Spielen aber Nebensache Haselünne: Fünf Brüder kloppen seit 50 Jahren Karten

Von Ann-Christin Fischer

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Haselünne. Zusammen wuchsen sie auf, zusammen flüchteten sie nach Deutschland, und zusammen spielen sie seit 50 Jahren Karten: Arthur (82), Rudi (80), Manfred (70), Oskar (75) und Waldemar (73) Wursthorn.

Fünf Brüder, die im Umkreis von 170 Kilometern wohnen und sich zwei Mal im Jahr in Haselünne bei dem Ältesten treffen. Oskar reist aus Bielefeld an, Manfred lässt sich von Rütenbrock nach Haselünne bringen, Arthur und Rudi wohnen hier, Waldemar kommt aus Meppen. Fast zwölf Stunden lang spielen sie vor allem Doppelkopf und Skat. Was aber viel wichtiger ist: Sie schwelgen in Erinnerungen. Oberstes Gebot – niemand darf traurig werden. „Wenn hier einer schlechte Stimmung verbreitet, treiben wir dem das ganz schnell wieder aus“, sagt Manfred mit erhobenem Zeigefinger und schmunzelt.

Berichte von der Flucht

Selbst wenn sie von der Flucht von Bessarabien über Österreich nach Deutschland erzählen, brechen die Brüder in Gelächter aus. Zum Beispiel, als sie im Zug saßen und das Kondenswasser von den Scheiben leckten, weil sie kurz vorm Verdursten waren. „Plötzlich heulte der Fliegeralarm auf, und alle rannten aus dem Zug. Unsere Mama hielt uns zusammen und lief mit uns zum Marktplatz“, erinnert sich Rudi. „Das muss man sich mal vorstellen, die Bomben knallten überall, und die stellt sich mit uns auf ein offenes Gelände.“ Aber ihre Mutter Bertha habe gesagt: „Wenn wir sterben, dann alle zusammen.“ Alle überlebten. Auch ihre Oma und die anderen drei Geschwister. Hugo, Helmut und Mariechen, wie sie ihre kleine Schwester liebevoll nennen.

In Dohren geboren

Manfred kennt diese Geschichte nur aus Erzählungen, er ist der Einzige, der in Deutschland geboren wurde, im emsländischen Dohren, Artur, Rudi und Oskar in Rumänien, Waldemar in Österreich.

Immer zwischen Platt und Hochdeutsch wechselnd erzählt einer nach dem anderen die alten Geschichten. Wenn Oskar von der Flucht berichtet, fängt er an zu lachen und sagt: „Ich musste immer den Eimer für die Notdurft tragen, das war nicht die schönste Aufgabe.“

Erinnerungen halten zusammen

Nicht nur die schrecklichen Erinnerungen der Flucht halten diese Brüder noch heute zusammen. Vor allem die „wunderschönen“ Momente im Emsland. 18 Kilometer seien sie mit dem Fahrrad von Dohren nach Herzlake ins Kino gefahren. Eintritt: 50 Pfennig. Oskar: „Das war eines der schönsten Erlebnisse.“ Damit alle immer genug zu essen haben, sammelten sie im Herbst ein Mal in der Woche Pilze. Und wenn es ab und an Pflaumen gab, war das immer ein Highlight.

Als Kinder Einläufe geschleppt

Alle Brüder mussten immer mit ihrer Mama einkaufen gehen. Sie zahlte, die Jungs trugen die Einkäufe. 14 Kilometer liefen sie zu Fuß und bekamen zur Belohnung eine Heißwurst mit Brötchen. „Das war immer lecker“, so Manfred.

Sie seien immer zusammen gewesen, und wenn einer Ärger hatte, sagte er: „Ich hole gleich meine Brüder.“ Das sei der Grund, warum sie auch heute noch wie an einer Kette zusammen hängen. Ihr Vater ist im Krieg geblieben.

„Wunderschöne Kindheit“

Sie waren die Männer im Haus, die alles erledigten. Und trotzdem ist Waldemar sich sicher: „Wir hatten eine wunderschöne Kindheit, wie Mama uns zusammengehalten ist, ist eine unglaubliche Leistung. Sie hat uns beigebracht, immer für den anderen einzustehen.“


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