Wahl 2018 Borgloher Schöffe erzählt er von seinen Erlebnissen im Gericht

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Ansgar Pope aus Borgloh ist seit vielen Jahren Schöffe und hat im Gericht schon so einiges erlebt. Foto: Swaantje HehmannAnsgar Pope aus Borgloh ist seit vielen Jahren Schöffe und hat im Gericht schon so einiges erlebt. Foto: Swaantje Hehmann

Hilter. Derzeit läuft die Bewerbungsphase für das Amt als Schöffe. Doch was macht ein Schöffe eigentlich? Der 49-jährige Ansgar Pope aus Borgloh ist seit Jahren Schöffe und erzählt im Interview von seinen Aufgaben.

Guten Tag Herr Pope, seit wann sind Sie Schöffe? Ich bin jetzt seit neun Jahren Schöffe. Ich bin im Moment am Landgericht, ich war aber auch schon am Amtsgericht Schöffe.

Was muss man als Schöffe mitbringen? Man braucht gesunden Menschenverstand und ansonsten Interesse an dem Ehrenamt. Jeder, der sich für das Amt interessiert, sollte sich vorher im Klaren sein, dass man das Amt für fünf Jahre innehat.

Ist das Amt eine Bereicherung für Sie? Ja, auf jeden Fall. Ich habe da Seiten des Lebens kennengelernt, die man sonst nur so vom Hörensagen mitbekommt. Ich kann es nur jedem empfehlen.

Wie wird man eigentlich Schöffe? Das wissen Sie nicht (lacht)? Das sollte eigentlich jeder Staatsbürger wissen. Aber ich wusste es auch nicht, bevor ich selbst Schöffe wurde. Ich bin damals von jemandem angesprochen worden, der die Ausschreibung gelesen hatte. Das war in der Kirche, das weiß ich noch (lacht). Der hat mich gefragt: ‚Mensch, ist das nichts etwas für Dich?‘ Und dann habe ich mich beworben. Die Unterlagen habe ich jetzt auch gerade wieder fertiggemacht.

Sie müssen sich also jetzt für 2019 auch bewerben? Ja, genau. Ich muss mich jetzt für die nächste Amtsperiode bewerben. Eine Amtszeit dauert fünf Jahre. Die Bewerbungsunterlagen werden geprüft und dann bekommt man irgendwann den Bescheid.

Wie flexibel muss man sein, um als Schöffe zu arbeiten? Der Arbeitgeber muss flexibel sein. Der kann nicht sagen: ‚Ne, heute geht es nicht, Herr Pope kann nicht zum Gericht kommen‘. Ich bin Heilerziehungspfleger. Das ist bei mir ganz gut zu organisieren, weil ich in einem Wohnheim arbeite und dann ist immer jemand da, der mit mir, wenn nötig, den Dienst tauschen kann. Es kommt auch mal vor, dass Termine verschoben werden, wenn der Schöffe nicht kann. In der Regel bekommt man die Termine aber auch rechtzeitig mitgeteilt. Im Schnitt bin ich einmal im Monat im Gericht.

Haben Sie eigentlich einen Schöffe-Crash-Kurs bekommen oder woher weiß man, was man machen muss? Nein. So etwas gibt es nicht. Beim ersten Prozess wurde vorab die Vereidigung durchgeführt. Ansonsten bin ich auf die Richter angewiesen. Er informiert einen vorab kurz über den Fall und erklärt einem, wenn nötig, die juristischen Feinheiten und in welchem juristischen Rahmen sich das Ganze abspielen kann oder darf. Insbesondere beim Strafmaß ist das ja wichtig. Das kann ein Normalbürger nicht alles wissen. Wir Schöffen gehen ansonsten ganz unbedarft an die Sache heran.

Soll ein Schöffe nicht gerade unbedarft an die Sache herangehen? Ja, ein Schöffe sollte ohne Vorurteile in die Verhandlung hineingehen, das macht ein Richter natürlich auch. Ich hatte einen Fall im Amtsgericht in Bad Iburg, da ging es um einen Jugendlichen. Der machte den Eindruck, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Ganz am Ende erfuhr man, was er schon alles auf dem Kerbholz hatte. Bei der Frage ‚schuldig‘ oder ‚nicht schuldig‘ darf einen so etwas aber nicht beeinflussen.

In den vergangenen neun Jahren haben Sie dann sicher viel erlebt, oder? Ja, da gab es viele interessante Verhandlungen. Bei einem Fall ging es beispielsweise um einen 80-Jährigen, der Streit mit seinem Mieter hatte. Die hatten tierisch Stress wegen eines Ofens. Der 80-jährige ist dann aufs Dach geklettert und hat eine Steinplatte auf den Schornstein gelegt. Das war dann versuchte Körperverletzung, weil der Rauch nicht abziehen konnte. Das waren sehr interessante Klienten. Bei einigen Jugendlichen habe ich es leider auch erlebt, dass der Respekt vor dem Gericht verloren gegangen ist.

Muss man als Schöffe hart gesotten sein? Uns wurde vorher gesagt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Wir hatten da zum Beispiel einen Missbrauchsfall. Ein Mann hatte Fotos und Videos von der minderjährigen Nachbarin gemacht. Man weiß ja, dass es so etwas gibt, aber vor Gericht muss man sich dann solche Bilder ansehen, und zwar nicht nur zehn Minuten lang. Das war schon heftig. Die Richter haben uns vorher gewarnt und gesagt: ‚Wenn sie es nicht haben können, dann gucken Sie weg‘. Bilder bleiben hängen.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Richtern? Beim Landgericht sind es drei Richter und zwei Schöffen und am Amtsgericht waren es immer ein Richter und zwei Schöffen. Die Zusammenarbeit ist sehr kollegial. Letztendlich sind es am Ende Mehrheitsentscheidungen und somit hat die Stimme eines Schöffen schon Gewicht.

Ist in Ihrer Amtszeit schon einmal ein Richter überstimmt worden? Nein, wir haben noch keinen Richter überstimmt, aber es wurden in Berufungsverhandlungen durchaus schon Urteile aus der Vorinstanz aufgehoben. Dass man sich nicht einig ist, was das Strafmaß betrifft, das kommt aber schon mal vor. Ansonsten arbeiten wir recht gut zusammen und trinken in den Sitzungspausen auch mal einen Kaffee miteinander.

Hätten Sie nach all den Erfahrungen gerne noch Jura studiert? Nein. Verhandlungen machen – so ist mein Eindruck – den kleinsten Teil der Arbeit für Richter aus. Der Rest besteht aus einem riesigen Packen Akten und da möchte ich nicht dabei sein, um diese Dokumente zu wälzen. Das ist schon eine Menge Papier. Diese ganze Komplexität, dafür würde ich nicht Jura studieren.

Damit haben Sie dann gar nichts zu tun? Bislang musste ich keine Akten wälzen. Ich habe aber auch schon von einer Schöffin gehört, die sich durch diverse Dokumente lesen musste, da diese Beweismaterialien waren. Da ging es wohl um Betrug oder Unterschlagung.


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