Haselünner Heimleiterin berichtet Was tun, wenn es im Altenheim brennt?

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Haselünne. Ein Albtraum. Es brennt in der Nacht in einem von vielen Menschen bewohnten Gebäude. Die Bewohner der Alten- und Pflegeeinrichtung „Auf dem Bült“ in Twist haben genau das vor wenigen Tagen erlebt. Wie gut greifen in einer solchen Situation die Rettungsmechanismen? Unsere Redaktion fragte im Alten- und Pflegeheim St. Ursula in Haselünne und beim dortigen Stadtbrandmeister nach.

Löst eine Brandmeldeanlage Alarm in einer Einrichtung aus, der zur Rettungsleitstelle beim Landkreis Emsland in Meppen durchdringt, rückt generell die Feuerwehr aus. „Wir müssen uns in jedem Fall davon überzeugen, ob ein Feuer vorliegt oder nicht“, so Markus Schüler, Stadtbrandmeister in Haselünne. Vor Ort haben die Feuerwehrleute die entsprechende Anlage am sogenannten Feuerwehrbedienfeld „in den Ruhezustand zurückzusetzen.

Oft Fehlalarme

Ein Brandalarm muss nicht immer zwingend ein Feuer bedeuten. Oft werden durch technische Probleme Fehlalarme ausgelöst. Warum gerade dieser eine Melder ausgelöst hat, sei nicht zu bestimmen. Auch durch Bauarbeiten werden Alarme ausgelöst, weil es zum Beispiel bei Flexarbeiten zu starken Staubentwicklungen kommt. Eher selten würden, so Schüler, Druckmelder versehentlich oder sogar absichtlich ohne Grund eingedrückt.

Im Alten- und Pflegeheim St. Ursula in Haselünne zum Beispiel gab es vor Kurzem Alarm, als eine Bewohnerin in ihrer Wohnung kochte. Der Qualm löste Alarm bei der Feuerwehr aus. So etwas, berichtet der Haselünner Stadtbrandmeister, komme aber nicht nur auf Zimmern solcher Einrichtungen schon mal vor, sondern gelegentlich auch in den Gemeinschaftsküchen und im Krankenhaus.

In jedem Fall rückt Feuerwehr aus

In jedem Fall reagiert die Feuerwehr professionell, rückt aus. „Das Fatale an der Sache ist, dass die Feuerwehr vielleicht 20-mal zu einem Fehlalarm fährt und der 21. Alarm ein wirklicher Ernstfall ist. Gerade bei Senioreneinrichtungen und den Krankenhäusern zählt jede Minute, daher geht die Feuerwehr bei diesen Alarmen immer vom Ernstfall aus und rückt mit entsprechenden Kräften an.“

Regelmäßig werden zudem Übungen an diesen entsprechenden Gebäuden durchgeführt. Nach größeren Umbaumaßnahmen oder Erweiterungen erfolgen sogenannte Objektbegehungen, um sich auf die neue Situation einzustellen. Dazu gibt es mit dem Landkreis als Aufsichtsbehörde und den Baufirmen eine Abstimmung, „die in der Regel sehr gut funktioniert“.

Wie läuft eine Evakuierung?

Wie aber läuft eine Evakuierung von Personen ab, die zum Beispiel bettlägerig oder eingeschränkt mobil sind? Im Idealfall sollte sich, so Schüler, unter jeder Matratze solcher Bewohner ein Rettungstuch- bzw. Evakuierungstuch befinden. Mit ihm werden Patienten bzw. Bewohner gezogen, „wenn es sein muss auch die Treppe nach unten“. Rollstuhlfahrer werden nach unten getragen, wenn das horizontal nicht möglich sei. In der Regel versuchten Feuerwehrhelfer, horizontal in einen anderen Brandabschnitt zu evakuieren, sofern das baulich möglich sei. Ist das Geschoss nicht in mehrere Brandabschnitte unterteilt oder weitet sich das Schadenfeuer über den bereits betroffenen Brandabschnitt hinaus aus, werden die Personen in darunterliegende Brandabschnitte oder in ein anderes Gebäude verlegt. Man spricht hier von einer „vertikalen Räumung“. Dabei dürfen grundsätzlich keine Aufzüge benutzt werden, da diese infolge eines Kurzschlusses der Energieversorgung stehen bleiben können.

Ständig trainieren die Feuerwehren den Ernstfall. Ohne entsprechende Vorbereitungen auf ein solches Szenario, das in Twist bittere Realität wurde, funktioniert ein reibungsloser und vor allem schneller Einsatz wie in der Einrichtung „Auf dem Bült“ nicht. Hier musste, wie berichtet, ein Großaufgebot an Kräften aufgefahren werden.

Wer koordiniert Einsätze wie den in Twist?

Wer koordiniert Einsätze wie den in Twist? Nach Angabe des Landkreises Emsland sind im Zuge der örtlichen Gefahrenabwehr die jeweiligen Gemeinden für solche Fragen zuständig. „Erst bei größeren Schadensereignissen mit einem sogenannten Massenanfall an Verletzten bzw. Opfern übernimmt der Landkreis Emsland die Aufgabe der Koordination der Ereignisse“, so Pressesprecherin Anja Rohde.

Im Fall Twist hätten nach dem Brand mehrmals Begehungen durch die Heimaufsichtsbehörde des Landkreises Emsland sowie die Brandschutzprüfer des Landkreises Emsland stattgefunden. Da die Einrichtung 2015 in Betrieb genommen wurde, entspreche sie den aktuellsten baurechtlichen und brandschutztechnischen Anforderungen. Deshalb habe der Brand, der im ersten Obergeschoss in einem Bewohnerzimmer im linken Flügel ausgebrochen ist, keine schlimmeren Auswirkungen auf das Gebäude gehabt. In Mitleidenschaft gezogen wurden nach Auskunft Rohes die sechs Bewohnerzimmer des linken Flügels im ersten Obergeschoss sowie die darüberliegenden sechs Bewohnerzimmer durch Rauchentwicklung. Der durch Rauch beeinträchtigte Bereich sei am Montag wieder für die Bewohner freigegeben worden.

Beratend und begleitend unterstützen

Eine Evakuierung von Bewohnern aus der Einrichtung und Verteilung auf andere Einrichtungen sei nicht notwendig gewesen. Zwei Bewohner hätten Brandverletzungen und/oder eine Rauchgasvergiftung erlitten und seien in die Krankenhäuser nach Lingen und Meppen gebracht worden. Die weiteren vier Bewohner des ersten Obergeschosses und die sechs Bewohner des darüberliegenden Dachgeschosses konnten „innerhalb der Einrichtung in freien Bewohnerzimmern untergebracht werden“. Wäre in vergleichbaren Fällen eine Umverteilung von Bewohnern in andere Einrichtungen notwendig, würde, so Rohde, die Heimaufsicht des Landkreises Emsland „hier beratend und begleitend unterstützen“.

Fortbildung durch einen geschulten Mitarbeiter

Im Alten- und Pflegeheim St.. Ursula in Haselünne gibt es einmal im Jahr eine Fortbildung durch einen geschulten Mitarbeiter der Feuerwehr. Geübt wird vor allem das praktische Verhalten der Mitarbeiter im akuten Brandfall. Und es werden Grundtechniken einer Evakuierung trainiert. Wie bewege ich mich in einem Raum, indem bereits eine Rauchentwicklung vorhanden ist? Das ist ein zentraler Punkt, um den es dabei geht. „Wichtig ist hier, dass man sich in geduckter Haltung unterhalb der Rauchgrenze fortbewegt“, betont Leiterin Gabriele Kuhl. Daneben ist es wichtig zu wissen, wo sich die Fluchthaube (Filtergerät zum Filtern giftiger Gase) befindet, und wann bzw. wie legt man sie korrekt an.

Was banal scheint, sollte im Ernstfall sitzen: die Brandbekämpfung mit einem Feuerlöscher. Das vermitteln fachkundige Personen. Sie üben mit dem Personal im Freien.

Und auch der Transport von Pflegebedürftigen, nicht mobilen Bewohnern mithilfe einer Rettungs- und Evakuierungsmatte, die sich unter der Matratze des Bewohners befindet, will gelernt sein. Alle Mitarbeiter müssen dabei nach Angaben Kuhls die Handhabung einer Evakuierungsmatte sowie den Transport mit einer Person praktisch üben. „Dadurch bekommen sie ein Gefühl dafür, wie man die Evakuierungsmatte anlegt und mit einer Person die Matratze aus dem Zimmer und die Treppen hinunterbewegt.“

Wo sind die Fluchtwege?

Der Evakuierungsplan wird in der Haselünner Einrichtung wiederholt detailliert besprochen. Wo sind die Fluchtwege? Wo befinden sich die Sammelstellen, wenn die Bewohner im Ernstfall aus dem Haus evakuiert werden müssten? Wo befinden sich Feuerlöscheinrichtungen? Wie funktioniert das weitere Meldesystem? Die Antworten darauf sollen durch das Training in Fleisch und Blut übergehen.

Und wenn es tatsächlich zum Feuer kommt? Jeder Flur im Alten- und Pflegheim St. Ursula zum Beispiel ist mit einer Brandabschnittstür in zwei Teile unterteilt. Im Fall eines Feuers in dem einen Abschnitt sorgt sie dafür, dass die Bewohner in dem anderen Abschnitt in Sicherheit gebracht werden können. Alle Brandabschnittstüren sind separat für sich mit einem Rauchmelder geschaltet. „Der Aufzug fährt im Brandfall in das Erdgeschoss, öffnet die Türen und ist danach sofort außer Betrieb. Alle Fluchtwege werden automatisch freigeschaltet, sodass jeder sofort ins Freie gelangen kann, ohne dass noch ein Türöffner betätigt werden muss. „In St. Ursula befinden sich zusätzliche automatische Rauchabzüge. Das heißt, in den Treppenhäusern öffnen sich im Brandfall automatisch die Dachfenster zum Rauch- und Wärmeabzug.

Wie realitätsnah wird der Ernstfall geübt und wie oft?

Wie realitätsnah wird der Ernstfall geübt und wie oft? In St. Ursula in Haselünne wird die vollautomatische Brandschutzanlage viermal jährlich durch eine externe Firma gewartet. Vollautomatisch bedeutet in diesem Fall, dass die Feuermeldung bzw. der Alarm automatisch an die Rettungsleitstelle des Landkreises Emsland übertragen wird. In Absprache mit dem Stadtbrandmeister löst der Hausmeister und Brandschutzbeauftragte der Einrichtung einen simulierten Alarm in einem Bewohnerzimmer aus.

Akustischer Alarm

In St. Ursula beginnt die Simulation mit dem akustischen Alarm und dem Eingang eines Rufes auf die Mobiltelefone der Mitarbeiter, der Pforte, Ordensschwestern sowie Leitung und Verwaltung. Die Mitarbeiter sind in der Regel vorher nicht informiert, sodass geprüft werden kann, ob die Mitarbeiter richtig reagieren und ob die Technik einwandfrei funktioniert. Bei der Auslösung des Alarms erscheint auf den Diensthandys der Mitarbeiter eine schriftliche Detailmeldung mit der Anzeige „Feueralarm“ sowie der Zimmernummer. „So weiß jeder Mitarbeiter, der dieses Handy mit sich führt, sofort, zu welchem Zimmer er sich unverzüglich begeben muss.“

Ob all diese Sicherheits- und Rettungsmechanismen tatsächlich reibungslos ineinandergreifen, mussten Gabriele Kuhl und ihr Team bisher nicht unter Beweis stellen. „Zum Glück gab es in unserem Haus noch keinen wirklichen Ernstfall.“ Fehlalarme allerdings schon. Die setzten automatisch die Alarmkette in Gang, die Feuerwehr rückte an. Wie im Ernstfall vor ein paar Tagen in Twist.


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