Lesung in Haselünne Profiler Axel Petermann bleibt im Fall Lars Wunder dran


Haselünne. Der Tod ist sein Leben. Mehr als vier Jahrzehnte arbeitete Axel Petermann bei der Polizei, klärte Mordfälle auf. Und auch heute noch, obwohl Pensionär, befasst er sich mit Tötungsdelikten. Als Profiler. Aktuell beschäftigt ihn unter anderem der Fall Lars Wunder aus Jemgum. Im Interview erzählt er darüber, über Ermittlungsdruck und Pannen und warum er bei seinem ersten Polizeieinsatz ins Krankenhaus kam.

Herr Petermann, in Ihrem Buch „Der Profiler“ berichten Sie über ungeklärte Morde. Ging Ihnen ein Fall besonders nahe?

Ja, es sind die Morde an zwei jungen Frauen: Swantje Lorenz und Heike Rimbach. Der Fall von Swantje hat mein Ermittlerleben nahezu 40 Jahre begleitet, ehe der Täter überführt werden konnte.

Während Ihrer Arbeit in der Mordkommission mussten Sie erleben, wie schnell Ermittlungen eine falsche Richtung einschlagen. Was ist der Hauptgrund, dass oft falsche Fährten verfolgt werden?

Das passiert leider immer wieder einmal, sollte es natürlich nicht. Doch manchmal scheinen Beweise und Zeugenaussagen eine bestimmte Richtung vorzugeben. Wenn dann noch ein hoher Ermittlungsdruck besteht, dann kann es sein, dass Hinweise, die die eigene Theorie zu bestätigen scheinen, „gerne“ herangezogen werden, während kritische Hinweise eher verdrängt werden, da sie nicht in die Theorie passen.

Ist Ihnen das passiert?

Ich habe einem Mann fast 20 Jahre das Leben schwer gemacht, weil ich davon überzeugt war, dass er eine alte Frau ermordet hatte. Die Auflösung kam erst spät, als ich noch ein Beweismittel fand und somit die Unschuld beweisen konnte. Einen Unschuldigen falsch zu verdächtigen ist für mich das Schlimmste, was mir als Ermittler passieren kann.

Kommissar Zufall

Wie oft hat Ihnen „Kommissar Zufall“ geholfen?

Zufälle spielen in einem Ermittlerleben natürlich bei der Klärung von Verbrechen immer eine Rolle. Allerdings vertrete ich die Auffassung, dass ich durch beharrliches und konsequentes Arbeiten den Zufall auch lenken kann. Ich habe es mehrfach erlebt, dass sich hierdurch Ermittlungsansätze ergaben, die sich ohne diese Einstellung nicht gezeigt hätten.

Es gibt den Satz über Sie: „Wenn das LKA nicht mehr weiter weiß, muss Profiler Axel Petermann ran“. Haben Sie manchmal mit zu hohen Erwartungen an Sie zu kämpfen?

Diesen Satz höre ich auch gar nicht gerne und würde ihn auch nie so sagen: Rund 90 Prozent aller Tötungsdelikte werden durch die Ermittler der Mordkommission aufgeklärt. Aber natürlich gibt es immer wieder Taten, bei denen das Motiv oder die Fantasien der Täter nicht erkannt wurden. Oder es steht nicht fest, ob sich das Opfer und der Täter kannten. Dann müssen tatsächlich Fallanalytiker „ran“, um den Ablauf des Verbrechens zu rekonstruieren. Ich muss verstehen, was sich am Tatort zugetragen hat und weshalb gerade dieses Opfer getötet wurde. So kann ich das Motiv bestimmen, etwas zu dem Menschen sagen, der getötet hat, und hoffentlich neue Ideen entwickeln, um den Täter zu entlarven. Aber es stimmt, dass dies mit hohen Erwartungen einhergeht, denn immer haben sich ja schon viele Ermittler mit den Verbrechen ganz intensiv auseinandersetzt.

Berater für Fernseh-Tatorte

Sie sind auch Berater für Fernseh-Tatorte. Was macht Ihnen dabei besonders Spaß?

Mir macht es Spaß, meine Praxiserfahrungen in die Fiktion einfließen lassen zu können und hinter die Kulissen schauen zu können. Oder wie beim Tatort Frankfurt am Set zu stehen und Tipps zu geben. Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn Szenen meines Lebens in die Filme einfließen. Manchmal kann ich auch mit den Bühnenbildnern die Tatorte inszenieren und so ein realistisches Szenario schaffen.

Wie realistisch sind für Sie Krimis wie der Tatort und ähnliche?

Es kommt wirklich immer auf die Produktion und die Frage an: Wo liegt der Schwerpunkt des Plots? Sind es aktuelle und gesellschaftspolitisch relevante Themen oder sollen mehr die Kriminalistik und das Verbrechen im Vordergrund stehen. Mir gefallen eher die Tatorte, die sich an einem realen Geschehen orientieren, wie die Fälle des Frankfurter Tatort -Duos, aber die basierten auch auf Fällen aus meinen Büchern. Natürlich soll der Tatort kein Lehrstoff für Polizeischüler sein, aber das kriminalistische Know-how darf nicht zu kurz kommen. Nicht schlecht finde ich den Dortmunder Tatortkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann), der einen zugegebenermaßen leicht überzogenen Mordermittler verkörpert und sich dabei den Methoden des Profilings annähert.

Gewalt eine Männerdomäne?

Sie haben mal gesagt „Töten gehört zum Menschen dazu“ ...

Ja, das stimmt, denn immer wieder habe ich Momente erlebt, in denen Menschen töteten, bei denen es man sich nie hätte vorstellen können. Der gewaltsame Tod zieht sich durch alle Altersgruppen, Berufe und soziale Schichten. Nur eines fällt auf: Die Gewalt ist eine Männerdomäne, in neun von zehn Fällen töten Männer Männer. Sind Frauen die Opfer, dann werden sie sehr häufig vom Partner oder Ex-Partner getötet. Töten Frauen, dann wollen sie sich eher aus einer Gewaltsituation befreien.

Es heißt von Ihnen, dass Sie sich bei einem neuen realen Fall nicht die komplette Ermittlungsakte durchlesen. Wollen Sie damit ein Stück Neutralität wahren?

Bei einer Tatortanalyse bewerte ich das Verhalten des Täters am Tatort und bei der Tötung. Es geht um Bedürfnisse, um Fantasien, die er in dem Verbrechen realisiert. Dafür brauche ich Fakten: Angaben zu den Spuren am Tatort, den Verletzungen des Opfers und den Umständen des Todes. Zeugenaussagen bleiben eher im Hintergrund, da sie nicht zutreffen müssen. Es stimmt, dass ich die Überlegungen der Ermittler nicht wissen möchte. Ich möchte mir ein eigenes und unbeeinflusstes Bild vom Tatgeschehen und dem Motiv des Täters machen.

Tötungsdelikte wecken immer Emotionen. Konnten Sie sich während Ihrer aktiven Zeit stets von Emotionen freisprechen?

Nein, denn dann wäre ich ja eine Maschine. Natürlich belastet das Wissen um die Umstände eines unnatürlichen oder gewaltsamen Todes. Der Kontakt zu Angehörigen und der Moment, in dem ich ihnen sagen musste, dass ein ihnen lieb gewesener Mensch getötet wurde. Um diese gewisse Ohnmacht auszuhalten, musste ich lernen, Grenzen aufzubauen. Grenzen bei der Vorstellung, was das Opfer empfunden hat, als es ihm bewusst wurde, dass es sterben wird. Grenzen auch, wenn es darum ging, das Leid und die Trauer der Hinterbliebenen nicht zu sehr an mich heranzulassen.

„Affinität für das Böse“

Sie könnten den wohl verdienten Ruhestand genießen. Wieso ermitteln Sie immer noch?

Das frage ich mich auch manchmal. Vermutlich habe ich tatsächlich eine Affinität für das Böse. Zum Glück habe ich wohl immer auf der richtigen Seite gestanden. Aber nun ernsthaft: Bei Lesungen aus meinen ersten beiden Büchern oder bei Vorträgen bin ich immer wieder von Menschen angesprochen worden, die durch eine Gewalttat einen Angehörigen verloren hatten und sich von mir Hilfe erhofften. Außer Zuhören konnte ich während meiner aktiven Zeit nichts tun. Mein Antrieb liegt darin, dass ich weiß, wie wichtig es für Hinterbliebene ist zu erfahren, weshalb es das Verbrechen gab und wer dies verübt hat. Zudem möchte ich mit meiner Arbeit dazu beitragen, dass die Opfer nicht vergessen werden, sie ihre Würde behalten und, dass sich die Täter immer wieder bewusst sind, dass ein Mord nicht verjährt und sie erst eine „Erlösung“ finden, wenn sie die Tat gestanden und eine ihrer Schuld angemessene Strafe erhalten haben.

Auch Ihr Vater war Polizist. Ihm sind Sie aber wohl nicht deshalb gefolgt, sondern weil Sie seinerzeit nicht zur Bundeswehr wollten ...

Ich wollte tatsächlich nur für 18 Monate zur Polizei gehen, um nicht den Wehrdienst – oder Kriegsdienst, wie es Anfang der 1970er-Jahre hieß – abzuleisten. Aber das Leben hatte für mich wohl einen anderen Weg bestimmt: Der Mord an Swantje Lorenz, den ich in meinem Buch schildere, veranlasste mich, doch bei der Polizei zu bleiben und den Weg in die Mordkommission zu wählen.

Leichen pflastern Ihren Weg. War das für Sie jemals eine Belastung?

Ja, natürlich. Ich habe nie die Zahl der Toten gezählt, deren Todesumstände ich untersucht habe: Tausend und mehr sind es gewesen. Das bedeutet auch, dass ich den letzten Minuten ihres Lebens sehr nahe gekommen bin, dass ich sehr häufig die Todesnachrichten überbringen musste und somit auch dem Leid der Hinterbliebenen sehr nahe kam.

Dieses viele Blut ...

Wie ging es Ihnen bei Ihrer ersten Obduktion?

Daran kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass dies während meiner Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei war. Viel bildhafter ist mir mein erster Einsatz in Erinnerung geblieben, bei dem es um einen schwer verletzten jungen Mann ging, der sich an einer Kreissäge verletzt hatte: dieses viele Blut ... Ich merkte, wie mein Blutdruck immer mehr sank und ich schließlich ohnmächtig wurde. Der alarmierte Krankenwagen fuhr dann zwei Patienten in die Klinik: den Verletzten und mich.

Würden Sie gern ein Drehbuch für einen Fernsehfilm bzw. Krimi schreiben?

Ja, das würde ich wirklich sehr gerne einmal tun. Ideen hätte ich schon eine Menge, doch momentan stecke ich noch bis über beide Ohren in meiner Ermittlungsarbeit, habe Lesungen , halte Vorträge und drehe immer wieder neue Beiträge über meine Arbeit und die Fälle.

In Haselünne lesen Sie aus Ihrem aktuellen Buch „Der Profiler“. Schreiben Sie Ihre Bücher in einem Rutsch, oder holpert es manchmal?

Ich schreibe schon in einem Rutsch. Das bedeutet, dass ich pro Fall inklusive der begleitenden Recherchen schon etwa fünf, sechs Wochen brauche, sodass ich nach etwa einem halben Jahr das Manuskript an den Verlag schicken kann.

Weiterlesen: Krimi exklusiv von Wolf: Das Emsland wird zum Tatort –Interview mit dem Erfolgsautor

Arbeit am Laptop

Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf schreibt jedes Buch mit einem (neuen) Füller. Nutzen Sie PC, Laptop oder iPad?

Ich habe Klaus-Peter gefragt, ob er das wirklich macht, denn so könnte ich nicht arbeiten. Er bejahte. Ich beginne manchmal mittendrin im Fall, schreibe dann das Ende und springe gleich wieder an den Anfang. Das geht nur mit dem Laptop. Übrigens: Im August sind Klaus Peter und ich im August für eine Woche gemeinsam auf Langeoog und gestalten dann ein kleines Krimifestival.

Einer Ihrer aktuellen Fälle spielt gar nicht so weit entfernt von Haselünne: Lars Wunder. Halten Sie ein Verbrechen an dem Vermissten aus Jemgum immer noch für eher unwahrscheinlich?

Das ist eine schwierige Frage, denn immer wieder verschwinden Menschen von einer zur anderen Sekunde. Zum Glück kehren die meisten von ihnen völlig unbeschadet zurück. Im Fall von Lars Wunder könnten verschiedene Gründe zutreffen: ein Unglücksfall, ein Verbrechen oder auch ein Suizid. Um die Frage zu beantworten, welche dieser Möglichkeiten am wahrscheinlichsten ist, muss ich noch mehr über die Umstände seines Verschwindens wissen. Deshalb werde ich auch noch einmal für mehrere Tage in die Region fahren. Allerdings halte ich schon jetzt die Möglichkeit für unwahrscheinlich, dass Lars Wunder seine vertraute Umgebung verlassen hat, um irgendwo ein neues Leben zu beginnen.

Sollte Wunder zum Beispiel einen Unfall gehabt haben und in einem Graben gelandet sein: Wieso findet man ihn nicht?

Es kommt doch immer auf die Umstände an. Wie tief ist der Graben, wie der Bewuchs. Wie intensiv ist gerade an dieser Stelle gesucht worden? Hatte der junge Mann sich auf dem Weg nach Hause verlaufen und so einen Weg eingeschlagen, der bei der Suche nach ihm außer Acht geblieben war.

Umfeld von Lars Wunder

Was können Sie als Profiler noch zur Aufklärung des Falls beitragen?

Ich werde vermutlich die nächsten Tage noch einmal nach Jemgum fahren und dann mit verschiedenen Menschen aus dem Umfeld von Lars Wunder sprechen. Ich möchte mehr über ihn und über die Geschehnisse aus der Nacht seines Verschwindens erfahren.

Stellen wir uns vor, ich würde Profilerin werden wollen. Welche Voraussetzungen sind neben Neugierde und Lust auf Recherchen wichtig?

Das sind schon zwei gute Voraussetzungen. Aber ein wenig mehr gehört noch dazu: Sich nicht von dem ersten Eindruck am Tatort täuschen lassen, die Ergebnisse von Ermittlern und Experten kritisch hinterfragen, Gedanken zulassen, die andere für verrückt halten, in gewisser Weise in den Kopf des Täters schlüpfen und ein wenig zu denken wie er usw. Ich hoffe, dass ich Sie nicht desillusioniert habe.

Aus seinem Buch „Der Profiler – Ein Spezialist für ungeklärte Morde berichtet“ liest Axel Petermann am 2. Februar 2016 um 19 Uhr in der Bödiker-Buchhandlung in Haselünne. Der Eintritt ist frei.


Axel Petermann, Jahrgang 1952, hat als Leiter der Mordkommission in Bremen und stellvertretender Leiter im Kommissariat für Gewaltverbrechen mehr als 1.000 Fälle bearbeitet, in denen Menschen eines unnatürlichen Todes starben. Im Jahr 2000 begann er mit dem Aufbau der Dienststelle Operative Fallanalyse und hat gemeinsam mit seinen Kollegen die Methoden des Profiling in Deutschland etabliert. Petermann fungiert zudem als ständiger Berater des Bremer Tatort; vier seiner Fälle wurden für die ARD verfilmt. Seit seiner Pensionierung im Herbst 2014 widmet sich Petermann im Auftrag der Hinterbliebenen auch weiterhin und pro bono der Aufklärung von ungelösten Mord- und Todesfällen und lehrt seit vielen Jahren als Dozent für Kriminalistik an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung. Seine bisherigen Bücher “Auf der Spur des Bösen„ und “Im Angesicht des Bösen„ wurden beide Bestseller.

Mehr Informationen zum Autor finden Sie auch unter www.axelpetermann.de . (Quelle: Heyne-Verlag)

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