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Mediziner Andreas Wilms empfiehlt Verhaltenstherapie als Hilfe bei Zwangsstörungen Wenn eine Marotte keine Marotte ist...

Von Carola Alge | 25.04.2012, 10:00 Uhr

Schätzungsweise 3000 bis 4000 Menschen im Emsland leiden unter Zwangsstörungen. „Das ist eine wirklich große Anzahl“, sagt Dr. Andreas Wilms. Oft zeigten sich, so der Psychiater und Psychotherapeut des Haselünner St.-Vinzenz-Hospitals, bereits in der Kindheit entsprechende Verhaltensweisen.

Das Interview im Wortlaut:

Herr Dr. Wilms, Zählen, Putzen, Kontrollieren, Zwänge können den Alltag zur Hölle machen. Wie weit verbreitet sind Zwangsstörungen?

Die Häufigkeit von Zwangsstörungen wurde lange Zeit niedriger eingeschätzt, als sie tatsächlich ist. Dies liegt sicherlich auch daran, dass viele Betroffene eher vermeiden, aus Angst auf Unverständnis zu treffen oder vor gesellschaftlicher Ausgrenzung, über ihre Erkrankung zu sprechen. Inzwischen gibt es epidemiologische Studien, die zeigen konnten, dass es eine sehr häufige Erkrankung ist. Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leiden an einer Zwangsstörung.

Welche Symptome deuten auf eine Zwangsstörung hin?

Hauptsymptome der Zwangsstörung sind aufdringliche Gedanken und/ oder als übertrieben empfundene Handlungen, zu denen sich der Betroffene innerlich gedrängt fühlt. Das kann das ewige Wiederholen von Zahlenreihen sein in der Annahme, dadurch lasse sich eine befürchtete Katastrophe verhindern. Oder auch stundenlanges Händewaschen aus übertriebener Sorge vor Infektionen. Häufig treten auch Kontrollrituale auf wie zum Beispiel zigfaches Kontrollieren, ob der Herd abgestellt oder die Wohnungstür abgeschlossen ist.

Wird der Grundstein für Zwangsstörungen in der Kindheit gelegt, oder ist die Erkrankung altersunabhängig?

Häufig zeigen sich bereits in der Kindheit Verhaltensweisen oder Rituale, die auf eine Zwangsstörung hindeuten, aber noch nicht ausgeprägt genug sind, um von einer Zwangsstörung zu sprechen. Später können Konflikte in Beziehungen, Verlusterlebnisse in der Familie oder Schwierigkeiten am Arbeitsplatz letztendliche Auslöser für eine Zwangsstörung sein. Bei entsprechender Veranlagung, damit meine ich ungünstige psychosoziale Entwicklungsbedingungen wie ein Angst förderndes Umfeld oder eine übertriebene Orientierung auf Sauberkeit und auch ungünstige Gene, entwickelt sich das Störungsbild meist in jungen Jahren, in der Regel noch vor dem 35. Lebensjahr.

Wann hört eine harmlose „Macke“ auf, wann fängt eine Zwangsstörung an?

Je mehr das Verhalten zu einer Einengung oder Behinderung führt und je größer der Leidensdruck des Betroffenen ist, desto eher sprechen wir von einem Störungsbild. Dabei kann es zum Beispiel nur unter großer Anstrengung oder kaum mehr möglich sein, soziale Kontakte zu pflegen oder zur Arbeit zu gehen. Die dafür benötigte Energie wird im Wesentlichen durch das Zwangsverhalten verbraucht.

Wie behandeln Sie entsprechende Patienten?

Was verbirgt sich dahinter?

Dabei wird der Patient aufgefordert, sich den Auslösereizen für sein krankhaftes Verhalten zu stellen, ohne dass er es ausführen darf. Mit den dann meistens massiv auftretenden Ängsten wird gemeinsam mit dem Therapeuten ein neuer Umgang gelernt.

Einen Vortrag zum Thema Zwangsstörungen hält Andreas Wilms auf Einladung des Vereins Lotse am 25. April um 19 Uhr in der Aula der Meppener Johannesschule.