Ibsen in modernem Gewand Haselünner Gymnasiasten inszenieren „Ein Volksfeind“

Von Helmut Diers

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Haselünne. Tosenden Applaus haben die Schüler der Theater-AG des Haselünner Kreisgymnasiums St. Ursula und ihr Leiter, Studienrat Holger Seidel, für ihre fast dreistündige und ausverkaufte Premierenaufführung des Ibsen-Stücks „Ein Volksfeind“ geerntet.

Obwohl schon mehr als 130 Jahre alt, sind die in Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“ thematisierten Ideale der Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit heute so aktuell wie nie. Deshalb setzt die Theater-AG die originale Textversion nicht einfach eins zu eins um, sondern bringt eine durch Seidel modernisierte Version des Stücks, auf die Bühne. Darin stehen die Flüchtlingskrise, die Kritik am hemmungslosen Kapitalismus und das Thema Whistleblower (Enthüller) im Mittelpunkt.

„Vom Original ist nur noch ein Gerippe in die Gegenwart transferiert worden“, sagt Seidel. Er beanstandet aber wie Ibsen ganz deutlich die Gefahr, dass eine fragwürdige öffentliche Meinung oft als Wahrheit akzeptiert werde.

In der Zwickmühle

Im Mittelpunkt der Inszenierung der Theater-AG steht der Badearzt Dr. Stockmann, der in seiner norddeutschen Heimatstadt eine schreckliche Entdeckung macht: Das Heilwasser des neu eröffneten Kurbades ist verseucht! Schuld daran sind die umweltverschmutzende Lederfabrik am Ort und die dubiosen Machenschaften des Bürgermeisters Peter Stockmann, Bruder des Badearztes.

Als Dr. Stockmann seine durch Gutachten belegte Entdeckung der Öffentlichkeit präsentieren will, gerät er in eine Zwickmühle und muss eine folgenschwere Entscheidung treffen: unmoralisch die Gesundheit und sogar das Leben der Kurgäste aufs Spiel setzen oder den gravierenden Missstand öffentlich anprangern und damit die Existenz der eigenen Familie gefährden.

Professionelle Inszenierung

Neun Monate haben die zwölf Schauspieler der Theater-AG, Leiter Holger Seidel sowie zahlreiche Bühnenbildner, Licht- und Tontechniker, Requisiteure, Kostümschneider, Musiker und vier ehemalige Mitglieder der Theater-AG das Stück zwei- bis dreimal, zuletzt sogar vier- bis fünfmal wöchentlich geprobt. Herausgekommen ist eine Inszenierung, die sehr professionell wirkte, nicht zuletzt dank ausgezeichneter schauspielerischer Leistungen vor allem von Henning Kleene (Dr. Thomas Stockmann) und Fynn Sowinski (Peter Stockmann).

In einem Jahr wie 2015 sei es ihm unmöglich gewesen, ein Stück zu inszenieren, das zum großen Teil nur der Unterhaltung diene, schreibt Seidel in einem Vorwort zu „Ein Volksfeind“ im Programmheft. Auf Unterhaltung wurde dennoch nicht verzichtet, durch manchen Kalauer und manche mimische Pointe wurde nicht nur ein Schmunzeln aus- und dadurch eine vielleicht zu starke Anspannung im Publikum aufgelöst, sondern auch herzhaftes Lachen erzeugt.

Pep mit Livemusik

Die Schauspieler brachten durchaus Witz und Humor in ihre Rollen. Den ganz besonderen Pep bescherte dem Schauspiel wie schon in den Jahren zuvor die Theaterband mit rockiger und lauter Livemusik während der Umbauphasen auf der offenen Bühne und zur Verstärkung spielerischer Szenen.

„Schweigen, schweigen, reden ist Gold“, dieser Song der Theaterband in Umkehrung des Sprichworts „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ zum Abschluss des Stücks sagte alles, was Dr. Stockmann wichtig ist: Missstände ohne Ansehen der Person beim Namen nennen.

Zum Handeln bewegen

„Das Theater soll Konflikte durchschaubar machen und das Publikum zum Handeln bewegen“, erläutert Seidel im Vorwort des Programmhefts. Das Ziel ist erreicht, kann man da nur noch feststellen. Die Theater-AG des Kreisgymnasiums hat es geschafft, mit ihrer Aufführung Empathie und Nachdenklichkeit für die Konflikte und Krisen unserer Zeit im Publikum zu erzeugen.

Weitere Aufführungen sind für Freitag, 4. März, und Sonntag, 13. März, jeweils ab 19.30 Uhr angesetzt.


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