„Ich lebe und auch Ihr werdet leben!“ Friedhof an Haselünner Sandstraße mit langer Geschichte

Von Heiner Harnack



Haselünne. Friedhöfe haben für fast alle Menschen eine besondere Bedeutung. Mit einer Gedenkfeier wird am Totensonntag an das 150-jährige Bestehen des katholischen Friedhofs an der Sandstraße in Haselünne erinnert.

Christel Hopster-Leyding, Franz Wekenborg, Bürgermeister Werner Schräer und Pfarrer Johannes Bartke sitzen im Pfarramt der St. Vincentius-Gemeinde über einer alten Akte, die genauere Auskünfte über die Entstehung des Gottesackers gibt. Die Vorsitzende der Friedhofskommission hatte über viele Wochen in den alten Unterlagen geblättert und erfuhr so, dass bis ins Jahr 1866 Beerdigungen auf dem Kirchhof, also im direkten Umfeld des Gotteshauses, stattfanden. Heute ist diese Vorgehensweise an alten Grabsteinen zu erkennen, die sich dort noch befinden.

Am ersten Juli desselben Jahres wurde aufgrund eines Dekrets von Napoleon Bonaparte aus dem Jahr 1804 der neue, bis zum heutigen Tag genutzte Friedhof, gegründet. Der Korse hatte verkünden lassen, dass „keine Beerdigungen mehr in Kirchen und deren Umfeld“ stattfinden dürften. Er hatte befohlen, dass jede Stadt einen bestimmten Platz vorhalten müsse, der sich außerhalb oder am Rande befinden sollte. Eines der napoleonischen Argumente war, dass mit einheitlichen Reihengräbern alle Menschen im Tod gleich behandelt werden sollten.

„Umfriedeter Platz“

Als der neue Haselünner Friedhof gegründet wurde, war Napoleon aber bereits 45 Jahre tot. Übrigens wird der Begriff des „Friedhofs“ nicht vom Begriff „Frieden“ oder „Ruhe in Frieden“ hergeleitet, sondern befasst sich mit dem „umfriedeten Platz“. Pfarrer Johannes Bartke fügt ein, dass ein Friedhof sicherlich ein Ort der Trauer und der Erinnerung an einen Menschen sei. „Es ist aber auch ein Platz für Begegnung und Hoffnung.“

Im Lagerbuch über die verpachteten Begräbnisplätze lautet die Gründungsformulierung: „Die Plätze werden für die Dauer von 99 Jahren unter den in den amtlichen Bekanntmachungen vom 20. April 1866 öffentlich bekannt gegebenen Bedingungen verpachtet.“ Zum Preis von 24 Mark pro Platz wurden mit dem Gründungsdatum 65 Plätze an Haselünner Bürger vergeben. Der Amtmann Bödiker war erster eingetragener Pächter mit sechs Einheiten.

Rheiner Künstler entwarf Mittelkreuz

Das Lagerbuch wurde bis in das Jahr 1968 weiter geführt. Der damalige Pachtpreis betrug 75 Mark pro Platz. Im September des Jahres kam es zu einem Vertrag zwischen der katholischen Kirchengemeinde, vertreten durch Dechant Rakel, und den beiden Repräsentanten der Stadt, Bürgermeister Vehmeyer und Stadtdirektor Möllerering. „Die Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde und der Stadt ist sinnvoll gelöst und hat sich über 150 Jahre bewährt“, meint Werner Schräer heute.

Die Gräberbelegung begann am Haupteingang mit dem 100 Jahre alten Eingangstor an der jetzigen Meppener Straße und führte bis zum Mittelkreuz. Weitere Verstorbene fanden ihre letzte Ruhe danach hinter dem Kreuz, später auf der rechten und dann auf der linken Seite hinter der Friedhofskapelle. „Ich lebe und auch Ihr werdet leben“, lautet die Inschrift des Mittelkreuzes, das der Rheiner Künstler Joseph Krautwald geschaffen hat. Es steht umgeben von Gräbern der katholischen Pfarrer aus Haselünne und den Ruhestätten der in der Hasestadt tätigen Franziskaner- und Ursulinen-Schwestern.

Bödiker-Grabmal

Ferner ruhen 79 Tote aus beiden Weltkriegen und der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus Polen, Russland und Deutschland auf dem Gräberfeld. Historische Grabmale, die unter anderem an den Haselünner Bürgermeister Kruse, Familie Neteler oder auch an einige Missionsbrüder erinnern, wurden hinter dem Mittelkreuz aufgestellt und werden weiter gepflegt.

Kulturhistorisch wertvoll dürfte das Bödiker-Grabmal sein. Dr. Anton Wilhelm Laurenz Karl Maria Bödiker wurde 1843 in Meppen geboren, wuchs aber in Haselünne auf. Bödiker war zwischen 1884 und 1897 der erste Präsident des Reichsversicherungsamtes und gilt als Begründer der deutschen Sozialversicherung. Seine letzte Ruhe fand er aber 1907 in der St. Hedwigs-Kirche in Berlin.

Kapelle 1968 gebaut

Christel Hopster-Leyding hat weiter herausgefunden, dass die künstlerisch gestalteten Kreuzwegstationen des Friedhofs Mitte der 1970er Jahre bei Renovierungsarbeiten der Pfarrkirche auf deren Dachboden wieder entdeckt wurden. 1968 kam es zum Bau der Friedhofskapelle. 25 Jahre danach wurde der Bereich der Aufbahrungsräume fertiggestellt. Zuvor konnten Angehörige und Freunde nur im Keller Abschied nehmen. Vor fünf Jahren wurden die vorhandenen Kapazitäten den heutigen Bedürfnissen angepasst. So gibt es einen Gebets- und Verabschiedungsraum, sowie klimatisierte Aufbewahrungsräume für die Verstorbenen.

Auf dem Friedhof, der eine Größe von rund 37.000 Quadratmetern aufweist, werden derzeit pro Jahr etwa 100 Menschen bestattet. Die vier Teilnehmer des Treffens weisen darauf hin, dass Menschen jeder und auch ohne Konfession an der Sandstraße ihre letzte Ruhe finden könnten.

Rund 6000 Gräber belegt

Entsprechend den Wünschen aus der Bevölkerung gibt es neben der bekanntesten Form, der Erdbestattung, die Möglichkeit, die Asche nach einer Kremierung in einer Urne beizusetzen. Auch Grabstätten für Sternenkinder, die mit einem zu geringen Gewicht zur Welt kommen und bereits während oder kurz nach der Geburt versterben, können von Familien und Freunden jederzeit besucht werden.

Derzeit sind rund 6000 Gräber des Friedhofs belegt. 2017 soll mit der Umgestaltung des neuen Friedhofsteils begonnen werden, um auch hier einen parkähnlichen Charakter herzustellen. Beginn der Gedenkfeier ist am Sonntag, 20. November, um 16 Uhr auf dem Friedhof.


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