Interview mit Alfons Balmann Agrarökonom erläutert Probleme der Landwirtschaft im Emsland

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Lähden. Zum Forum emsländischer Landwirte am 17. Februar 2017 in Meppen kehrt Professor Alfons Balmann in die Region zurück, in der er aufgewachsen ist. Der im heutigen Lähdener Ortsteil Holte geborene Agrarökonom, der in Halle an der Saale forscht und lehrt, wird dann zur kritischen Diskussion rund um die industrialisierte Landwirtschaft referieren.

Wenngleich er seit mehr als 30 Jahren nicht mehr im Emsland ansässig ist, hat Balmann, der aus einer Landwirtsfamilie stammt, weiterhin enge familiäre Verbindungen in die Region. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der 53-Jährige über Strukturwandel und Agrarsubventionen – und erläutert, warum er das traditionelle Bild einer bäuerlichen Landwirtschaft als überholt erachtet.

Herr Professor Balmann, Sie stellen eine zunehmende Entfremdung zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft fest. Wie ist es dazu gekommen?

Zum einen haben sich die gesellschaftlichen Erwartungen an die Praxis verändert. Es gibt ungelöste Probleme. Zum anderen kennt innerhalb der Gesellschaft kaum noch jemand einen echten Landwirt oder ist öfter auf einem landwirtschaftlichen Betrieb. Zudem werden die Ställe und Betriebe immer größer, müssen immer stärker abgeschottet werden, um beispielsweise Hygieneanforderungen zu erfüllen.

Sie sagen, die Landwirtschaft müsse ihre Defizite ehrlich anerkennen. Wie meinen Sie das?

Es gibt Probleme in den Bereichen Umwelt und Tierwohl. Das Emsland ist davon besonders betroffen, weil die Landwirtschaft hier nicht nur aufgrund der schlechten Bodenverhältnisse traditionell auf die Tierhaltung angewiesen ist. Angesichts der enormen Viehdichte muss man sich Gedanken machen: Wo bleiben der Geflügelkot und die Gülle? Beim Geflügelkot ist es nicht ganz so problematisch, weil er wertvoll ist und man ihn etwa nach Ostdeutschland verkaufen kann. Mit Schweine- oder Rindergülle ist es schwieriger.

Das alles ist nicht neu. Schon in den 80er Jahren war die Gülle ein Problem. Dann hat man in Lagerkapazitäten investiert, Fütterung und Ausbringung verbessert. Dennoch stößt das System wieder an Grenzen. Jetzt ist die Frage: Schafft es die Landwirtschaft, mit dem Überschuss so umzugehen, dass die organischen Dünger dorthin fließen, wo sie hingehören und nicht so ausgebracht werden, dass Gewässer belastet werden?

Soweit der Bereich Umwelt. Und wie sieht es beim Tierwohl aus?

Beim Tierwohl ist das Ganze etwas differenzierter zu sehen. Es gab immer wieder Verbesserungen. Die Tiere sind heute auf eine enorme Leistung gezüchtet, sodass die Halter und die Stalltechnik ihnen optimale Möglichkeiten bieten müssen, mit diesen enormen Leistungen zurechtzukommen. Eine heutige Kuh gibt nicht mehr wie vor 50 Jahren 5000 Liter oder weniger, sondern fast 10.000 Liter pro Jahr. Daher müssen die Tiere so betreut werden, dass alles passt, die Ställe müssen entsprechend gebaut sein. Größere Tierwohlprobleme als im Milchviehbereich gibt es in der Schweine- und Geflügelhaltung. Heutige Mastputen können kaum noch stehen, weil sie so muskelbepackt sind.

Das sind nur ein paar Beispiele. Wir haben eine Genetik bei den Tieren, die vergleichbar ist mit einem Porsche. Wenn man damit auf einer Rennstrecke unterwegs ist, braucht man optimale Verhältnisse, Können und auch die nötige Vorsicht.

(Weiterlesen: Tausende demonstrieren in Berlin gegen „Agrarindustrie“)

Viele Landwirte sehen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Was ist dran an dieser Klage, nur die Sündenböcke für vielschichtige Fehlentwicklungen zu sein?

Da ist einiges dran. Die Landwirtschaft hat versäumt zu kommunizieren, wie sie tatsächlich funktioniert und was sie der Gesellschaft gegenüber leistet: günstige Nahrungsmittel, eine enorme Ressourceneffizienz. Andererseits haben sich einige gesellschaftliche Ansprüche verändert, wie beim Tierwohl, und manche davon sind auch naturwissenschaftlich belegt. Die Landwirtschaft hat sich lange versteckt, genauso wie Einzelhandel und Verarbeitungsindustrie, und nicht offensiv gesagt: Diese Probleme haben wir, hier müssen wir ansetzen. Man hat immer erst reagiert, wenn der Druck so groß war, dass es nicht mehr anders ging.

Auf der anderen Seite hat ein Großteil der Gesellschaft keine Kenntnisse über Landwirtschaft. Eine Reihe von Akteuren kommuniziert öffentlich, wie schlimm die Landwirtschaft sei – teils mit völlig naiven, teils mit populistischen, teils mit überzogenen Vorstellungen. Manche Tierrechtler meinen, man dürfe Tiere überhaupt nicht nutzen, sondern müsse sich vegan ernähren und kleiden. Hier ist eine Gemengelage entstanden, in der viele Positionen über die Landwirtschaft in grob überzeichneter Weise diskutiert werden.

Auch die Medien sind daran erheblich beteiligt, weil viele Berichte völlig unreflektiert mit Behauptungen umgehen und sehr viel voneinander abgeschrieben wird, ohne kritisch frühere Beiträge zu reflektieren. Letztlich hat die Landwirtschaft an NGOs (Nichtregierungsorganisationen, Anm. d. Red.) und an die Grünen die Position verloren, als der überragende Kompetenzpartner für Agrarthemen aufgefasst zu werden. Stattdessen glaubt man Umweltverbänden, die oft ein verzerrtes Bild von tatsächlicher Landwirtschaft haben.

Sie bescheinigen der Landwirtschaft, sie sei heute, trotz ihrer Besonderheiten, eigentlich ein Wirtschaftszweig wie jeder andere. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Weil meines Erachtens das traditionelle Bild einer bäuerlichen Landwirtschaft nicht mehr passt. Wir haben zum einen eine enorme Technisierung, das heißt ein landwirtschaftlicher Arbeitsplatz kostet oft weit mehr als eine halbe Million Euro an Investitionen – doppelt so viel wie in der gewerblichen Industrie. Anders als früher investiert ein Landwirt nicht vorwiegend, um seinen Arbeitsplatz zu sichern, sondern in eine Kapitalanlage.

Auch bei der Arbeitskraft ist vieles anders. In Niedersachsen sind mittlerweile 42 Prozent der Arbeitsleistung, die in der Landwirtschaft erbracht wird, Lohnarbeit, nicht mehr klassische Familienarbeit. Die Qualifizierungsansprüche vor allem der Leiter der landwirtschaftlichen Unternehmen sind enorm hoch. Er oder sie muss Experte auf vielen Gebieten sein, nicht nur in der Produktionstechnik, auch in der Unternehmensführung und im Umgang mit Behörden. Die Landwirtschaft ist nur zu beherrschen, wenn man ein optimales Wissen über die Produktionsprozesse hat. Es reicht nicht, ein Gefühl dafür zu haben, wie ein Pflanzen- oder Tierbestand sich entwickelt, sondern Produktionsentscheidungen müssen auf entsprechenden Daten und deren Auswertungen basieren. Das betrifft etwa Düngung, Fütterung und den Gesundheitszustand von Tieren.

Zunehmend bedeutend wird auch, dass ein Landwirt nicht einfach für den Markt produziert, sondern einen Großteil mittlerweile über vertragliche Vereinbarungen produziert – und die Vertragspartner, also der Verarbeiter oder der Lebensmittel-Einzelhandel, bestimmen, wie produziert wird.

(Weiterlesen: Zwei Bauern – zwei Meinungen: Streitgespräch über Landwirtschaft)

Sind kleine Betriebe generell eher die Verlierer des Strukturwandels, größere die Gewinner?

Ich würde hier nicht von Gewinnern und Verlierern sprechen. Wir haben seit dem Zweiten Weltkrieg einen sehr stetigen Strukturwandel. Jedes Jahr geben im Durchschnitt etwa drei Prozent der Betriebe auf. Etwa alle 25 Jahre halbiert sich die Anzahl der Betriebe. Die Verbleibenden sind dann im Durchschnitt doppelt so groß. Es gab früher auch größere und kleinere Betriebe, wie heute. Tendenziell überleben mehr von den größeren. Das hängt auch damit zusammen, dass wir auch außerhalb der Landwirtschaft zunehmende Einkommen haben. Wenn dann ein normaler Landwirt genauso wie die Nachbarn, die woanders tätig sind, verdienen will, muss das Einkommen, das in der Landwirtschaft erwirtschaftet wird, auf weniger Köpfe verteilt werden. Es ist ein Automatismus, der sich weiter vollziehen wird.

Was es daneben natürlich noch gibt, sind zwei Phänomene. Zum einen ist zu beobachten, dass große Betriebe oft produktiver sind, was etwa die Milchleistungen je Kuh betrifft, und häufig von besser qualifizierten Unternehmensleitern geführt werden. Zum anderen rechnen sich häufig nur große Investitionen, bei denen ein Stall eine gewisse Mindestgröße hat. Wenn bei einem Generationswechsel überlegt wird, wie es weitergeht, sollte der Hofnachfolger in der Lage sein, in den nächsten Jahrzehnten einen Betrieb zu bewirtschaften, der leistungsfähig ist. Das erfordert Investitionen in modernste Technik.

Das heißt nicht, dass nicht genauso kleinere Betriebe überleben können. Sie müssen Wege finden, wie sie vielleicht ihre Produkte besonders gut vermarkten können, indem sie etwa besondere Absatzwege wählen oder Landwirtschaft mit anderen Einkommensarten verbinden. Im Emsland spielt das weniger eine Rolle, aber beispielsweise in den touristischen Regionen Bayerns, wo Urlaub auf dem Bauernhof oft eine zusätzliche Einkommensquelle bietet.

Zum Thema Agrarsubventionen: Viele Landwirte beharren darauf, aber manche unter ihnen meinen auch, man könne die Zuschüsse guten Gewissens abschaffen, denn gesunde, solide wirtschaftende Höfe würden trotzdem überleben. Sehen Sie das auch so?

Mit Blick auf das Emsland haben wir die besondere Situation, dass die Bodenpreise so exorbitant hoch sind, dass ein Großteil dieser Zuschüsse direkt an den Verpächter weitergegeben wird. Der Landwirt profitiert davon nur in dem Maße, wie er eigene Flächen besitzt. Ein anderer wichtiger Punkt ist der, dass die bisherigen Direktzahlungen vor allem flächengebunden sind. Der Umsatz wird aber über die Tierhaltung erzielt. In Relation zum gesamten Umsatz sind die Zahlungen dann relativ unbedeutend. Dennoch: Wenn man sie einfach wegstreichen würde, sähe die wirtschaftliche Situation vieler Betriebe viel ungünstiger aus. Von heute auf morgen lassen sich die Zahlungen daher wohl nicht abschaffen, aber mittelfristig könnten sich die Landwirte darauf einstellen. Bei einer Halbierung der Direktzahlungen würde auch jetzt keine Fläche im Emsland aus der Produktion herausfallen.

Häufig heißt es, die Situation für Umwelt wie Landwirte würde sich vereinfachen, wenn ein Großteil der Konsumenten bereit wäre, höhere Preise für Lebensmittel zu bezahlen. Wie lassen sich die Verbraucher von der „Hauptsache billig“-Denkweise abbringen?

Wenn die Verbraucher höhere Preise zahlen würden für Schweinefleisch oder Milch, könnte man in vielen Regionen damit rechnen, dass viele Landwirte sofort die nächsten Bauanträge stellen würden. Dann würde der Markt wieder überschüttet werden. Die Frage ist, wie man ein System etablieren kann, in dem die Landwirte, die in höhere Tierwohl- oder Umweltstandards investieren möchten und bereit sind, ihre Betriebe dafür umzustellen, höhere Preise erzielen. Es geht darum, die Verbraucher davon zu überzeugen, dass besonders hochwertige Produkte mit besonderen Kosten verbunden sind.

Einfach zu sagen, der Verbraucher sei geizig, trägt nicht weit genug. Der Geiz des Verbrauchers trägt mit zum technischen Fortschritt bei, indem er die Landwirte zwingt, effizienter zu werden. Auf Dauer lassen sich höhere Tier- und Umweltstandards am ehesten erreichen, indem entsprechende Innovationen erfolgen.

(Weiterlesen: Herzlaker Milchviehbetrieb hat Probleme mit Erweiterung)

In einigen Regionen hat es die Landwirtschaft schwer, Nachwuchs zu gewinnen. Wie beurteilen Sie dies?

Bundesweit haben es viele Landwirte schwer, die eigenen Kinder davon zu überzeugen, den Betrieb weiterzuführen. Es gilt zu berücksichtigen, dass so ein Betrieb dann auch für 30, 40 Jahre Perspektiven haben muss. Eine andere Sicht ergibt sich, wenn man sich damit auseinandersetzt, dass die Landwirtschaft heute ein Hightech-Sektor ist und es nicht nur den heimischen Hof gibt. Auch außerhalb des elterlichen Betriebs gibt es in Deutschland für junge, ausgebildete Landwirte viele Möglichkeiten, einen interessanten Arbeitsplatz zu finden, der zu den eigenen Fähigkeiten passt.

Wenn man sich in den neuen Bundesländern umschaut, findet man viele Betriebe, die fast nur mit Fremdarbeitskräften wirtschaften und bereits heute intensiv darum kämpfen, qualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen – und zugleich sichere Arbeitsplätze anbieten können. An Perspektiven für junge Leute, in der Landwirtschaft tätig zu werden, mangelt es nicht. Im Ackerbau ist der Arbeitskräftemangel geringer als in der Tierhaltung. Dort ist Migration bereits heute wichtig. Auch in der niedersächsischen Landwirtschaft kommen mittlerweile viele Fremdarbeitskräfte aus Ost- oder Südosteuropa. Im Verarbeitungsbereich erst recht, beispielsweise in Schlachtereien.

Sie fordern, die Landwirte müssten sich für die Entwicklung ihrer Orte stark machen. Wie sollen die Bauern konkret handeln?

Es gibt immer weniger Landwirte, entsprechend ist ein Großteil der Dorfbevölkerung heute ohne landwirtschaftlichen Hintergrund. Der Landwirtschaft bleibt nichts anderes übrig, als sich trotzdem in den Dörfern einzusetzen, weil sie für Bauanträge oder die künftige Entwicklung ihrer Betriebe auch das Wohlwollen der Nachbarn braucht. Hier gibt es viele Möglichkeiten, etwa sich in Vereinen zu engagieren, sich zu zeigen und Kontakte zu pflegen. Anders sieht es in Ostdeutschland aus, wo wir Dörfer haben, die sich entleeren und wo außer den Landwirten kaum noch jemand lebt, außer vielleicht einigen älteren Leuten. Dort müssen sich die Landwirte teilweise enorm einsetzen, damit überhaupt bestimmte Infrastrukturen erhalten bleiben oder diese selber bereitstellen. Das ist überhaupt nicht vergleichbar mit den Verhältnissen in der Region Weser-Ems. Hier ist es wesentlich bedeutsamer, dass die Landwirte das Vertrauen der Dorfbevölkerung pflegen.


Zur Person:

Alfons Balmann, geboren 1963 in Holte (heute zu Lähden gehörend), wuchs im Emsland auf und machte 1982 Abitur am Haselünner Gymnasium. Anschließend studierte er zunächst Physik in Hannover, ab 1983 Agrarwissenschaften an der Universität Göttingen. Nach dem Diplom 1989 schlug er eine wissenschaftliche Laufbahn ein, promovierte 1994 in Göttingen und legte seine Habilitation in Agrarökonomie 2000 an der Berliner Humboldt-Universität ab. Nach wissenschaftlicher Arbeit in Göttingen, Berlin, Los Angeles und Neubrandenburg ist Balmann seit Oktober 2002 Direktor am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle an der Saale. Dort leitet er auch die Abteilung Betriebs- und Strukturentwicklung im ländlichen Raum. Zudem ist der Agrarökonom seit Oktober 2003 Professor für Betriebs- und Strukturentwicklung im ländlichen Raum an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Agrarstrukturwandel, Bewertung von Agrarpolitiken, Bodenmärkte, Investition und Finanzierung, Organisation und vertikale Kooperationen. Balmann ist verheiratet und zweifacher Vater.

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