienstfrei, wie einem Betriebsplan von 1905 zu entnehmen ist.

Als der Kohleabbau im Limberg unrentabel und 1903 eingestellt wurde, verschwand auch die Seilbahn. Erst nach dem 1. Weltkrieg kam die heimische Kohle wieder zu Ehren: Jetzt wurden die nahe dem Strubberg zwischen Wellendorf und Borgloh gelegenen „Kronprinz“-Schachtanlagen erneut nutzbar gemacht und 1921 sogar eine eigene Feldbahn für den Abtransport der Steinkohle zum Bahnhof Wellendorf gebaut. Von einem Sturzgerüst entleerten die Loren der 600-Millimeter-Bahn ihre Fracht in die in langer Reihe bereitstehenden Leerwagen – rund 250 Tonnen Steinkohle täglich. Vielversprechend war der Bau einer Steinkohlenseparation und einer Brikettfabrik – direkt neben den Gleisanlagen, die dazu 1923 nochmals erweitert wurden. Die Brikettfabrik ging allerdings nie in Betrieb, schon 1924 wurde die im Rohbau fertige Anlage stillgelegt und später als Steinbruch für die Volksschule Wellendorf und andere Gebäude genutzt. So war auch dieses Aufblühen des Bergbaus, ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als vor allem viele „wilde“ Zechen Notbergbau betrieben und auch die Zeche „Kronprinz“ bis zum endgültigen Aus 1963 zeitweilig bis zu 170 Kumpel beschäftigte, nur von kurzer Dauer. Aber immer war Wellendorf der Verladebahnhof.

Zu Fuß nach Wellendorf

In unmittelbarer Bahnhofsnähe waren auch Holzlagerplätze an verschiedene Forstunternehmer vermietet. Alex Elbert erinnert sich, dass zum Holzrücken im Wald und zum Verladen des Langholzes schwere Kaltblüter zum Einsatz kamen. Dabei mussten sich die Pferde auf der Laderampe, von der die Stämme praktisch ebenerdig auf die Waggons gezogen werden konnten, sehr präzise bewegen. Unglücklicherweise geriet einmal eines der Tiere beim „Rangieren“ über die Rampe hinaus und stürzte rücklings auf die Gleise. Es brach sich die Wirbelsäule und musste getötet werden.

Ganz andere Erinnerungen an den Wellendorfer Bahnhof hat der Osnabrücker Alfred Spühr. Nach dem Bombenangriff vom Palmsonntag 1945 waren der damals Zehnjährige und seine Familie wie rund 15000 Osnabrücker obdachlos geworden. „Wir sind über den brennenden Asphalt zu Fuß bis Wellendorf gelaufen – der Brand der Stadt erleuchtete die ganze Umgebung taghell“, erinnert er sich. In Wellendorf fand die Familie Unterkunft: zunächst in der Schneiderstube Sierp, dann bei Kolonialwaren Huning und schließlich im Bahnhofsgebäude, bei Fahrdienstleiter Mesterheide.

Direkt nach dem Krieg lag der reguläre Zugverkehr am Boden. Als jedoch schon im Sommer die Georgsmarienhütten-Eisenbahn auf der Haller-Willem-Strecke den Betrieb aufnahm und mit einer firmeneigenen Dampflok und zwei bis drei Wagen morgens ihre Arbeiter von Hilter bis Georgsmarienhütte einsammelte und abends wieder zurückbrachte, bediente sich auch der Schüler Spühr dieser einzigen Transportmöglichkeit. Dass jeder Wagen von einem eigenen Bremser gebremst wurde, erregte die Aufmerksamkeit des technisch interessierten Jungen, der die freien Stunden bis zum Unterrichtsbeginn um 14 Uhr in Osnabrück mit Vorliebe im Straßenbahn-Depot an der Lotter Straße verbrachte.

Gegen Ende des Jahres nahm auch der Haller Willem wieder seinen regulären Betrieb auf. Spühr besitzt noch seine erste Schülermonatskarte vom Dezember 1945, die er für 7,10 Reichsmark erworben hatte. Für die 18 Kilometer bis Osnabrück brauchte der Zug etwa anderthalb Stunden, denn da die Kohle von minderer Qualität war, entwickelte sich nur wenig Dampf. Entsprechend langsam kamen die überfüllten Züge voran. Noch schwieriger war der ansteigende Rückweg. Schon bei der Steigung in Kloster Oesede habe manche Lok schlappgemacht, berichtet Spühr. Und wer nach Hilter wollte, sah sich oft gezwungen, auf freier Strecke vor Hankenberge auszusteigen und zu Fuß zu gehen, wenn der Zug es wieder einmal „einfach nicht packte“. Die Alternative, überfüllte, mit Holzgas betriebene Busse, war auch nicht besser – die Fahrzeuge blieben ebenfalls regelmäßig an Steigungen liegen.

Aufregende Eisenbahn-Tage erlebte Alfred Spühr 1946, als nach heftiger Schneeschmelze das Hasetal überschwemmt war und wegen des Hochwassers der Bahnverkehr der Hauptstrecke Löhne–Osnabrück ein paar Tage über Bielefeld und den Haller Willem umgeleitet werden musste. Als „Hilfsschrankenwärter“ von Wellendorf kurbelte er alle paar Minuten die Schranken an der Iburger Straße herauf und herunter, denn auf dem sonst so ruhigen Bahnhof herrschte ungewohnte Geschäftigkeit. Weil seine Aufgabe so wichtig war, bekam er dafür eigens eine Befreiung vom Schulunterricht.


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