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Schornsteinfeger erzählt Verrußter Glücksbringer in Haselünne unterwegs

Von Carola Alge | 31.12.2015, 11:45 Uhr

Wenn Andreas Walburg in seiner schwarzen Arbeitskluft durch Haselünne geht, bleiben Passanten nicht nur stehen. Nein, viele wollen ihn kurz berühren oder geben ihm sogar ein Küsschen auf die Wange. Ob Schüler, die eine Klassenarbeit schreiben müssen, oder Brautpaare vor dem Jawort – die Begegnungen, die der Schornsteinfeger hat, sind vielfältig.

Das Glück einmal kurz anfassen, das möchten manche. „Wenn Leute mich in traditionellem Kehranzug und Zylinder auf der Straße sehen, bekomme ich oft zu hören: ‚Dann habe ich heute ja noch Glück‘“, erzählt der 36-Jährige und streichelt Rudi auf seinem Arm über den Kopf. Für unseren Fototermin hat er ein kleines Ferkel mitgebracht. Doppeltes Glück sozusagen vereint.

Kleine Knopfaugen

Das junge Borstenvieh vom Hof seiner Schwiegereltern in Klein Dörgen schlägt sich tapfer. Zunächst quietscht und grunzt es. Einen Moment schaut das 14 Tage alte Tier aus seinen kleinen Knopfaugen verunsichert. Geduldig lässt es dann aber das Blitzlichtgewitter über sich ergehen, schnüffelt ab und zu Richtung Objektiv.

„Viele geben mir die Hand“

Wie das Schwein zählt der Schornsteinfeger als Glücksbringer auch heute noch, wenn er durch die Straßen von Haus zu Haus geht. Wer einem von ihnen begegnet, dem winkt das Glück – sagt der Volksglaube. Walburg erfährt das oft. „Entweder die Leute reiben an den Knöpfen meiner Kleidung oder sie drehen die Knöpfe. Viele geben mir die Hand.“ Ab und zu bekommt der Schornsteinfegermeister auch ein Küsschen, wird umarmt. Und es gibt Menschen, die ihm spontan über die Schulter spucken. „Berufsrisiko“ nennt der Vater eines Sohnes das schmunzelnd. Schlimm findet er solche feuchten Begegnungen nicht. „Ich bin sehr gerne Glücksbringer .“

Gelacht wird oft

Die Menschen seien ihm gegenüber sehr aufgeschlossen. Gerne plaudert er kurz mit ihnen. Gelacht wird dabei oft. Aber nicht jede Begegnung sei lustig. „Manchmal sind die Besuche beim Kunden auch traurig. Sie erzählen mir Sorgen und Nöte, berichten von ihren Problemen.“ Auch dann hört Walburg gerne zu. An ein Erlebnis erinnert sich der Schornsteinfeger in dem Zusammenhang besonders. Er war zum Kehren bei einem Kunden, dessen Frau im Krankenhaus lag. Der Mann berichtete ihm von seinen Sorgen, die er sich um seine Ehefrau machte. Geduldig hörte Walburg ihm zu. Bevor er das Haus wieder verließ, schenkte er seinem Kunden einen kleinen Schornsteinfeger als Glücksbringer für seine kranke Frau. Als Walburg im darauf folgenden Jahr wieder zum Schornsteinfegen in dieses Haus kam, öffnete ihm die Frau die Tür. „Vielleicht“, überlegt der 36-Jährige kurz, habe er hier ja tatsächlich Glück gebracht.

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Als Glücksbringer wurden Schornsteinfeger wie der Haselünner allerdings vor allem von Kindern nicht immer gesehen. Früher, im 16. Jahrhundert, haben die Männer in ihrer rußigen Handwerkskleidung und mit dem schwarzen Besen über der Schulter viele Jungen und Mädchen ungewollt durch ihr Aussehen verschreckt, ja in die Flucht getrieben.

Mittlerweile ist das ganz anders. „Die Leute gehen an einem vorbei, sagen ‚Du bringst mir heute Glück, schwarzer Mann‘ oder sie fragen freundlich, ob sie einen kurz berühren dürfen, weil sie just an diesem Tag noch den Lottozettel ausfüllen wollen“, sagt Walburg . Er erlebe so viel Nettes. Jeder Tag sei für ihn irgendwie ein Glückstag. Der Haselünner lächelt zufrieden und blickt wie zufällig auf das Ferkel in seinem Arm.

Selbstständig und dreckig

Seit 2006 übt der ehrenamtliche Feuerwehrmann seinen Beruf als Meister aus. Selbstständig und bei einem Haselünner angestellt. Dort und in der Umgebung sind etwa 2650 Haushalte zu versorgen. Walburg kommt also viel rum. Das ist das Schöne an meinem Beruf. Man begegnet so vielen Menschen, erfährt so viel, wenn man offen ist. Schornsteinfeger wollte er mit 14 Jahren werden. „Schuld“ daran ist sein Großcousin. Der ist Schornsteinfeger. Der Verwandte kam am späten Mittag bereits von getaner Arbeit heim. Das beeindruckte den heranwachsenden Walburg . „Selbstständig und dreckig – das ist doch ein toller Beruf“, fand er und machte es ihm nach. 1996 begann er seine dreijährige Ausbildung zum Schornsteinfegergesellen.

Bereut hat der Glücksbringer vom Dienst das nie. „Es ist ein schöner Beruf.“ Das sagt Walburg nicht nur mit Blick auf Begegnungen, um die ihn mancher Mann beneiden würde. In einem Café hatte er einmal eine solche. Er saß in Arbeitsmontur am Tisch und war plötzlich umringt von einer Schar Damen der Nachbartische. Jede wollte den Verrußten kurz berühren, ihm die Hand geben – ein Stück Glück mitnehmen.

Glück hatte Walburg oft

Glück, ja, das habe auch Walburg oft gehabt. Dass er zum Beispiel in seinem Auto geradeso noch an einer Unfallstelle vorbeikam, dass er nicht verletzt wurde. Und sein größtes Glück? Der 36-Jährige muss nicht überlegen. „Das ist meine Frau Anja.“ Verliebt schaut er sie an. Dieses Glück will er unbedingt festhalten.