Mitnahme verweigert Herzlaker darf nicht mit E-Scooter in Linienbus

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Der E-Scooter ist für den gehandicapten Herzlaker Bernhard Pawelczyk hilfreich. Mit dem Mobil in einen Linienbus zu fahren, wird ihm aber nicht gestattet. Foto: Tim GallandiDer E-Scooter ist für den gehandicapten Herzlaker Bernhard Pawelczyk hilfreich. Mit dem Mobil in einen Linienbus zu fahren, wird ihm aber nicht gestattet. Foto: Tim Gallandi

Herzlake. Bernhard Pawelczyk ist sauer. Mit seinem E-Scooter wird dem gehandicapten Herzlaker das Mitfahren in Linienbussen auf der Strecke nach Haselünne verweigert. Die Busse seien nicht dafür ausgelegt, begründet das Verkehrsunternehmen.

Am Heiligabend 2015 erlitt Bernhard Pawelczyk einen Schlaganfall, dessen Folgen ihn bis heute beeinträchtigen. Der Herzlaker ist seitdem zu 80 Prozent behindert, seine linke Körperhälfte ist nicht mehr voll funktionsfähig. Laufen kann er nur noch sehr kurze Strecken; schon nach wenigen Metern muss der 61-Jährige innehalten und sich ausruhen.

„Mit einem normalen Rollstuhl käme ich nicht zurecht“, sagt Pawelczyk. „Weil ich nur die rechte Hand benutzen kann, würde ich mich im Kreis drehen.“ Geeignet ist für ihn der Elektro-Scooter, den er seit März 2018 besitzt: Dabei handelt es sich um ein vierrädriges Gefährt, das einen Lenker hat und auf dem er wie auf einem Motorroller sitzt. „Es hilft mir sehr“, sagt er.

Wie bestellt und nicht abgeholt

Zweimal wöchentlich muss Pawelczyk zur Therapie nach Haselünne. Sein Vorhaben, selbstständig mit dem E-Scooter dorthin zu fahren, wobei er den Großteil der Strecke logischerweise im Bus zurücklegen müsste, zerschlug sich jedoch. Der Fahrer des Unternehmens Kalmer, das den Linienverkehr zwischen Herzlake und Haselünne betreibt, habe ihm den Einstieg verwehrt – mit der Begründung, er dürfe keine E-Scooter mitnehmen.

„So stand ich da wie bestellt und nicht abgeholt“, beklagt Pawelczyk. Immerhin konnte er an jenem Tag telefonisch seinen Sohn verständigen, der ihn mit dem Auto abholte – zumal sich auch der E-Scooter leicht auseinanderbauen und im Kofferraum verstauen lässt. Bloß ist sein Sohn nicht ständig vor Ort, und auch seine Frau könne ihn nicht jedes Mal fahren. „Ich verstehe es nicht“, sagt der Herzlaker. „Wir waren damit sogar schon im Urlaub und durften den Scooter im Flugzeug transportieren. Auch in Spanien kamen wir in jeden Bus.“

Komplizierte Rechtslage

Elektromobile wie das von Pawelczyk beschäftigen Politik und Unternehmen seit Jahren. Zeitweise standen E-Scooter-Fahrer in weiten Teilen Deutschlands vor geschlossenen Bustüren. So erklärte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) Anfang 2015 seinen Mitgliedern, dass sie keine Beförderungspflicht für Menschen mit Behinderungen haben, die mit E-Scootern unterwegs sind.

Der VDV rechtfertigte dies damit, dass die Mobile ein erhöhtes Gefährdungspotenzial für andere Fahrgäste, aber auch für die Nutzer selbst darstellten. Beim Ein- und Ausfahren aus Linienbussen wurden demnach von verschiedenen Verkehrsunternehmen kritische Situationen beobachtet, und im Fahrzeug selbst seien die E-Mobile mitunter umgekippt.

Bundesweite Erlassregelung

Nach langen Verhandlungen änderte sich die Rechtslage im März 2017 – mit Inkrafttreten einer bundesweiten Erlassregelung. Derzufolge sind die Verkehrsunternehmen nun zur Mitnahme der E-Scooter in Linienbussen verpflichtet, sofern eine Reihe bestimmter Kriterien erfüllt ist. Unter anderem müssen die Elektromobile vier Räder haben und mindestens 1,20 Meter lang sein; inklusive Nutzer dürfen sie maximal 300 Kilogramm schwer sein. Außerdem müssen sie über ein spezielles Bremssystem (etwa eine Extra-Feststellbremse) verfügen und sich für die Rückwärtseinfahrt in den Bus eignen. Alles Punkte, die auf seinen E-Scooter zuträfen, sagt Pawelczyk. Und den zudem nötigen Nachweis, dass er in der Lage ist, das Mobil selbstständig zu steuern, könne er ebenfalls erbringen.

(Lesen Sie auch: Plakettenpflicht für E-Scooter in Osnabrücker Bussen)

Das Haselünner Busunternehmen Kalmer gehört zur Unternehmensgruppe Hülsmann Reisen aus Voltlage. Dessen Geschäftsleiter Karl Hülsmann junior erklärte auf Anfrage unserer Redaktion, es seien nicht alle Voraussetzungen für eine Mitnahme von E-Scootern gegeben. Hülsmann junior beruft sich in erster Linie auf die in der Regelung festgesetzten Anforderungen für Linienbusse. Diese müssten für die Scooter eine Aufstellfläche von mindestens 1,50 Meter bieten.

Platzmangel befürchtet

„Diesen Platz haben wir in unseren Bussen nicht“, so der Geschäftsleiter. „Dafür müssten wir mindestens zwei, eher vier Sitzplätze entfernen.“ So würde man möglicherweise fast zehn Prozent der gesamten Sitzplatzkapazität einbüßen. Im großstädtischen Linienverkehr mit relativ kurzen Etappen wäre dies wohl weniger gravierend; in der hiesigen Region mit längeren Überlandstrecken könne und wolle man es anderen Fahrgästen nicht zumuten, die ganze Fahrt über zu stehen. Auch gehe es um die Sicherheit der Insassen. Hier berge ein Scooter wegen seines hohen Schwerpunkts das Risiko umzufallen – anders als zum Beispiel Rollstühle oder Kinderwagen, die sich problemlos mitnehmen ließen.

Im Fall von Bernhard Pawelczyk zeigte sich Hülsmann junior gegenüber unserer Redaktion gesprächsbereit: „Wenn der Fahrgast den Nachweis erbringt, dass er alle Anforderungen an ihn und den E-Scooter erfüllt, könnten wir schauen, ob wir eine Lösung finden.“ Versprechen könne er aber nichts.


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