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Entwicklungshelfer gibt Tipps Hitze: Tropenkenner empfiehlt warmes Wasser und scharfes Essen

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Ole Hengelbrock (Cap Anamur Koordinator) im Gespräch mit Nomaden und Dolmetscher (rechts) in Somalia. Wegen der Dürre sind den Einheimischen 2017 viele Tiere gestorben. Hengelbrock hatte sich einen kleinen Vorrat an Wasser gekauft und in einem Provisorium mit Plastikplanen gespeichert. Foto: Jürgen Escher / Cap Anamur.Ole Hengelbrock (Cap Anamur Koordinator) im Gespräch mit Nomaden und Dolmetscher (rechts) in Somalia. Wegen der Dürre sind den Einheimischen 2017 viele Tiere gestorben. Hengelbrock hatte sich einen kleinen Vorrat an Wasser gekauft und in einem Provisorium mit Plastikplanen gespeichert. Foto: Jürgen Escher / Cap Anamur.

Hilter. Ole Hengelbrock hat in Ländern wie Somalia Hitzeperioden und Dürre miterlebt. Im Interview erzählt er, was die Menschen in den warmen Ländern tun und welche Tricks er mit nach Deutschland genommen hat.

Sie waren schon in vielen Ländern der Erde unterwegs und für Cap Anamur in Somalia und Sierra Leone. Wie lange haben Sie gebraucht, sich dort zu akklimatisieren?

Erst mal vorne weg. Der Kulturschock kommt meist, wenn es nach Deutschland zurück geht. Für mich war der Schritt in das fremde Land auf jeden Fall einfacher. Natürlich muss man sich damit auseinander setzen, dass dort andere klimatische Bedingungen herrschen. Das wird einem schon in Vorgesprächen vermittelt. Unser Körper kennt das sehr trockene Klima oder die große Hitze nicht. Man sollte sich vorher bewusst werden, ob man sich damit auseinandersetzen möchte.

Und wie geht man am besten mit Hitze um?

In Somalia gibt es in der Mittagsstunde die wohlbekannte Siesta. Nur weil man von 12 bis 15 Uhr nicht produktiv erscheint, muss man nicht denken, man würde nichts schaffen. Im Gegenteil. In Somalia ist man am Vormittag und in den Abendstunden sehr fleißig, aber am Mittag ist eben nichts los und zwar nirgendwo. Den Umständen sollte man sich anpassen. Es ist nur klug, sich dann aus der Sonne zurückzuziehen.

Wie gehen denn die Menschen dort mit der Hitze um?

Die Somalis tragen oft ihre traditionelle Kleidung wie zum Beispiel einen Rock, auch Männer tragen ihn. In dem Rock fühlt man sich sofort wohler als im Anzug oder Lackschuhen. Man sollte Mut haben, die traditionelle Kleidung zu tragen und in Sandalen herumzulaufen. Denn so leben die Somalis. Auch in Deutschland darf es mehr Mut zu Sandalen im Büro geben. (Mehr: Was erlaubt ist und was nicht: Hitze-Tipps fürs Büro)

Das ist wahrscheinlich angenehmer. Oder woran merkt man den größten Unterschied?

Die traditionelle Kleidung ist meist selbst gewebt, zum Beispiel aus Baumwolle. Der Stoff ist sehr luftig. Das Problem ist, dass die traditionellen Märkte für Kleidung kaputt gehen, weil viele Billigprodukte mitunter Second-Hand Ware aus China oder Europa angeboten werden. Diese Stoffe sind aber gar nicht so luftig und meist qualitativ nicht vergleichbar. Es ist schade, dass die traditionelle Kleidung mehr und mehr verschwindet.

Auf Fotos tragen Sie ein langes Hemd oder einen Schal. Da stellt sich die Frage: Ist das nicht viel zu lang oder warm?

Ich trage die langen Sachen wegen der Sonnen- oder UV-Einstrahlung, die meine Haut nicht gewöhnt ist. In Somalia ist es zudem eine Form von Respekt, eine lange Hose zu tragen. Auf der anderen Seite kann man auch als Mann, den traditionellen Rock – so als Tuch umschlungen – tragen. Das ist kein Problem. Selten wird dort eine kurze Hose getragen.

Wie sieht es mit der Ernährung aus?

Die Somalis sagen: Wenn man heißen Tee trinkt, dann öffnen sich die Poren und man kann die Hitze besser ausschwitzen. Außerdem isst man ein bisschen scharf – auch in Sierra Leone. Deswegen sollte man Tee und scharfes Essen auf keinen Fall ausschlagen.

Und was wird dort gegessen?

Das Essen ist gleichzeitig ein Wasserspeicher. Die Wassermelone ist zum Beispiel oft beim Essen dabei. Wenn man keinen Appetit hat, weil es sehr heiß ist, dann hilft Tee mit Zucker oder einer Prise Salz. Eine Dattel hilft auch gegen Hunger und liegt nicht so schwer im Magen. Datteln haben unglaublich viel Zucker und Mineralstoffe. Die sind nicht ohne Grund eine beliebte Zwischenmahlzeit in solchen Ländern.

Jetzt haben Sie schon Beispiele für Essen und Trinken gegeben. In Deutschland schaltet man die Klimaanlage an. Das ist dort vermutlich etwas anders. Was halten Sie von Klimaanlagen?

Im Auto sind sie oft gut, wenn man in der Stadt im Stau steht oder unterwegs ist und die Sonne knallt von oben. Aber man muss natürlich aufpassen. Schnell hat man sich was eingefangen oder ist verkühlt. Doch gerade nachts hat man dort manchmal Stromausfälle. Da kommt man mit der Klimaanlage nicht sehr weit. Das ist vielleicht auch gut so, wenn man sich anschaut, wie viel Strom eine Klimaanlage frisst, aber es gibt ein paar Tipps.

Zum Beispiel?

Wir haben ein Tuch oder ein Bettlaken befeuchtet und vor einem Fenster befestigt. Man denkt vielleicht, dass dann gar kein Windstoß mehr hereinkommt, aber im Gegenteil. So kühlt die Luft, die hineinströmt, nochmal durch dieses nasse Handtuch ab. Ein anderer Tipp ist: draußen schlafen. Vielleicht macht man das in Deutschland zu wenig, weil man gar nicht mehr daran gewöhnt ist, aber es gibt nichts Schöneres als auf der Terrasse, im Garten oder in der Hängematte zu liegen und nachts den Wind zu spüren. Das sind zwei Tipps, die ich da befolgt habe.

Die Wärme belastet den Körper. Was kann man da machen?

Wenn man sich dehydriert fühlt, liegt das nicht daran, dass man akut nichts getrunken hat, sondern, weil die Dehydrierung zuvor beginnt. Wenn man weiß, dass der nächste Tag sehr heiß wird, ich viel zu tun habe und nicht weiß, ob ich überhaupt zu Trinkpausen komme, dann ist es wichtig, den Abend vorher, am Morgen und zwischendurch ein Glas oder eine Flasche Wasser mehr zu trinken.

Was ist bei Hitze noch wichtig, wenn man unterwegs ist?

Ich würde niemals ohne Tasche rausgehen. Da ist immer eine Flasche Wasser drin. Das mache ich auch in Deutschland. Das Gute ist, dass das Wasser aus dem Rucksack nicht zu kalt ist. Man sagt, wenn das Wasser kalt ist, verschließen sich die Poren oder der Körper braucht extra Energie, um das Wasser aufzuwärmen und dann zu verwerten.

Was machen Sie im Stau im Auto?

Bevor man unterwegs ist oder vor einer längeren Autofahrt sollte man Vorbereitungen treffen. Auch in Deutschland habe ich immer eine oder mehrere Flaschen Wasser im Auto. Außerdem habe ich eine Decke mit, die Schatten spendet. Das ist nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter hilfreich. Aber eine Sache würde ich noch gerne zur Hitze sagen.

Ja..?

Wir erleben in Deutschland gerade einen sehr heißen, trockenen Sommer. In anderen Ländern der Erde ist die Situation natürlich noch gravierender. Viele Menschen sind vom Klima abhängig. Ihre Lebensgrundlage steht und fällt mit dem Zugang zu Wasser. Eigentlich sollte der Zugang zu sauberem Trinkwasser im 21. Jahrhundert ein Menschenrecht sein. Das machen wir uns all zu oft nicht bewusst, weil die Situation hier nicht so brenzlig ist. Aber man kann die Situation nutzen, um Wasser wertzuschätzen. Was bedeutet Wasser? Oder wie hoch ist unser Wasserverbrauch? Wie viel Wasser benutze ich für eine Spülmaschine? Wenn man das mit Ländern wie Spanien vergleicht, wo im vergangenen Jahr Flüsse ausgetrocknet sind und Madrid das Wasser fast rationiert hat, dann sollte man sich in Deutschland auch Gedanken machen.

Würden Sie sagen, dadurch dass sie in Somalia eine Hitzeperiode und gleichzeitig wenig Wasser zur Verfügung hatten, dass Sie hier in Deutschland anders mit Wasser umgehen?

Was man lernt, ist der Respekt vor Wasser. In Somalia sagt man Biyo wa nolol (Wasser ist Leben). Natürlich nutze ich die Spülmaschine oder gieße Blumen, aber es gibt Fragen, die man sich viel zu selten stellt. Wenn man an seinem Kleidungsstück herunterschaut, dann kann man überlegen, wie viel Wasser steckt da drin? In der Produktion von Baumwolle zum Beispiel. Es tut gut, sich darüber Gedanken zu machen. Man hält die Hitze besser aus, wenn man sich nicht fragt, ist das Glas halb voll oder halb leer, sondern wenn man jeden Schluck genießt.


Ole Hengelbrock

Der 30-jährige aus Borgloh war für die Organisation "Cap Anamur" unter anderem in Somalia und Sierra Leone vor Ort aktiv, um die Menschen zu unterstützen. Im September 2017 ist er zur Geburt seiner Tochter wieder nach Deutschland gekommen und hat seinen Lebensmittelpunkt von Somalia zurück in die Heimat nach Borgloh verlegt. Seit Anfang 2018 arbeitet er für Caritas International mit Sitz in Freiburg und ist dort Koordinator in der humanitären Hilfe und Referent für Grundsatzfragen.

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