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Alte Ansichten Als der Supermarkt in Haselünne Räder hatte

Von Carola Alge | 22.02.2016, 10:45 Uhr

Am Haselünner Hopfenmarkt gab es früher das kleine Einzelhandelsgeschäft Hegge. Es bot auf nur wenigen Quadratmetern Artikel des täglichen Bedarfs an. Größer musste der Laden aber auch nicht sein, denn der Inhaber fuhr mit seinen Waren über Land.

Aloys Hegge war mit seinem für frühere Zeiten bestens sortierten mobilen Supermarkt Tag für Tag in den Straßen Haselünnes und des Umlands unterwegs, um den dort lebenden Menschen frische Produkte wie Backwaren und Milch, aber auch Schnürsenkel und Kaffee anzubieten. Vor gut vier Jahrzehnten besaß eben nicht –anders als heute – nahezu jede Familie ein Auto. Pkw waren da noch ein absolutes Luxusgut.

Genehmigung des Mannes notwendig

Hinzu kam, dass sich erst in den 1970er-Jahren die meisten Frauen trauten, den Führerschein zu machen. Für ihre Anmeldung zur Fahrschule bedurfte es nicht einmal mehr der Zustimmung der Ehemänner. Das war schon ein Riesenfortschritt, denn noch bis in die 1950/1960er-Jahre hinein durfte „Frau“ kein eigenes Bankkonto ohne Zustimmung des Mannes haben, und ein Arbeitsvertrag musste in der Regel vom Ehemann gegengezeichnet werden.

Eine Einkaufstour vom Umland in die nur wenige Kilometer entfernte Stadt Haselünne war anno dazumal alles andere als an der Tagesordnung. Das lag einerseits eben an der fehlenden Mobilität, andererseits an der stärkeren Einbindung der Frauen ins häusliche Leben. „Shopping“ fand deshalb an den mobilen Supermärkten statt. Viele verbanden dabei das Notwendige mit dem Angenehmen: Hier hielt man ein Pläuschchen mit Nachbars Else, dort wurden die neuesten Gerüchte über die Haselünner Originale Fritz-Marie und Nachbars-Joop ausgetauscht.

Fahrzeug als Versteck

Weil Hegges mobiler Laden oftmals ein wenig länger an einem festgelegten Standort hielt, musste er manches Mal auch als „Deckung“ für das bei Kindern so beliebte Versteckspiel herhalten. „Dumm nur, wenn das Fahrzeug losfuhr, während man sich unter ihm noch gut versteckt wähnte. Das konnte schon mal aufgrund der Schwere des Fahrzeugs in einen Knochen- oder Beckenbruch ausarten“, erinnert sich Ansgar Deters. Nein, de r gebürtige Haselünner gehörte nicht zu den Betroffenen. Aber er kennt einige, denen dieses Spielen einen Krankenhausaufenthalt mit zeitweiligem Schulunterrichtsausfall bescherte.

Hektik des Alltags

Später, als die Mobilität der Familien größer wurde, war der mobile Supermarkt nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. Die Bevölkerung fuhr in die stationären Discounter und kaufte dort fast alles ein. Nur die vergessenen Dinge erwarb man noch am sogenannten „Milchwagen“, aus dem Hegge mit einer Glocke klingelte. Deters findet das eigentlich schade. „Die Hektik des Alltags verdient es eigentlich, durch einen ungezwungenen Nachbarschaftsplausch unterbrochen zu werden. Ob wir hier irgendwann einmal eine Renaissance erleben werden? Schön wäre es irgendwie – und gemütlich ohnehin.“

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