Als Junge Trümmer beseitigt Berentzen-Abriss erinnert Haselünner an Kriegsende

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Haselünne. Schutt. Trümmer. Asche. Wenn Werner Pohlmann auf die große Abrissstelle der alten Berentzen-Produktion an der Ritterstraße in Haselünne blickt, werden bei dem 85-Jährigen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wach.

April 1945. Pohlmann hat gerade einen Lehrvertrag bei der Firma Berentzen als Schlosser in der Tasche. Die dreijährige Ausbildung beginnt allerdings alles andere als planmäßig am ersten Tag jenes Monats und hat mit dem Handwerk, das er erlernen möchte, wenig zu tun. Schuld sind die letzten Flugangriffe auf seine Heimatstadt. Eine Fliegerbombe und Granaten treffen das Gebäude seines Arbeitgebers. „Die Bombe schlug direkt gegenüber dem Wohnhaus der Familie Berentzen in der Ritterstraße in die Produktion. Von der Straße aus tat sich ein 15 Meter großes Loch nach hinten auf. Es standen nur noch Mauerreste“, erinnert er sich an jenen 8. April.

Bombardierung

Den Angriff erlebte der damals 14-Jährige im Elternhaus am Markt gegenüber der Post. Von dort hatten die Pohlmanns Blick auf die Berentzen-Produktion , auf den Wasserturm als deren Wahrzeichen. Die Bombardierung bekam er nachts im elterlichen Haus mit. „Irgendwann gegen 4 Uhr war es plötzlich wahnsinnig laut. Ich hatte Angst in meinem Bett. Wir waren in den Tagen die ständigen Flieger über der Stadt, die Soldaten in der Innenstadt gewohnt. Aber das war ein Riesenschreck.“

Innerhalb von Sekunden Schutt und Asche

Das Gebäude, in dem Pohlmann seinen Beruf erlernen wollte, war zu großen Teilen innerhalb von Sekunden Schutt und Asche. Das ganze Ausmaß erlebte der Heranwachsende eine Woche später. „Ein Gebäude war ganz weg, die Flaschenwäscherei kaputt, die Hälfte der Garage und unserer Schlossereien fehlten.“ Jede helfende Hand war in diesen Tagen gefragt. Auch die des 14-Jährigen. „Ich war der einzig Junge dort. Die anderen kehrten erst Monate später aus der Gefangenschaft und von der Front zurück.“

Schwerstarbeit

Die Hilfe wurde zur körperlichen Schwerstarbeit. Fahrzeuge und Maschinen waren Mangelware. „Mit unseren Händen trugen wir die Trümmer zusammen, hievten sie auf Karren, die von Ochsen gezogen wurden.“ Fast ein halbes Jahr dauerten die Arbeiten. An die Lehre im klassischen Sinn, die Pohlmann dann mit Verzögerung machte und 1948 abschloss, war da immer noch nicht zu denken. Ein bisschen hätte alles wie heute ausgesehen: Steinblöcke über Steinblöcke, zerfetzte Dächer. Fast jeden Winkel kannte er wie seine Westentasche. „Wir kamen bei den Aufräumarbeiten überall hin. Jede Ecke in der von einer Dampfmaschine betriebenen Hefe-Fabrik war uns vertraut. Das ist einer der Teile, der jetzt plus Brennerei dem Erdboden gleichgemacht wird.“

Unsentimental

Pohlmann erzählt davon unsentimental. Beim Blick auf Bilder des aktuellen Berentzen-Abrisses , die er in einem Fotoalbum sammelt, nickt er manchmal. Ja, es sei richtig, alles abzureißen. Die Substanz sei zu marode gewesen. „Es waren billige Dächer, vernünftige Räume gab es nicht“, deutet der 85-Jährige auf ein Foto. Es zeigt einen Gebäuderest links des Wasserturms. Dass der erhalten bleibt, findet der Haselünner gut und richtig. „So bleibt wenigstens etwas von dem erhalten, was hier einmal stand.“ Einen kurzen Moment überlegt der Brillenträger. „Die Zeit dort ist einfach vorbei. Mit der Einstellung der Hefe-Produktion und der alten Mühle 1950 war es einfach tot.“

Sechs Jahre in Kolumbien

Das geplante Wohn- und Geschäftshaus an der Stelle seiner einstigen Lehrstätte kann sich der Schlossermeister gut vorstellen. Für Modernes, das sich der Umgebung anpasst, ist der Rentner zu haben. Das liegt vielleicht auch ein bisschen an seinem Werdegang. Unmittelbar nach der Lehre verschlug es den Emsländer berufsbedingt in Großstädte. Hamburg und Düsseldorf waren unter anderem Stationen. 1956 ging er außerdem für sechs Jahre gemeinsam mit seiner Frau Irmgard nach Kolumbien. Er hatte sich auf eine Stelle einer deutschen Firma beworben, auf die er in der Zeitung aufmerksam wurde. Drei der sechs Kinder kamen dort zur Welt. Eins der Fotos, das im Wohnzimmer der Pohlmanns hängt, zeigt alle zusammen.

1962 von Kolumbien wieder nach Haselünne

1962 kehrte die Familie nach Düsseldorf zurück. Seit 2001 wohnt das Ehepaar wieder in Haselünne. „Ich hatte Heimweh“, gibt der 85-Jährige zu. Heimweh nach der Stadt, in der ihn der fast tägliche Besuch der großen Abrissstelle an der Ritterstraße manches Mal an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnerte, den er als Kind erlebte.


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