Vortrag von Andreas Schüring Geliebt, gehasst, gefürchtet: die Nutria

Von Martin Reinholz


Herzlake. Einen beeindruckenden Vortrag über die Herkunft, Biologie und Lebensweise der im Emsland immer stärker vorkommenden Nutria hat der emsländische Naturschützer, Naturfotograf und –filmer Andreas Schüring in der evangelischen Kirche in Herzlake gehalten.

Dabei stellte Schüring abschließend zwei mögliche Lösungsvorschläge zum Umgang mit dem Neozoon (Tierarten, die sich in einem Gebiet etabliert haben, in dem sie vorher nicht heimisch waren) zur Diskussion. Entweder werde die eingewanderte Art komplett ausgerottet – wie es in den benachbarten Niederlanden vorgesehen ist – oder „der Mensch versucht, sich mit der neuen Art zu arrangieren“.

„Invasive Tierart“

Schon seit mehreren Jahren lädt die Männergruppe der evangelischen Kirchengemeinde Haselünne und Herzlake Schüring zu Vorträgen bestimmter Tierarten ein. „Dabei sind Gäste immer herzlich willkommen“, sagte der Pastor beider Kirchengemeinden, Detlef Stumpe, bei seiner Begrüßung. In diesem Jahr sei mit der Nutria eine „invasive Tierart“ gewählt worden, erklärte Stumpe. Dabei gab der Geistliche zu bedenken, dass auch der Mensch in vielen Bereichen auf dem Globus als „invasive Art“ massiv in natürliche Lebensräume eingegriffen habe und eingreife.

Imposanter Nager

Zunächst war der „imposante Nager“, so Schüring, in deutschen Zoos Anfang des 20. Jahrhunderts zu sehen. „Das Emsland eroberte sie fast 100 Jahre später“, beschrieb der Experte den Vormarsch des Neozoons. Als Entdecker gelte der chilenische Jesuitenpater und Naturforscher Juan Ignatio Molina, der der Nutria 1782 seinen wissenschaftlichen Namen „Myocastor coypu“ gab. Die Nutria werde häufig auch als „Biberratte“ und „Sumpfbiber“ bezeichnet. Wie Biber und Bisam gehöre die Nutria zu den Wassernagern, die zu Wasser und Land unterwegs sind, beschrieb Schüring die Biologie des Tieres. Verwandtschaftlich stehe sie den Stachelschweinen am nächsten und ist darüber auch mit dem Meerschweinchen verwandt.

Geografische Wurzeln

Die geografischen Wurzeln hat die Nutria im subtropischen, gemäßigten Südamerika. Das „natürliche Verbreitungsgebiet“ reiche vom südlichen Brasilien und Paraguay über die Kordileren und Patagonien bis hin nach Feuerland, erklärte Schüring.

Ein ausgewachsenes Tier erreiche eine Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 60 Zentimetern und erreiche durchaus ein Gewicht von etwas über zehn Kilogramm, beschrieb Andreas Schüring die Nutria, die von vielen Beobachtern an Ems und Hase oft fälschlicherweise als Biber identifiziert werde. Als wichtige äußere Unterscheidungsmerkmale nannte Schüring die hellen Tasthaare, des dem Gesicht dominierenden Schnurrbarts und die „orangefarbenen imposanten Nagezähne.“ Der Wassernager sei überwiegend dämmerungs- und nachtaktiv.

Rein vegetarisch

Die Nutria ernähre sich „rein vegetarisch“. Schilfsprossen, Glanzgras, Wasser- und Sumpfpflanzen aber auch Kulturpflanzen wie Mais stünden „auf dem Speisezettel“ des Wassernagers, sagte der Naturfotograf. Der tägliche Bedarf an Nahrung liege bei einem Viertel des Körpergewichts des Tieres. In Deutschland gebe es keine Erhebungen hinsichtlich natürlicher Feinde, meinte Schüring. Als „stärkste bestandsregulierende natürliche Einflussgröße hierzulande“ nannte der Naturschützer kalte Winter.

Vielerorts sei die Nutria aufgrund ihrer Wühltätigkeit nicht nur unbeliebt, sondern auch gehasst, meinte Schüring. Gerade in sensiblen Bereichen, wie bei Deichen, stelle die Wühltätigkeit eine ernst zu nehmende Gefahr dar. Eine Ausrottung der Nutria hält Schüring aufgrund der hohen Reproduktionsrate der Weibchen und der Tatsache, dass die Nutria bis zu zehn Jahre alt werden könne, für unmöglich. Auch eine Aufnahme in das Jagdrecht sei hier nicht zielführend.

Mit der neuen Art arrangieren

Schüring empfahl, sich mit der neuen Art „zu arrangieren“. Gegen die Wühltätigkeit könne mit in die Erde eingelassenen Gittern entgegengewirkt werden. Ferner könne durch weniger Eingriffe in den Lebensraum der Nager – zum Beispiel durch geringeres Ausmähen von Uferbereichen – dieser zum Verbleib an seinem Standort beeinflusst werden. Der Aktionsradius des Sumpfbibers sei bei einem reichhaltigen Angebot an Uferbüschen und Gräsern nur auf wenige hundert Meter um seine Behausung herum begrenzt. Nur bei einem mangelnden Äsungsangebot ziehe die Nutria weitere Kreise, meinte Schüring.