Oleksandr Onyschtschenko Im Emsland züchtet er Pferde – in der Ukraine will er Präsident werden

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Herzlake. Die Samtgemeinde Herzlake hofft auf die Millionen des ukrainischen Reitsportmäzens Oleksandr Onyschtschenko. Die Ukraine hofft, ihn bald verhaften zu können. Und er selbst hofft, ihr Präsident zu werden. Einstweilen giftet er aus dem emsländischen Exil gegen die dortige Regierung.

Im offenen Kamin brennt ein Feuer. Dünner Rauch hängt in der Luft und setzt sich in den Kleidern fest. Draußen dämmert ein trüber emsländischer Novembernachmittag vor sich hin. In einem Ledersessel sitzt Oleksandr Onyschtschenko, neben sich drei Mobiltelefone, vor sich ein Glas Wasser und im Gesicht tiefe Bräune. Er ist nur für ein paar Stunden nach Herzlake gekommen, abends geht es zurück nach Spanien. In der Samtgemeinde im Kreis Emsland hat der Ukrainer 2013 das 89 Hektar fassende Anwesen Gut Einhaus erworben. Derzeit ist er sogar offiziell dort gemeldet, man trifft ihn aber selten. Onyschtschenko ist viel unterwegs. Er will die Ukraine retten.

Asyl in Spanien

In Herzlake ruhen einige Hoffnungen auf ihm. Zuletzt im Juli hatte er angekündigt, sich dauerhaft in der Samtgemeinde niederlassen zu wollen und Gut Einhaus mit seinen Millionen zu einem international bekannten Reitsportzentrum zu machen. Die Gemeinde befürwortet das. Bürgermeister Hans Bösken sagt, man wolle den Ukrainer als Investor gern in Herzlake halten. Was Onyschtschenko andernorts treibe, interessiere die Gemeinde nicht. Vielleicht deswegen weiß dort auch niemand um seine sonstigen Aktivitäten: Dass Onyschtschenko mittlerweile politisches Asyl in Spanien gewährt wurde, ist im Rathaus ebenso eine Neuigkeit wie die Tatsache, dass er 2019 als Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen der Ukraine antreten will.

Mit diesen Plänen trat er im September in seinem Heimatland an die Öffentlichkeit. „Wenn ich gewählt werde, will ich so regieren, dass die Ukrainer sich später mit Achtung an mich erinnern“, benennt er im Gespräch sein ganz persönliches Ziel einer Präsidentschaft. Als erfahrener Geschäftsmann wolle er zudem den Kurs der Regierung Petro Poroschenkos korrigieren, den er für fatal hält. „Dem Land geht es wirtschaftlich schlechter denn je, weil Poroschenko eine völlig egoistische und auf Selbstbereicherung abzielende Politik betreibt.“ Das sind harte Vorwürfe, angesichts derer nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Onyschtschenko sich in einer persönlichen Fehde mit Poroschenko wähnt. In der Ukraine ist er Hauptverdächtiger einer Gasaffäre, er soll das staatliche Energieunternehmen „Ukrgasvydobudovannya“ um umgerechnet 100 Millionen Euro erleichtert haben. Acht weitere Verdächtige sitzen deswegen in Haft. Onyschtschenko genoss als Abgeordneter politische Immunität, die das Parlament nicht rechtzeitig aufhob – er tauchte unter.

Der Multimillionär behauptet, der Fall sei eine politisch inszenierte Abrechnung, weil er zuvor im Parlament auf Distanz zu Poroschenko gegangen sei und über umfangreiches Material gegen ihn verfüge. Belege dafür stehen aus. Die ermittelnde Behörde in der Ukraine, das neu geschaffene Nationale Antikorruptionsbüro (NABU), steht zudem bisher nicht im Verdacht, politisch beeinflussbar zu sein. Onyschtschenko allerdings versichert, er habe im Parlament als heimliche rechte Hand des Präsidenten fungiert und auf dessen Ansage Kampagnen gegen missliebige Abgeordnete und Minister inszeniert. Gespräche mit dem Präsidenten und dessen Mittelsmännern habe er heimlich auf seiner Uhr mitgeschnitten und die Aufnahmen mittlerweile dem FBI zur Verfügung gestellt.

Kein großes Echo

Einige Dateien veröffentlichte zudem das Nachrichtenportal „Strana“. Darin tauchte aber weder Poroschenko auf, noch sind die Zusammenhänge der Gespräche eindeutig. Ein politisches Erdbeben jedenfalls blieb aus. Auch die präsidialen Ambitionen Onyschtschenkos haben in der politischen Landschaft der Ukraine bislang kein großes Echo gefunden.

Vor ein paar Monaten nahm er eine ultraliberale Kleinpartei unter seine Fittiche, die bei den letzten Wahlen kläglich scheiterte. Es gibt ein kurzes Parteiprogramm, das maximale Steuervereinfachungen als Schlüssel zur wirtschaftlichen Genesung des Landes sieht. Nach der Befriedung des ostukrainischen Donbass soll die russisch besetzte Krim wieder Bestandteil der Ukraine werden, wobei Onyschtschenko im Gespräch einschränkt: „Man muss da realistisch sein und sehen, was möglich ist.“

Realistisch gibt sich Onyschtschenko auch hinsichtlich der Erfolgsaussichten seiner Kandidatur: „Natürlich gibt es stärkere Kandidaten, die gegen Poroschenko zu Felde ziehen könnten“, sagt er. Julia Timoschenko steht derzeit vor einem politischen Comeback. „Sie wäre mit ihrer Erfahrung und ihrem Lebensweg eine gute Präsidentin, ich würde sie unterstützen.“

Wohl auch deswegen suchte Onyschtschenko zuletzt öffentlichkeitswirksam den Kontakt zu einer Art oligarchischer Querfront, die sich um den Milliardär Ihor Kolomoiskij bildete und Poroschenko stürzen will. Timoschenko wird ihr zugerechnet und der in der ukrainischen Politik aktive georgische Ex-Präsident Michail Saakaschwili.

Die Genannten belegen ein weiteres Problem, das auch Onyschtschenko betrifft: Sie sind Teil des alten Systems, das seine zahlreichen Chancen zur erfolgreichen Gestaltung der Ukraine nie genutzt hat und das dort eigentlich niemand mehr will. Wie um die Gasprinzessin Timoschenko ranken sich auch um Onyschtschenko zahlreiche finstere Geschichten. Woher sein auf 30 Millionen Euro geschätztes Vermögen kommt, ist unklar. Er sagt, in den 90ern mit dem Import von Fahrzeugen ein Startkapital erwirtschaftet und dieses in Gasgeschäfte investiert zu haben. Zahlreiche Medienberichte indes schreiben ihm eine Nähe zur organisierten Kriminalität zu. Onyschtschenko weist das zurück: „Natürlich, wenn man in den 90ern die richtigen Kanäle und Mittel kannte, konnte man damals ganze Staatskonzerne für lächerliche Summen erwerben“, sagt er. Manche Dinge damals seien aus heutiger Sicht moralisch fragwürdig gewesen, aber: „So waren die Zeiten, ich habe nichts Illegales gemacht.“

Erfolglose Ermittlungen

Mit seinen Gasmillionen ging Onyschtschenko in den Reitsport, knüpfte enge Kontakte zu Größen wie Paul Schockemöhle und fasste Fuß im Nordwesten Deutschlands. Sein Anwesen in Herzlake beherbergte zwischenzeitlich das von ihm geschaffene Springreiterteam der Ukraine. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelte mehrmals gegen ihn wegen des Verdachtes auf Geldwäsche, jeweils erfolglos. Das Oberlandesgericht Koblenz prüfte vor Monaten, inwiefern die in der Ukraine gegen Onyschtschenko erhobenen Vorwürfe Grundlage für eine Auslieferung sein könnten.

Die Richter sahen keine eindeutigen Indizien für eine Schuldigkeit, was aber einem Sprecher des Gerichts zufolge nichts bedeute: Es sei nur eine erste Prüfung des Sachverhaltes vorgenommen worden, den Schluss, „dass eine Strafbarkeit nach deutschem Recht nicht vorliegt, kann man aus den Äußerungen nicht ziehen“.

Onyschtschenko indes wertet all das als Nachweis seiner Redlichkeit. „Ich hoffe, dass ich eines Tages vor einem unabhängigen Gericht in der Ukraine meine Unschuld beweisen können werde.“ Sollte es damit und mit der Präsidentschaft nicht klappen, blieben ihm immer noch der Reitsport und Herzlake. Dort hofft man weiterhin, dass der Ukrainer der Samtgemeinde einen in der Welt bekannten Reitsportstützpunkt bescheren werde – woher auch immer sein Geld kommen mag.

Im Gemeinderat unterstrich Bürgermeister Hans Bösken letzte Woche in Sachen Onyschtschenko noch mal: „Egal wer auf uns zukommt, jemanden mit solchen Ideen würden wir immer unterstützen.“ Und UWG-Ratsfrau Silke Feldmann machte klar: „Es ist nicht unsere Aufgabe, den Hintergrund eines Menschen zu durchleuchten.“


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