Wichtige Einnahmequelle Heizer kontrollierten Tabak made in Haselünne

Von Carola Alge


Haselünne. Haselünne ist bekannt für seine Kornbrennereien. Aber noch ein anderes Genussmittel wurde hier früher angebaut: Tabak.

Einer, der diese Zeit als Kind erlebte, ist Johann Cordes-Dreyer aus Haselünne-Eltern. Seine Eltern betrieben in dem Ortsteil einen Bauernhof mit allem, was dazugehörte. Die Familie hatte Schweine, Kühe, Ackerflächen. Auf denen baute der Vater nicht nur Getreide an, sondern auch Tabak. Das war Ende des Krieges in der Region nichts Ungewöhnliches.

Bedeutender Betriebszweig der Höfe

Er gehörte zu jenen emsländischen Landwirten, die sich damals mit dem Tabakanbau eine wichtige Zusatzeinnahmequelle geschaffen hatten: Im gesamten Kreisgebiet wurde ein Teil der bis dahin mit Getreide und Kartoffeln bestellten Flächen mit den eigentlich eher in südlichen Gefilden anzutreffenden Pflanzen bestellt. So machten ihn beispielsweise die Landwirte Hense, Sander, Wessmann und Brinker in Baccum zu einem bedeutenden Betriebszweig ihrer Höfe. Im ehemaligen Landkreis Lingen erstreckte sich der Tabakanbau 1950 über 52 Hektar; zur künstlichen Trocknung des Ernteguts waren dort 32 entsprechende Anlagen gebaut worden.

Anbauverein

In Haselünne, seit Generationen durch die Produktion hochprozentiger Getränke als Stadt der Genussmittel bekannt, wurde teilweise noch bis in die 1960er-Jahre hinein Tabak angebaut. Eine Zigarrenfabrik gab es ebenfalls. 28 Bauern aus dem Haselünner Raum hatten sich seinerzeit zu einem Anbauverein zusammengeschlossen und mit diesem Erwerbszweig zunächst gutes Geld verdient. „Vor allem hat es meinem Vater viel Spaß gemacht“, erinnert sich Johann Cordes-Dreyer .

Die Idee, Tabak anzupflanzen, wurde für seine Familie wie für alle anderen Anbauer quasi aus der Not heraus geboren. „Es ging ja darum, nach dem Krieg neue Einnahmequellen zu erschließen“, sagt der 74-Jährige. Und was in anderen Gebieten möglich war, dachten die Mitbegründer des Haselünner Tabakanbauvereins, müsse doch auch rund um die Hasestadt durchführbar sein. So kümmerte man sich um Verträge mit einer Tabakfirma im Norden, die für die Abnahme garantierte, und arbeitete sich in neue Materie ein.

28 Bauern schlossen sich zusammen

28 Bauern schlossen sich im Laufe der Zeit dem 1950 gegründeten Anbauverein Haselünne an, dessen Gebiet sich von Meppen bis Löningen und von Groß Berßen bis Dohren erstreckte. Jeder Landwirt verfügte im Schnitt über etwa vier Hektar Fläche, sodass insgesamt auf mehr als 100 Hektar Tabak angebaut wurde. Je Hektar wurden etwa 30000 Pflanzen ausgebracht. Cordes-Dreyers Vater bewirtschaftete etwa drei Hektar mit Tabakpflanzen. Das war kein Zuckerschlecken. Die Aussaat des Tabaks erfolgte meist im März. Eine Torffirma lieferte dazu „sterile Erde“ an, in die die Sämlinge im sogenannten Anzuchtbeet ausgesät wurden. Anfang Mai wurden die Pflanzlinge pikiert (gestochen). Dies geschah mithilfe einer speziellen Maschine, die sie einzeln in Töpfe setzte, wo sie etwa vier Wochen lang blieben. Danach wurden die jungen Tabakpflanzen Ende Mai, Anfang Juni vom Frühbeet in das Freiland umgesetzt.

Felder mussten gewechselt werden

War der Tabak auf der Freifläche, „begann die eigentliche Arbeit“. Die Felder mussten mit Motorfräsen und Handgeräten unkrautfrei gehalten werden. Und auch verschiedene Krankheiten der Pflanzen galt es zu bekämpfen“. Als Nachtschattengewächs – wie die Kartoffel auch – war der Tabak Pilzbefall ausgesetzt. Die Folge: Der Tabak durfte nur alle drei Jahre auf demselben Feld angebaut werden. Daran erinnert sich Cordes-Dreyer noch gut. „Mein Vater wechselte die Flächen ständig.“

Jeder musste anpacken

Geerntet wurde von Anfang August bis Oktober. In dieser Zeit musste jeder kräftig mitanpacken. Auch der damals kleine Johannes half – und fand das interessant. Das Erntegut wurde je nach Reife von den Stauden blattweise per Hand abgepflückt und in Kisten gelegt. Anschließend hängten einige der für den Tabakanbau angestellten etwa zwölf Saisonarbeiterinnen jeweils drei Blätter an einem 1,20 Meter langen Stab zum Trocknen im Trockenschuppen auf. Ein Modell des Gebäudes des elterlichen Hofes in Eltern ist im Übersee-Museum in Bremen zu sehen.

Diese Schuppen waren auffällig schmal, dafür aber hoch errichtet. Grund für diese Bauweise war, dass die Stäbe in bestimmten Abständen vorwiegend übereinander befestigt wurden, damit die Luft gut zirkulieren konnte.

Eigentliche Trocknungsphase

War das Gebäude voll (es wurden etwa 1200 Stangen mit annähernd 70000 Blättern benötigt), konnte die eigentliche Trocknungsphase beginnen. Zunächst mussten dabei die Tabakblätter bei einer Temperatur von 25 bis 30 Grad zwölf Stunden lang vergilben. Danach wurde die Trocknung auf bis zu 80 Grad geschaltet und die restliche feuchte Luft mithilfe eines Ventilators aus dem Trockenschuppen herausgezogen. Betrieben wurde eine solche Anlage mit Briketts, später mit Torfbrocken und zum Schluss mit einem mit Heizöl gefüllten Brenner.

Luftfeuchtigkeit und Nebel

Damit der Trocknungsvorgang auch nachts exakt ablief, engagierten die Landwirte dafür extra sogenannte „Heizer“ als Nachtwachen. Jeweils drei Bauern bezahlten einen solchen Mann, der in den Nachtstunden bei ihnen reihum Heizvorgang und Blattgüte kontrollierte. 36 Stunden dauerte der Trocknungsprozess der Tabakblätter (pro Woche konnte ein Schuppen also maximal zweimal gefüllt werden), bis die Blätter in Stellagen kamen, „damit sie durch die Luft wieder feucht wurden, denn sonst hätte man sie nicht weiterverarbeiten können“, klärt Cordes-Dreyer den scheinbaren Widerspruch auf. Zu diesem Zweck wurden die Stellagen in einen Schuppen gebracht, der oben geöffnet war „und in dem eine Nacht lang Luftfeuchtigkeit und Nebel arbeiten konnten“.

Langwierige Prozedur

Erst nach dieser langwierigen Prozedur, die der Vater stets akribisch beobachtete, begann die eigentliche Tabaksortierung. Dies geschah über ein Laufband, an dem Frauen die Tabakblätter nach Güteklassen (insgesamt sechs) wie etwa nach der Farbe voneinander separierten. Danach wurden die Blätter mit einer Presse zu ein bis zwei Kilo schweren Tabakbunden zusammengepresst. Dieses Trockengut nahmen die entsprechenden Vertragsfirmen ab, die zwischen 30 und 1200 DM pro Zentner zahlten. Die Tabakfirma holte die getrockneten Blätter mit Lkw ab und vertrieb sie weiter.

Preis ging in den Keller

Im Laufe der Jahre zahlten diese Firmen jedoch zunehmend schlechter. Der Preis ging in den Keller. Der Tabakanbau in unserer Region wurde zunehmend unrentabler. Der Anbau war nicht mehr kostendeckend. „Die letzte Ernte auf dem Hof von Cordes-Dreyers Eltern erfolgte „irgendwann Mitte der 1950er-Jahre“. Noch bis vor 25 Jahren erinnerte das Trocknungshaus auf dem Hof an dessen Tabak-Vergangenheit. Die möchte Johann Cordes-Dreyer nicht missen. Sein Vater sei immer begeistert von der Arbeit gewesen, habe viel Spaß dabei gehabt. Bester Konsument seines Ernteprodukts war der allerdings nicht. Ein Lungendurchschuss, den er im Krieg davontrug, hielt ihn vom Rauchen ab. „Aber mein Vater roch unheimlich gern an den Tabakblättern, prüfte mit den Händen ständig den Trocknungsfortschritt.“ Auch das sei für ihn eine Art Genuss gewesen.