Auf Gut Einhaus im Exil Ukrainischer Geschäftsmann und Politiker lässt sich in Herzlake nieder


Herzlake. Auf dem Herzlaker Gut Einhaus soll es in naher Zukunft wieder Reitturniere geben. Der ukrainische Geschäftsmann, Politiker und Reitsportmäzen Oleksandr Onischtschenko, dem das Anwesen gehört, hat sich in Herzlake niedergelassen. Für ihn ist es ein Exil, da er von der Justiz der Ukraine verfolgt wird – wegen Vorwürfen, die er als politisch motiviert und inszeniert bezeichnet.

Etwa ein Jahr lang herrschte Ungewissheit, wie es mit dem Gelände im Osten der Gemeinde Herzlake weitergeht. Dies wurzelte in einem Konflikt, in den Onischtschenko im Sommer 2016 mit Regierung und Justiz seines Heimatlands geraten war und in dessen Verlauf der ukrainische Parlamentsabgeordnete seine Immunität verlor.

Wegen des Vorwurfs des Betrugs und der Steuerhinterziehung wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Onischtschenko bestritt die Anschuldigungen, nannte die Verfolgung politisch motiviert. Der Geschäftsmann floh aus der Ukraine, tauchte zunächst in London unter und hielt sich später in Spanien auf.

Neuer Wohnsitz

Inzwischen, da er nicht mehr befürchten muss, in sein Heimatland ausgeliefert zu werden, ist Onischtschenko zurück in Herzlake. Diesmal soll sein Aufenthalt dauerhaften Charakter haben: Er ist seit einigen Tagen in der emsländischen Gemeinde gemeldet, hat nun auf dem Gutshof seinen Wohnsitz und will sich künftig der Pferdezucht und dem Reitsport widmen. Das erklärte Onischtschenko in einem Gespräch mit unserer Redaktion, an dem auch Herzlakes Bürgermeister Hans Bösken und Gemeindedirektor Günter Bölscher teilnahmen.

Der heute 48-Jährige, der durch Geschäfte in der Erdgasbranche reich geworden war, stieg 2010 in die Politik ein. „Damals habe ich erfolgreich für das Kiewer Regionalparlament kandidiert.“ 2012 erhielt er ein Mandat als Abgeordneter des ukrainischen Parlaments. Nach den Maidan-Protesten Ende 2013, die zum Sturz des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch führten, wurde Onischtschenko bei den Neuwahlen 2014 erneut ins Parlament gewählt.

In Opposition zu Poroschenko

Bald stellte er sich gegen den neuen Präsidenten Petro Poroschenko: „Ich habe viele schlechte Sachen gesehen, wollte seine Gesetze nicht unterstützen.“ Fortan habe er sich politisch der früheren Regierungschefin Julia Timoschenko angenähert. Nach Onischtschenkos Darstellung hat diese oppositionelle Rolle zu seiner Verfolgung durch die ukrainische Justiz geführt.

Das Nationale Antikorruptionsbüro wirft ihm vor, zusammen mit anderen Offiziellen des staatlichen Gasunternehmens Ukrgazvydobuvannya Gas zu Dumpingpreisen an fiktive Firmen verkauft zu haben. Diese hätten dem Unternehmen das Gas zum Marktpreis wieder zurück verkauft. Die Differenz in Höhe von 120 Millionen US-Dollar sollen die Offiziellen eingestrichen haben.

Gegenseitige Vorwürfe

„Die Vorwürfe gegen mich sind inszeniert“, sagt Onischtschenko. Bei den Geldern, die er laut Anklage in die eigene Tasche gesteckt haben soll, habe es sich um Steuern und Gebühren gehandelt, die er ordnungsgemäß entrichtet habe. „Poroschenko hat einen Grund gesucht, meine Geschäfte kaputt zu machen.“

Seit Mitte 2016 ging Onischtschenko seinerseits mit Korruptionsvorwürfen gegen den Staatschef an die Öffentlichkeit. In einem Artikel des US-Magazins „Time“ erklärte er, Geschäftsleute, die mit staatlichen Unternehmen zu tun hätten und sich weigerten, Schmiergelder zu zahlen, würden von der Regierung systematisch angegriffen – so wie es ihm ergangen sei.

Keine Auslieferung

Der Argumentation eines politisch motivierten Vorgehens folgte derweil die internationale kriminalpolizeiliche Organisation Interpol. In einem Schreiben teilte sie Onischtschenko in diesem Frühjahr mit, dass das Ersuchen um Festnahme mit dem Ziel der Auslieferung an die Ukraine aufgehoben ist. Auch das Oberlandesgericht Koblenz äußerte in einer Verfügung vom 6. Februar 2017 Bedenken am Erlass eines auch nur vorläufigen Auslieferungshaftbefehls: Demnach ist unter anderem die erforderliche Strafbarkeit nach deutschem Recht nicht ersichtlich.

Oleksandr Onischtschenko, der fließend Deutsch spricht, hat sich nach eigenen Worten seit Anfang der 1990er Jahre häufig hierzulande aufgehalten. Nach seiner Zeit beim sowjetischen Militär, die ihn bereits 1991 nach Deutschland führte, sei er seit 1993 zunächst in Bad Oeynhausen im Autohandel tätig gewesen. Durch die Bekanntschaft mit Paul Schockemöhle stieg er 1998 in den Pferdesport ein. In den folgenden Jahren avancierte er zum Vorsitzenden des ukrainischen Reitsportverbands, wurde Teamchef der Springreiter seines Lands. Ab 2004 stieg er selbst bei Wettbewerben in den Sattel, nahm an Welt- und Europameisterschaften teil sowie an Olympia 2008 in Peking und 2012 in London.

Reitsport fördern

2013 kaufte er das Gut Einhaus, wo er nun seine Tätigkeiten im Reitsport fortsetzt. Dazu gehört die Zucht westfälischer Pferde, ebenso wie die Teilnahme an Turnieren. Derzeit hält Onischtschenko in Herzlake jeweils 20 Sportpferde und Aufzuchtpferde. Zwei neue Turnierplätze wurden angelegt; schon für das kommende Jahr plant der Inhaber die Ausrichtung von Reitwettbewerben vor Ort.

Bürgermeister Bösken und Gemeindedirektor Bölscher sind darüber erfreut, ebenso wie über den neuen persönlichen Kontakt zu Onischtschenko, mit dem sie zuvor nur über seine Mitarbeiter kommuniziert hatten. „Unser Anliegen ist es, dass das Gut Einhaus zu einem Aushängeschild für die Gemeinde Herzlake wird“, sagt Bösken. Der Reitsport könne einen Werbeeffekt bringen, wichtig sei aber auch, dass der Erhalt der Arbeitsplätze gesichert werde. Momentan sind dort elf Mitarbeiter beschäftigt.


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