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Serie „Mein Job und ich“ Klärwärter über ein weggespültes Gebiss und Vorurteile

Von Carola Alge | 23.07.2017, 16:32 Uhr

Klärwärtern stinkt ihr Job gewaltig. Fakt oder ein Vorurteil? Timo Giese übt den Beruf aus. Er sagt: „Der normale Alltag auf einer Kläranlage ist nicht schmutziger oder stinkender als andere Berufe. Der 30-jährige Betriebsleiter der städtischen Kläranlage Haselünne sieht seinen Job als „angenehmen Mix aus Büro- und Verwaltungsaufgaben, aber auch aus handwerklichen Arbeiten.“

 Herr Giese, im wahrsten Sinne des Wortes: Stinkt Ihnen Ihr Beruf manchmal? 

Das kann man so nicht sagen. Es gibt, wie wohl in jedem Beruf, Momente und Tätigkeiten, die weniger angenehm sind. Aber der normale Alltag auf einer Kläranlage ist nicht schmutziger oder stinkender als andere Berufe.

 Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen? 

Ich wollte immer etwas machen, bei dem man nicht jeden Tag dieselben eintönigen Dinge erledigen muss. Mein Job ist ein angenehmer Mix aus Büro- und Verwaltungsaufgaben, aber auch aus handwerklichen Arbeiten. So kommt einfach keine Langeweile oder Monotonie auf.

 Sie üben einen mit vielen Vorurteilen behafteten Beruf aus. Welches hören Sie immer wieder? 

Die meisten Vorurteile beziehen sich auf den vermeintlichen Geruch. Dabei ist das tatsächlich nur in einem Abschnitt der Kläranlage, dem Zulauf, tatsächlich der Fall. Im weiteren Verlauf der Abwasserbehandlung fallen kaum noch unangenehme Gerüche an.

 Tatsache ist, dass es auf dem Gelände der Kläranlage schon übel riecht. Nimmt man den Geruch irgendwann nicht mehr wahr, wenn man hier arbeitet? 

Tatsächlich riecht es gar nicht so übel, wie die meisten es sich vorstellen. In den Bereichen, wo das Abwasser die Kläranlage erreicht, entstehen natürlich Gerüche aber diese werden zum Beispiel über eine Bio-Abluftanlage abgesaugt und gereinigt. Aber es stimmt schon, man gewöhnt sich mit der Zeit an die Gerüche.

 Wie viel Abwasser läuft täglich durch die Haselünner Kläranlage? 

Bei uns läuft das Abwasser aus dem gesamten Haselünner Stadtgebiet sowie aus den umliegenden Ortschaften und Industriegebieten zusammen. Das summiert sich auf etwa 1800 Kubikmeter pro Tag.

 Sie haben mit komplizierten mechanischen, biologischen und chemischen Verfahren zu tun. Waren Naturwissenschaften schon in der Schule Ihr Ding? 

Ich hatte immer schon eine Vorliebe für Fächer wie Physik, und Biologie. Aber erst mit der Ausbildung ist man so richtig in diese Themen reingewachsen.

 Kläranlagen reinigen nicht nur das Abwasser, sie erzeugen auch Energie ... 

Richtig, das ist auch ein Thema, das in Zukunft immer interessanter werden wird. Abwasser ist ein Rohstoff, welcher als solcher genutzt werden kann.

 Haselünne hat viel in die neue Kläranlage mit Energiegewinnung für den Eigenbedarf aus den Abwasserinhaltsstoffen (Biogaserzeugung) investiert. Wie kompliziert ist die Technik? 

Für den Laien ist es sicher nicht so leicht nachzuvollziehen, wie diese Technik aufgebaut ist. Es gibt halt sehr viele verschiedene Faktoren die immer wieder neu aufeinander abgestimmt und kontrolliert werden müssen.

 Es wurde eine anaerobe Vorbehandlungsanlage im Schwachlastverfahren mit einer Blockheizkraftwerk-Anlage zur Energieeinsparung gebaut. Das klingt für den Laien sehr kompliziert... 

Im Grunde wird unter bestimmten kontrollierten Bedingungen (Temperatur, pH-Wert usw.) ein Faulprozess im Abwasser angeregt, durch den Methangas produziert wird. Dieses Gas kann dann mit einem Blockheizkraftwerk zu Strom verarbeitet werden.

 Wattestäbchen, Kondome, Damenbinden, Feuchttücher, Essensreste usw. – es gibt eine Menge Dinge, die in der Toilette heruntergespült werden. Der Müll ist damit aber nur scheinbar entsorgt, denn in der Kläranlage taucht er wieder auf... 

Dazu wäre als Erstes zu sagen, dass fast nichts davon etwas im Abwasser zu suchen hat. Kondome, Damenhygieneartikel, Feuchttücher und so weiter gehören in den Mülleimer. Wenn solche Produkte in der Toilette weggespült werden, kann es schnell zu Verstopfungen der Leitungen führen, und das will sicher niemand erleben. Das gesamte Abwasser wird durch den auf der Kläranlage vorhandenen Rechen (eine Art Sieb) gereinigt. Dadurch werden solche Inhaltsstoffe ausgefiltert.

 Täglich landen auch Medikamente in der Toilette. Wie groß ist dadurch der Schaden für die Umwelt? 

Medikamentenrückstände werden in unserer biologischen Reinigungsstufe so weit mitbehandelt, dass der Umwelt keinen Schaden droht. Aber in diesem Bereich der Abwasserreinigung gibt es seit einigen Jahren starke Bewegungen, sodass die Verfahren zur Beseitigung von Rückständen immer besser werden.

 Was war der kurioseste Fund, der in Ihrer Kläranlage zutage kam? 

Da hatten wir schon das obligatorische Gebiss, eine Billardkugel oder auch einen Rosenkranz. Kleinere Gegenstände wie Ringe oder anderen Schmuck findet man meist nicht wieder.

 Man glaubt es kaum, aber es gibt Deutsche Meisterschaften der Abwassermeister/-techniker. Würden Sie daran teilnehmen wollen? 

Es ist sicher mal verlockend, sich mit anderen „Kollegen“ zu messen, nur fehlt dafür dann doch meist die Zeit.

 Hand auf‘s Herz: Haben Sie es zu Hause schon mal geschafft, Ihre Toilette mit etwas zu verstopfen? 

Zum Glück nicht. Ich bin dann eher der Typ, der den Revisionsschacht jährlich säubert, um da auf der sicheren Seite zu sein.

 Wie sieht es mit Nachwuchskräften in Ihrem Beruf aus? 

Der Fachkräftemangel ist ja ein generelles Problem, von dem auch die Kläranlagen betroffen sind. Es möchte halt fast keiner mehr handwerklich arbeiten, obwohl gerade die Abwasserbranche durchaus ein Berufszweig mit Zukunft ist.

 Frauen scheinen in dem Job eher Exoten zu sein... 

Ja, aber auch hier findet ein kleiner Wandel statt. Da die Abwasserbehandlung immer wichtiger und spezialisierter wird, gibt es auf Kläranlagen längst nicht mehr nur den klassischen männlichen Klärwärter, sondern auch Laboranten/innen, Elektriker/innen und Chemiker/innen.