Himmelstoß der Unteroffizier Kommt Figur aus Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ aus Borgloh?

Von Kathrin Pohlmann


Hilter/Osnabrück. Er wird als klein, untersetzt, mit einem aufgezwirbelten Schnurrbart beschrieben: Unteroffizier Himmelstoß. Der Charakter stammt aus dem Werk „Im Westen nichts Neues“ des bekannten Osnabrücker Autors Erich Maria Remarque. Und es soll ihn wirklich gegeben haben – in Borgloh.

Gerhard David Himmelreich hat im Haus Alte Straße 1 in Borgloh gewohnt. Tischler Bernhard Schweer aus Borgloh ist Besitzer des Hauses und er ist sich sicher, dass der einstige Bewohner etwas mit der Figur aus Remarques Roman zu tun hat. „Der Name der Familie steht noch heute mit Bleistift an der Hauswand geschrieben“, erzählt er. Und tatsächlich: Nach genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass an der Wand hinter dem Briefkasten Buchstaben geschrieben stehen. „Himmelreich Borgloh“ ist in alter Schrift zu lesen.

Unterschiedliche Namen

Doch Himmelreich und Himmelstoß sind unterschiedliche Namen. „Im Rohentwurf des Romans hieß die Figur Himmelreich. Auf Druck der Borgloher Familie musste Remarque wohl noch vor Veröffentlichung des Buches den Namen ändern“, erzählt Borglohs Ortshistoriker Heiner Stegmann. Genau wie im Roman beschrieben war Himmelreich Postbote – das bestätigt ein Eintrag im Borgloher Kirchenbuch und ein Personalbogen aus dem Deutschen Bundesarchiv Berlin. Nach Angaben von Akten aus dem Landesarchiv Osnabrück hatte Himmelreich einer Körpergröße von 1,65 Meter. Er war also eher klein, auch das passt zur Romanfigur.

Schwer zu entziffern

Die Schrift des Personalbogens ist undeutlich, doch einige Fragmente sind zu entziffern. Auf dem Dokument steht, dass Himmelreich am 17. Dezember 1889 in Haste, Osnabrück geboren wurde. Erst hat er als Posthilfsbote gearbeitet, dann war er Landbriefträger und ist schließlich zum Oberpostschaffner aufgestiegen. Vor dem Krieg war er in Borgloh Briefträger. Entscheidend sind die Kriegsjahre. Denn im Roman ist die Figur als Unteroffizier bekannt und diente auch an der Front. So auch der Borgloher: Vom 5. August 1914 bis zum 15. November 1918 hat Himmelreich Kriegsdienst geleistet. Laut seiner Entnazifizierungsakte war er in der Infanterie und dort als Feldwebel im Einsatz. An welcher Kaserne er tätig war, geht aus den Unterlagen nicht hervor. „Vieles deutet daraufhin, dass der Himmelreich die Person in Remarques Roman ist. Auch die Stellung als Feldwebel spricht dafür“, sagt Experte Dr. Thomas Schneider vom Erich Maria Remarque Friedenszentrum. Doch beweisen lässt sich das am Ende nicht. Romanfiguren seien oft ein Potpourri aus verschiedenen Personen.

Ehrenkreuze verliehen

Offensichtlich kam Himmelreich aus dem Krieg nicht unversehrt wieder zurück. Er war laut Akten zu „30 Prozent kriegsbeschädigt“ und erlitt eine Kopfschussverletzung. Doch er überlebte und bekam am 5. Februar 1935 das Ehrenkreuz für Frontkämpfer verliehen. Später bekam er auch das Ehrenkreuz zweiter Klasse für Treuedienst verliehen – eine Auszeichnung für Angestellte des Öffentlichen Dienstes.

Stegmann kann sich noch an Himmelreich erinnern. „Der war ein ganz freundlicher Mann“, erzählt er. „Wir mussten auf dem Weg zur Schule an seinem Haus vorbei. Er war immer nett.“ Er hatte vier Söhne – alle vier wurden in seinem Heimatdorf geboren. Auch die Borgloher Ursula Meyer und ihr Bruder Heinrich Liesing haben die Himmelreichs in Erinnerung. „Wir wohnten ja Tür an Tür und haben ab und zu miteinander gespielt“, erzählen sie.

Schärfster Schinder

Die Charaktere in Remarques Romans, die Jungen Kropp, Tjaden, Westhus und Paul Bäumer erleben ihren Ausbilder, den Unteroffizier Himmelstoß dagegen ganz anders. Sie werden von ihm schikaniert. Er lässt Bäumer ein Zimmer mit einer Zahnbürste säubern, mit einem Handfeger sollen die Freunde den Kasernenhof von Schnee befreien. „Ich habe in zwanzigstündiger Arbeit uralte, steinharte Stiefel butterweich geschmiert“, berichtet Paul Bäumer. Himmelstoß bezeichnet die jungen Männer als „Schweinehunde“, er brüllt die Soldaten an und verlangt Unterwerfung von ihnen. „Er galt als der schärfste Schinder des Kasernenhofes, und das war sein Stolz“, so steht es im Roman.

Zwei Weltkriege erlebt

Später, als es an der Front in die Schützengräben geht, erlebt Himmelstoß den Krieg und die Verletzten unmittelbar. Dort versöhnt er sich mit den jungen Soldaten. „Nach zwei Tagen kommt Himmelstoß zu uns. Seine große Schnauze har er verloren, seit er im Graben war. Er schlägt vor, dass wir uns vertragen“, beschreibt es der Soldat Bäumer in Remarques Roman.

Himmelreich kehrt nach zwei Weltkriegen in den Dienst zurück. Er ist als „Postbetriebswart im Ruhestand“ im Kirchenbuch in Borgloh aufgeführt und starb am 19. Januar 1965 in einem Altenheim in Melle. Er wurde 75 Jahre alt. Am 22. Januar 1965 wurde Himmelreich in Borgloh bestattet.


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