Aufbruch vor 170 Jahren Ein Straßenschild in den USA erinnert an einen Borgloher Auswanderer

Von Kathrin Pohlmann

Ein Foto der Familie Schriever auf ihrer Farm in Buck Valley. Das Bild wurde vermutlich in den 1890er Jahren aufgenommen. Es zeigt vorne Henry Schriever mit der Familienbibel und seiner Frau Mary. Hinten die Kinder (v.l.) Daniel, Frank, George, John, William und Catherine. Das Bild ist im Besitz der Ururenkeling Marilyn Schriver Testerman. Wer es damals aufgenommen hat, ist unbekannt.Ein Foto der Familie Schriever auf ihrer Farm in Buck Valley. Das Bild wurde vermutlich in den 1890er Jahren aufgenommen. Es zeigt vorne Henry Schriever mit der Familienbibel und seiner Frau Mary. Hinten die Kinder (v.l.) Daniel, Frank, George, John, William und Catherine. Das Bild ist im Besitz der Ururenkeling Marilyn Schriver Testerman. Wer es damals aufgenommen hat, ist unbekannt.

Hilter. Der Borgloher Johann Heinrich Schriever verließ vor gut 170 Jahren seine Heimat und begann in den Vereinigten Staaten von Amerika ein neues Leben. Noch heute erinnert ein Straßenschild in Pennsylvania an ihn und seine riskante Fahrt über den Atlantik.

Schriever wurde am 13. November 1813 auf einem Hof in Eppendorf, Borgloh geboren. In Deutschland herrschte zu dieser Zeit massenhafte Armut. Die Bevölkerungszahlen stiegen rasant an, es gab aber keine Arbeit. Viele Menschen lebten am Rande des Existenzminimums, vor allem die Landbevölkerung litt unter der wirtschaftlichen Lage. Schriever wurde als guter Schüler bezeichnet, er machte eine Ausbildung zum Zimmermann, mit 29 Jahren wollte er heiraten. Die Hochzeit war bereits geplant, die Kutsche geschmückt, die Vorbereitungen für die Feier so gut wie abgeschlossen, sagt Heiner Stegmann, Archivar aus Borgloh. Er hat sich mit der Familiengeschichte der Schrievers befasst und kennt sich aus.

Auf diesem Hof in Borgloh soll Johann Heinrich Schriever aufgewachsen sein. Foto: Archiv Marilyn Schriver-Testermann

Doch offenbar hatte jemand etwas gegen die Heirat, denn Schriever sollte der Vater eines unehelichen Kindes sein, munkelte man. Damals war das auf dem Dorf ein Skandal. So wurde erzählt, dass eine Frau aus dem Ort gegen die Hochzeit protestierte. Sie behauptete die Mutter seines künftigen Kindes sein. Zwar stellte Schriever die Frau als Lügnerin dar, doch nur zwei Tage nach dem Vorfall war er verschwunden, so die Überlieferungen der Nachfahren. Offenbar packte er in einer Nacht und Nebelaktion unbemerkt seine Sachen, um auszuwandern. Eine Truhe für seine Habseligkeiten nahm er mit. Das war alles. Seine Familie sollte nie wieder etwas von ihm hören.

Die Truhe aus Borgloh, mit der Heinrich Schriever auswanderte. Sie ist noch heute im Besitz seiner Nachfahren. Foto: Archiv/Marilynn Schriver-Testermann

Von Bremen aus ging es für den Borgloher im November 1845 in die Neue Welt – nach Amerika. Ein genaues Datum ist nicht bekannt. Die Passagierlisten aus Bremen und Bremerhaven existieren nicht mehr. Die meisten wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, viele aber auch vorher bereits entsorgt.


Die Schriever Road in Buck Valley - sie wurde nach Henry Schriever aus Borgloh benannt. Foto: Screenshot google maps


„Über die Auswanderung Schrievers und die Nachfahren gibt es viele Unterlagen, es ist eine sehr außergewöhnliche Geschichte, die gut rekonstruiert ist. Noch heute stehen die Nachfahren in Kontakt“, sagt der Osnabrücker Wolfgang Dreuse vom „Arbeitskreis Familienforschung Osnabrück“. Dreuse beschäftigt sich mit Ahnenforschung. Über seine Recherchen in verschiedenen deutschen und amerikanischen Archiven hat er die Nachfahren der Borgloher Schrievers ausfindig gemacht. Eine von ihnen ist Marilyn Schriver-Testerman. Sie ist die die Ururenkelin von Johann Heinrich Schriever und hat die Geschichte ihres Ururgroßvaters aufgeschrieben. Sie lebt in Franklin County, in Pennsylvania, nur eine Stunde von dem Ort entfernt, in dem ihr Ururgroßvater sich sein neues Leben aufbaute. Im Laufe der Jahre hat sich die Schreibweise des Namens immer mal wieder verändert. In einigen Dokumenten ist von Henry Schreiber, Schriewer, Scriever oder Schriver die Rede. 

Heinrich Schrievers Bauernhaus, dass er damals in Buck Valley baute. Auch das Haus existiert noch und befindet sich nach wie vor im Besitz der Familie. Foto: Archiv/ Marilynn Schriver-Testermann

Laut seiner amerikanischen Ankunftsliste kam Henry im Dezember 1845 in Baltimore an. Die Bedingungen auf den Schiffen waren alles andere als komfortabel. Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dauert die Überfahrt nach New York im Durchschnitt 45 Tage. In dieser Zeit wurden Segelschiffe für die Überfahrt eingesetzt. Erst nach 1850 wurden sie zunehmend durch Dampfschiffe abgelöst. Auf den Schiffen war es eng, dreckig, die Passagiere waren den Launen des Wetters ausgesetzt. Viele litten an Krankheiten. Die Auswanderer setzten bei der Überfahrt ihr Leben aufs Spiel. Einige Schiffe kamen nie in der Neuen Welt an.


Der Treppenaufgang im Haus, den Heinrich gebaut hat. Über diese Stufen ist der Borgloher Auswanderer auch schon gelaufen. Foto: Archiv/Marilynn Schriver-Testermann


Kaum hatte Schriever amerikanischen Boden unter den Füßen, wurde aus Heinrich dann Henry Schriever – Schreiver gesprochen. Er lebte zunächst in der Ortschaft Harford in Maryland, in der Nähe von Baltimore. Schriever war dort als Zimmermann beschäftigt. Laut den Recherchen von Wolfgang Dreuse lernte der Borgloher Mary Hebner kennen. Auch Mary war ein Kind des Aufbruchs. Eigentlich hieß sie Anna Maria Hübner und wurde 1833 in Hessen geboren. Im Alter von acht Jahren verließ sie mit ihren Eltern und Geschwistern die deutsche Heimat. Auch sie landeten in Harford. Der Niedersachse und die Hessin lernten sich kennen, vielleicht auch lieben und heirateten 1850. Zwei Jahre später wurde der Borgloher offiziell Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika. „Nach wie vor liegen seine Einbürgerungsdokumente im Amt von Fulton County. Henry Schriever war einer von 18 deutschen Immigranten, die sich in Fulton County niederließen und gehörte zu den ersten Siedlern in der Region“, sagt Marilyn Schriver-Testerman.


Die Einbürgerungsurkunde von Heinrich Schriever.


Laut den Dokumenten der Ururenkelin zogen Henry Schriever und Mary 1854 mit den ersten beiden Kindern weiter landeinwärts. In der kleinen abgelegenen Ortschaft Buck Valley in Pennsylvania siedelte sich die Familie an. Sie bauten ein Haus und bewirtschafteten ihre eigene Farm. „In Buck Valley hat man die Straßen nach den Pionieren der Gegend benannt. Deswegen gibt es auch heute noch die berühmte ‚Schriever Road‘“, berichtet Schriver-Testermann. 


Marilynn Schriver-Testermann mit der Truhe, die ihrem Ururgroßvater gehörte. Sie lebt immer noch in der Region um Buck Valley.


Gemeinsam bekam das Paar neun Kinder – drei davon starben früh. Die Söhne wurden – genau wie der Vater – Zimmermänner. „Vieles in Buck Valley wurde von einem Schriever konstruiert“, sagt Schriver-Testerman. Die hölzerne Truhe aus Borgloh, die Schriever damals mit an Bord nahm, ist noch heute im Besitz der Familie genau wie das Bauernhaus. 


Auf dem Friedhof hinter der Kirche sind Henry und seine Frau begraben. Foto: Archiv/Marilynn Schriver-Testerman


Auf der Truhe hatte Schriever seinen Namen und das Jahr der Auswanderung geschrieben. Die Schrievers sind auf dem Friedhof in Buck Valley beerdigt. Mary starb im Dezember 1900, Henry Schriever nur neun Monate später. Das Grab gibt es heute noch. 


Regelmäßig treffen sich die Nachkommen am Grab des Borgloher Auswanderers. Die Dame hinten rechts mit der Sonnenbrille ist Marilyn Schriver-Testermann. Foto: Archiv/Marilyn Schriver-Testermann


„Am ersten Sonntag im August treffen wir uns immer zu unserem jährlichen Schriever-Familienwiedersehen. Wir sind alle Nachfahren und verwandt mit Heinrich Schriever aus Borgloh in Deutschland“, sagt Marilyn Schriver Testermann. 


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