Mein Job und ich Psychiater aus Haselünne über Pillen, Couch und Vorurteile


Haselünne. Psychiater haben eine (rote) Couch, auf der die Patienten ihnen von ihren Problemen berichten, verabreichen bunte Pillen, beobachten Menschen ständig, und der Begriff „Seelenklempner“ stört sie gewaltig. In unserer Serie „Mein Job und ich“ gehen wir Vorurteilen gegenüber Berufen nach und räumen damit auf. Dieses Mal haben wir mit Dr. Gregory Hecht, neuem Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am St.-Vinzenz-Hospital Haselünne, gesprochen.

Herr Hecht, Psychiater erlebt man im Krankenhausbetrieb eher in Cord-Sakkos und anderer gewöhnlicher Kleidung als im Kittel. Wollen sie bewusst nicht als Arzt wahrgenommen werden?

Als Arzt wahrgenommen zu werden oder nicht hängt aus meiner Sicht nicht davon ab, ob man einen Kittel trägt. Ein weißer Kittel stellt auch immer etwas Trennendes dar, in dem Sinne, der Kranke auf der einen Seite, der gesunde Arzt auf der anderen Seite. Diese Trennlinie möchte man grundsätzlich überwinden, um auf Augenhöhe ein Arbeitsbündnis mit dem Patienten zu schließen.

Ärzte sehen Psychiater häufig nicht als Ärzte, obwohl sie eine medizinische Grundausbildung haben, weil sie keine Ahnung von „echten“ Krankheiten hätten. Ärgert Sie das?

Psychiater haben immer eine medizinische Grundausbildung. Der Psychiater studiert wie jeder andere Arzt auch sechs Jahre lang Medizin und geht dann in eine fünfjährige Facharztweiterbildung. Dieses Klischee, dass andere Ärzte Psychiater nicht als vollwertige Ärzte betrachten, kann ich nicht bestätigen. Ich mache diese Erfahrung nicht. Jede medizinische Teildisziplin hat ihre volle Berechtigung.

Und dann wollten Psychiater und Psychologen ja immer „erst mal reden“, würden ihre Patienten auf die „rote Couch“ bitten. Gibt es in Ihrem Zimmer so eine Gesprächscouch?

Ich kenne keinen Psychiater , der tatsächlich eine rote Couch hat. Die berühmte Couch wird in einem Teilgebiet der Psychotherapie, der klassischen Psychoanalyse, benötigt. Dieses Behandlungsverfahren wird in der breiten Versorgung jedoch insgesamt wenig eingesetzt. Mein Fach lebt von der Beobachtung des Patienten und der Sprache. Unsere Sprache ist quasi unser Skalpell.

Wie gehen Sie mit diesen Vorurteilen um: In der Psychiatrie sind nur Irre und Verrückte ...

Dieses Vorurteil kostet jedes Jahr bedauerlicherweise Menschenleben und hält schwer Erkrankte von einer effektiven Behandlung ab. Um mit diesem Vorurteil aufzuräumen, gibt es immer wieder Antistigmatisierungskampagnen, welche nach wie vor notwendig sind.

In der Psychiatrie wird man mit bunten Pillen und Medikamenten ruhiggestellt ...

Es ist per se nie das Ziel, jemanden nur „ruhigzustellen“. Es geht darum, Menschen dabei zu begleiten, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Medikamente, eingebettet in einen Gesamtbehandlungsplan, können die Lebensqualität erheblich verbessern und Menschenleben retten. Bis auf wenige Ausnahmen, das könnte zum Beispiel eine erhebliche Eigen- oder Fremdgefährdung sein, entscheidet der Patient selbstverständlich selbst, ob er ein Medikament einnimmt oder nicht.

Wer in die Psychiatrie kommt, wird auf lange Sicht ruhiggestellt, muss bangen, dort überhaupt wieder herauszukommen...

Die durchschnittliche Verweildauer in Psychiatrien in Deutschland beträgt 28 Tage. Ich habe bisher noch keinen Patienten erlebt, der noch nicht aus einer Psychiatrie herausgekommen ist. Selbstverständlich gibt es jedoch Patienten, die, wie bei körperlichen Erkrankungen auch, chronische psychische Erkrankungen haben und immer wieder in die Klinik kommen.

Wer einmal in der Psychiatrie ist, kommt nie wieder raus ...

Ein geringer Prozentsatz unserer Patienten wird fürsorglich auf unserer geschützt-geschlossenen Station zurückgehalten. Dieses ist immer nur das äußerste Mittel, um zum Beispiel einen Suizid oder eine akute Fremdgefährdung im Rahmen einer psychischen Erkrankung zu verhindern. Es gibt genaue rechtliche Vorgaben, wer warum und wie lange auf der geschützten Station behandelt wird. 95 Prozent unserer Patienten werden auf freiwilliger Basis in unserem Haus behandelt.

Personal in der Psychiatrie ist unfreundlich, die Abteilung ist kalt und steril ...

Jeder Interessierte sollte sich am Tag der offenen Tür unser Haus mal anschauen. Die Reaktionen sind in der Regel äußerst positiv. Das hoffe ich doch nicht, dass das Personal in der Psychiatrie unfreundlich ist. Kontinuierlich reflektieren wir unser eigenes Handeln und Verhalten dahin gehend, dass wir eine wertschätzende Grundhaltung dem Patienten gegenüber zeigen wollen.

Es gibt in der psychiatrischen Abteilung nur gepolsterte Räume und Zwangsjacken ...

Es gibt bei uns weder Zwangsjacken noch gepolsterte Räume. In vielen Ländern gibt es jedoch tatsächlich sogenannte „weiche Zimmer“. Diese dienen bei schwer betroffenen Patienten der Gefahrenminimierung. Auch hier wiederum bleibt zu betonen, dass diese Behandlungsmöglichkeit nur für einen Bruchteil der Patienten überhaupt infrage kommt.

Wer in die Psychiatrie muss, verpasst das Leben „draußen“ ...

Das Leben wird dann verpasst, wenn man unbehandelt an einer psychischen Erkrankung leidet. Gerade weil man das Leben aus vollen Zügen genießen möchte, kann es unter Umständen sinnvoll sein, sich psychiatrisch behandeln zu lassen.

„Da draußen“: Wie reagieren Menschen auf Sie, wenn sie zum ersten Mal von Ihrem Beruf hören?

Ich registriere keine besonderen Reaktionen. Und wenn ja, dann am ehesten Neugier.

Sind Beruf und Krankheitsformen Thema bei Partys?

Das kommt durchaus vor. Wie jeder andere auch bevorzuge ich es jedoch, mich auf Partys anderen Themen zu widmen.

Achten Sie als Psychiater, vielleicht unwillkürlich, eher auf die Körpersprache Ihrer Gegenüber im normalen Alltag als andere?

Da wäre ich mir nicht sicher. Es gibt aus meiner Sicht vielmehr einen Teil der Bevölkerung, der achtsam seine Mitmenschen beobachtet, und einen anderen Teil, der nur um sich selbst kreist.

Hand aufs Herz: Stört Sie der Begriff „Seelenklempner“, mit dem der Beruf des Psychiaters gerne gleichgesetzt wird?

Nein, der Begriff stört mich nicht. Ich halte ihn nur für nicht passend, und man hört ihn sowieso kaum mehr. Manche Patienten oder Angehörige meinen jedoch manchmal irrtümlicherweise, dass der Arzt schnell in irgendeiner Art und Weise die Psyche reparieren könnte. Dafür ist die menschliche Psyche jedoch wahrlich zu komplex.

Was wünschen Sie sich am meisten mit Blick auf Wertschätzung Ihrer Arbeit von außen?

Ich wünsche mir mehr Wertschätzung und Respekt den Menschen gegenüber, die den Mut aufbringen, in psychischen Krisen einen Arzt für die Psyche, nämlich den Psychiater, aufzusuchen.


Dr. Gregory M. Hecht ist seit September 2016 neuer Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am St.-Vinzenz-Hospital in Haselünne. Er ist seit vielen Jahren erfolgreich in verschiedenen Funktionen für das Haselünner Krankenhaus tätig. Der gebürtige Pariser besitzt die deutsche sowie die US-amerikanische Staatsangehörigkeit und ist zweisprachig aufgewachsen. Sein Abitur absolvierte er am Windthorst-Gymnasium in Meppen. Anschließend studierte er Medizin in Heidelberg, Wien, Hamburg, Aberdeen und New York, parallel erlangte er dazu das Zertifikat des permanenten ECFMG (US-amerikanische medizinische Examen). Der Mediziner hat einen Facharzttitel für Neurologie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie. Außerdem führt er die offiziellen ärztlichen Zusatzbezeichnungen „Naturheilverfahren“ sowie „verkehrsmedizinische Begutachtung“. Hecht ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Meppen. cw

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