Sokrates des 21. Jahrhunderts Dennis Gastmann liest im Haselünner Kulturkino

Unschuldig oder ironisch – wer kann sich da bei Dennis Gastmann schon sicher sein? Foto: Kim KarotkiUnschuldig oder ironisch – wer kann sich da bei Dennis Gastmann schon sicher sein? Foto: Kim Karotki

kim Haselünne. Man nehme einen harmlosen Blick, eine naive Frage und einen Kameramann an der Seite – schon ist er fertig: Sokrates im Gewand des 21. Jahrhunderts. Der Fernseh-Journalist und Schriftsteller Dennis Gastmann versteht es, durch seine unschuldige Attitüde Menschen soweit aus der Reserve zu locken, dass sie sich selbst demaskieren. Im Haselünner Kulturkino las er aus seinen Büchern und erzählte den Besuchern von seinen Erlebnissen.

„Warum wird man eigentlich Torero?“ Auf der Leinwand im Hasetor Kulturkino blickt Dennis Gastmann den Torero Alfredo mit seinen blauen Augen groß an. „Eine Leidenschaft, die sich auf alles legt … die Verbindung mit dem Publikum und die Angst in der Arena – wir sind die Gladiatoren von 2009“, antwortet der Matador ohne Scheu. Der gebürtige Osnabrücker sitzt in einem braunen Ohrensessel neben der Leinwand auf der Bühne und berichtet den Gästen in Haselünne von seinem weiteren Kontakt mit Alfredo Covilla nach dem Dreh zu dieser Folge aus der Sendung „Mit 80000 Fragen um die Welt“. Auch mit vom Stierkampf aufgeschlitztem Körper in der Reha wolle Covilla alles dafür tun, um wieder in der Arena zu stehen, um „mit dem Tod zu tanzen“.

Dem Fernseh-Jounalisten mit dem unschuldigen Blick geben die Menschen ganz unverblümt Antwort, auch wenn diese am Ende einer gewissen Absurdität nicht entbehren. Die Methode erinnert an den Philosophen Sokrates, der sich dumm stellte, wenn er mit den Menschen auf dem Marktplatz von Athen sprach, mit dem Unterschied, dass dieser seine Gespräche nicht mit einer Kamera aufzeichnete. Für sein neuestes Buch wollte sich der Vertreter des Gonzo-Journalismus jedoch einer Spezies nähern, bei der er mit dieser Masche nicht weiterkam.

Reichtumsbericht

In dem sogenannten Armutsbericht beschäftigt sich die Bundesregierung mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bürger Deutschlands. „Doch wer kümmert sich eigentlich um die Reichen? Wer interessiert sich dafür, wie es ihnen geht?“, fragte sich Dennis Gastmann. In seinem Buch „Geschlossene Gesellschaft. Ein Reichtumsbericht“ geht er Fragen nach wie „Welche Rolle spielt Geld, wenn Geld keine Rolle spielt?“ oder „Welchen Wunsch hat man, wenn man sich jeden Wunsch erfüllen kann?“ Doch in diese geschlossene Gesellschaft einzutreten, um mit den erlauchten Persönlichkeiten nur zu sprechen, war das größte Hindernis auf der Suche nach dem „Wunderland“: Auf Hunderte von Anfragen, folgte entweder Schweigen oder Absagen: „Mark Zuckerberg spricht nicht über Geld“, Johnny Depp hat „keine Lust“ oder „Das Weiße Haus sieht im Moment keine Chance, aber behält mich im Auge“, erzählt der Schriftsteller schmunzelnd.

Doch Prinzessin Bea von Auersperg zeigte Erbarmen und so wurde Gastmann eingeführt in die gehobene Gesellschaft, musste neu lernen sich zu bewegen oder bei Tisch zu benehmen. Er liest aus einem Kapitel vor, das ein Schlüsselerlebnis darstellt: die Party beim „großen Gatsby“. Denn in der Welt der Reichen kam er undercover nicht weiter. Erst als ein Jounalist ihn ansprach, fotografierte und seine Gesellschaft ihn als „den berühmten Schriftsteller aus Deutschland“ (er)kannte, öffneten sich die scheuen Wesen. Auch wenn das Geheimnis am Ende nicht gelüftet wurde, was man sich wünscht, wenn man sich jeden Wunsch erfüllen kann – vermutlich weil Gastmann auf Wunsch des Publikums nach der Pause mehr aus „Mit 80000 Fragen um die Welt“ vortrug – hat der Infotainer mit Witz und einer Prise Ironie, bei der man sich nie ganz sicher sein konnte, wo sie anfing und wo sie aufhörte, dem Haselünner Publikum diese seltene Spezies näher gebracht, die im Stile Marie Antoinettes fordert: „Spart Wasser – trinkt Champagner“. Den besonders hartnäckigen Fans las er noch als Zugabe aus „Gang nach Canossa“ vor.


0 Kommentare