Sind Esel geeignete Wolf-Abwehrer? Verein Noteselhilfe sieht den Einsatz von Eseln im Herdenschutz kritisch

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Der Spanische Großesel Rudi aus Hilter steht bei dem derzeitigen „Schmuddelwetter“ mit Schafen im geschützten Stall anstatt auf der Weide. Esel sind aufgrund einer fehlenden Fettschicht nicht wind- und wetterfest. Foto: Carolin HlawatschDer Spanische Großesel Rudi aus Hilter steht bei dem derzeitigen „Schmuddelwetter“ mit Schafen im geschützten Stall anstatt auf der Weide. Esel sind aufgrund einer fehlenden Fettschicht nicht wind- und wetterfest. Foto: Carolin Hlawatsch

Hilter. Mit der Rückkehr des Wolfs setzen einige Weidetierhalter auf Esel als Schützer ihrer Schafe oder Rinder. Uta Over, Wolfsbeauftragte beim Verein Noteselhilfe e.V., sieht diese Entwicklung äußerst kritisch.

Mehr durch Zufall als durch eine geplante Sicherheitsmaßnahme wurde Schäfer Martin Todtenhaupt aus Hilter vor rund fünf Jahren Besitzer des Spanischen Großesels Rudi. Inzwischen sieht er in seinem Esel auch einen Herdenschützer und effektiven Wolf-Abwehrer. „Der Esel zeigt kein Fluchtverhalten und versucht Feinde durch lautes Geschrei, Hufschläge und Bisse fern zu halten“, weiß Martin Todtenhaupt. Seiner Meinung nach sei der Esel als Schutzmaßnahme in unserer Kulturlandschaft geeigneter als Herdenschutzhunde, denn die kräftigen Hunde müssen für ihre Arbeit ein starkes Schutz- und Territorialverhalten aufweisen. „Sie bewachen die Herde vor Eindringlingen und vom Hund falsch interpretiert kann dann auch mal ein Wanderer zum potentiellen Feind werden“, so Todtenhaupt. Herdenschutzhunde dort zu halten, wo immer wieder Menschen vorbei laufen, bedeute Stress für die Hunde und Gefahr für die Passanten. Außerdem verlangen sie eine gute Erziehung und Hundeerfahrung ihres Halters. Diese Fähigkeit bringe nicht jeder Schäfer mit. Ein Esel sei einfacher in Haltung und Handhabe.

Widerspruch

Insbesondere dem letzten Punkt widerspricht Uta Over vom Verein Noteselhilfe e.V., die in Brandenburg selbst seit über 40 Jahren Esel hält. Auch die Tierärztekammer Niedersachsen hat Bedenken und schreibt auf ihrer Internetseite: „Der Einsatz von Eseln im Herdenschutz ist in unseren Breiten ausgesprochen kritisch zu sehen und kann nicht empfohlen werden, da eine tiergerechte Haltung meistens nicht gewährleistet werden kann und es daher zum Auftreten massiver Tierschutzprobleme kommen kann“. 

Esel gehören, laut Uta Over, nicht auf die Viehweiden unserer Gefilde. Ursprungsregion der Langohren seien die steinigen Wüsten Nordafrikas. Dementsprechend seien ihre Organe und ihr Stoffwechsel auf karge Nahrung ausgelegt. Die meisten Weideflächen in Deutschland bestünden aber aus sehr eiweißreichen Gräsern, welche die Esel nicht verarbeiten können. Oftmals tödlich endende Stoffwechselkrankheiten wie das „Equine Metabolische Syndrom (EMS)“ – eine Verfettung des Esels – oder die „Hufrehe“ – eine schmerzhafte Entzündung im Hufinneren, seien die Folge. „Die Noteselhilfe hat schon zahlreiche dieser kranken Tiere aufgenommen“, berichtet sie. 


Schäfer Todtenhaupt ist diese Nahrungsproblematik bekannt. Er habe aber in vielen Jahren der Eselhaltung, keinerlei Stoffwechselkrankheit bei seinen Tieren erlebt. Dem Überschuss an Eiweiß komme er zuvor, indem er die Schafe vorweiden lasse, bevor Esel Rudi auf die Fläche darf. So bleiben dem Tier, das ansonsten mit Stroh und Heu gefüttert wird, höchstens die Grasspitzen. 

In südlichen Ländern, wie hier an den Ouzoud-Wasserfällen in Marokko, werden Esel auch heute noch als Lastenträger eingesetzt. Dem Herdenschutz dienen eher Hunde. „In dünner besiedelten Regionen ist der Einsatz von Schutzhunden ja auch kein Problem“, sagt Schäfer Martin Todtenhaupt aus Hilter. Foto: Carolin Hlawatsch


Weiterhin problematisch für den Herdenschutzeinsatz von Eseln sei, so die Noteselhilfe e.V., die fehlende Fettschicht in Haut und Haar dieser Wüstentiere. Somit kann sich der Esel nicht selbst ausreichend vor Regen und Wind schützen und ist ganzjährig auf einen zugfreien und trockenen Wetterschutz angewiesen. Großesel Rudi verbringt den Winter in Hilter stets bei den Schafen im Stall. Schafrassen, die aber ganzjährig draußen sind, könnten bei Kälte und Regen nicht rund um die Uhr von Eseln bewacht werden. 

Herdentier

„Erfahrungsgemäß sind Esel auch nur dann zuverlässige Herdenschützer, wenn sie sich allein auf die zu beschützende Herde konzentrieren“, sagt Uta Over. Esel Rudis einzelgängerisches Verhalten (er duldet keine anderen Ponys oder Esel neben sich), sei untypisch für die Tierart. Esel seien Herdentiere, die laut Tierschutzgesetz mit Artgenossen zusammen gehalten werden sollen. Schäfer müssten sich also mindestens zwei Tiere halten, was den Aufwand noch zusätzlich erhöhe. Zu Bedenken sei auch, dass die natürliche Abneigung von Eseln gegen Hundeartige sie zwar einerseits zu Wächtern vor Wölfen mache, andererseits jedoch die Arbeit mit Hüte- oder Schutzhunden erschwere. Entsprechende Sozialisation und Ausbildung seien hier ebenfalls vonnöten.


Einsatz für Esel

Ziel des Vereins „Noteselhilfe e.V.“ ist es, durch Beratungsgespräche und aktive Hilfe vor Ort die Haltungsbedingungen von Eseln zu verbessern. Mehr als 400 Esel und Mulis, die aus privaten Notlagen oder aus Zeitmangel abgegeben wurden, wurden seit Vereinsgründung 2006 in ein neues Zuhause vermittelt. Weitere Info auf www.noteselhilfe.org.

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