„Die Welt könnte so schön sein“ Musikkabarett Jess Jochimsen zu Gast in Haselünne

Jess Jochimsen drehte im Kulturkino Hasetor mit seinem Programm „Für die Jahreszeit zu laut“ dem Lärm jeder Art um uns herum den Ton ab. Foto: DiersJess Jochimsen drehte im Kulturkino Hasetor mit seinem Programm „Für die Jahreszeit zu laut“ dem Lärm jeder Art um uns herum den Ton ab. Foto: Diers

zo Haselünne. „Gestern in Stuttgart, heute in Haselünne, morgen in Hamburg, das ist doch was!“ Ingo Schmit vom Hasetor-Kino wusste, wie er das Publikum auf den Kabarettisten und Autor Jess Jochimsen vorzubereiten hatte.

Entsprechend intensiv fiel der Begrüßungsbeifall des Publikums für den gebürtigen Münchner und heute in Freiburg im Breisgau lebenden Comedian aus. Seine Idee von einem „entspannten Abend an diesem lauschigen Ort“ hatte allerdings einige Tücken, da Jochimsen oftmals zwar urkomisch wirkte, aber dem Publikum dabei auch scharfes Nachdenken abverlangte.

Späße zum Brüllen sind nicht die Sache des Kabarettisten, den zahlreiche Auftritte im Fernsehen beim „Scheibenwischer“, „Quatsch Comedy Club“ und „RTL Samstag Nacht“ bundesweit bekannt gemacht haben. „Eher ist er ein Flaneur in Sachen feiner ironischer Melancholie“, wie es der Gäubote in Herrenberg einmal formulierte.

Im Hasetor wurde schnell deutlich, dass der Versuch des mehrfach preisgekrönten Kabarettisten „das Leben eines leisen Menschen zu leben“ scheitern muss, weil „die anderen auf dich warten“. Egal ob in der Politik, in den Medien oder in der Nachbarschaft, auf der Straße oder bei Elternabenden in der Schule: „Ich rede nicht von den Lehrern. Diese Abende kommen der Vorhölle reichlich nahe“ , so der Comedian. Er drehte mit seinem Programm „Für die Jahreszeit zu laut“ Krisengekreische, Wachstumslärm oder notorischen Rechthabern, wahlberechtigten Bürgern, Bescheidwissern und Tonangebern nicht nur im Hasetor den Ton ab.

Auf Kriegsfuß

Subtil machte er sich auf die Suche nach den Geschichten des Lebens, die in dem Lärm der Jahreszeiten untergehen. „Manchmal sind es die einfachsten Begriffe, die so lärmen“, ärgerte sich Jochimsen, dass bei der Vokabel Wirtschaft jeder sofort an Wachstum und Geld denke, aber nicht mehr an eine stinknormale Kneipe. „Für die Jahreszeit zu laut“ ist der Versuch des studierten Germanisten und Politikwissenschaftlers, dem großen Getöse zu entfliehen und dabei Haltung zu bewahren. „Die Welt könnte schön sein. Wäre da nicht der Mitmensch, der in einer Tour herumfuhrwerkt und seine Ansichten unangenehm und ohne Unterlass in seine Umgebung krakeelt. Oder, wenn diese längst geflohen sind, in irgendein Gerät“, so Jochimsen, der mit der ganzen Medien, ganz besonders aber mit der Internetwelt mit ihren sozialen Netzwerken als unbändige Lärmproduzenten auf Kriegsfuß steht. Nicht nur Wortwitz beherrscht Jochimsen. Er kann auch Gesang. Schon sein Frühlingslied kommt melancholisch daher. Die Melancholie setzt sich durch die anderen Jahreszeiten fort. Die lauteste Zeit sei der Winter mit dem Weihnachtsfest.

Jochimsen gab dem Haselünner Publikum ein nachdenkliches, aber zugleich beruhigendes Bauchgefühl mit auf den Heimweg. Und natürlich seine Bücher – handsigniert, versteht sich. Dazu gehörten auch zwei Bildbände, deren Abbildungen während des Programms eingespielt das Publikum mit auf einen fotografischen Streifzug durchs städtische oder dörfliche Hinterland nahmen. Dort wurde der Fotograf Jochimsen jenseits der Hochglanzabbildungen der Republik fündig, sammelte unfreiwillig komische Werbung, hielt groteske Läden, schlimme Imbissbuden, sinnlose Straßenschilder fest.


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