Erinnerungen an Naziherrschaft Erna de Vries spricht in Haselünne gegen Vergessen

Von Helmut Diers

Auf Einladung des Initiativkreises hat Erna de Vries in Haselünne gesprochen. Das Foto zeigt v.l. Wilfried Beckmann, Maria Jazdzejewski, Margret Berentzen, Erna de Vries, Hedwig Beckmann und Pastor Detlef Stumpe. Foto: DiersAuf Einladung des Initiativkreises hat Erna de Vries in Haselünne gesprochen. Das Foto zeigt v.l. Wilfried Beckmann, Maria Jazdzejewski, Margret Berentzen, Erna de Vries, Hedwig Beckmann und Pastor Detlef Stumpe. Foto: Diers

Haselünne. Seit vielen Jahren erfüllt die heute 91-jährige Erne de Vries einen Auftrag ihrer Mutter, den sie ihrer Tochter im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gegeben hatte. „Du wirst überleben und davon erzählen, was man mit uns gemacht hat“.

Erna de Vries wurde kurz danach von ihrer Mutter getrennt. In der evangelischen Dreifaltigkeitskirche erfüllte die seit 67 Jahren in Lathen wohnende Überlebende der nationalsozialistischen Gräueltaten im Rahmen der Wochen „Haselünne liest und singt“ des Initiativkreises familienfreundliche Stadt vor rund 120 Zuhörern erneut den Willen der Mutter. Sehr getragen mitgestaltet von Anneli Schütte aus Meppen, die Klezmer-Musik auf der Querflöte spielte.

Kein Hüsteln störte die Stille, keine Kameraklicken war zu hören, kein Blitzlicht flammte auf, als Erna de Vries über eine Stunde wie aus einem Guss über die Anfänge der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten, über die Zerstörung jüdischen Eigentums, über das sinnlose Niederbrennen und Sprengen von Synagogen, über die Konzentrationslager und die SS-Schergen berichtete.

De Vries´ Erzählungen waren dabei keineswegs von Schuldzuweisungen, von Hass oder Rachegefühlen geprägt. Vielleicht lag es daran, dass die Erzählungen der 1932 in Kaiserslautern geborenen „Halbjüdin“ den Zuhörern dermaßen unter die Haut gingen, dass sich die psychische Anspannung in der Kirche nach dem Vortrag nur langsam löste und in stehenden Beifall mündete.

„Das war heute ein ganz besonderer Höhepunkt unserer Aktion“, sagte Margret Berentzen, Vorsitzende des Initiativkreises. „Die Erlebnisse und Leiden von Erna de Vries werden uns nachdenklich und betroffen machen“, hatte Wilfried Beckmann vom Initiativkreis zu Beginn des Abends angekündigt. Er sollte Recht behalten.

„Man konnte es wissen“

Am 9. September 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Erna de Vries wuchs bis dahin behütet als Tochter eines Christen und einer jüdischen Mutter auf. Der Vater verstarb sehr früh. Als am 9. November 1938 „Männer mit großen Hämmern vor unserem Haus standen“, sei ihre Mutter hilflos gewesen. Erna war im Alter von 15 Jahren gefordert und ging mit der Mutter und einem kleinen Neffen zum Grab des Vaters auf den Friedhof. Als sie zum Haus zurückkamen, mussten sie die Zerstörung ihres Hab und Guts miterleben.

Man hätte Stecknadeln fallen hören können, als Erna de Vries auf die Deportation nach Auschwitz und ihre Weigerung, die Mutter allein ins KZ gehen zu lassen, zu sprechen kam. „Jeder, der es wissen wollte, wusste es, was KZ bedeutet“, sagt Erna de Vries. Auch sie habe durch „Feindsender“ aus dem Radio Informationen gehabt.

Als Halbjüdin hätte sie damals vielleicht eine Chance gehabt, dem Vernichtungslager zu entgehen. Sie wollte aber angesichts ihrer Kenntnisse von den Juden-Deportationen ihre Mutter nicht allein lassen. Leiden und unmenschliche Qualen folgten in Auschwitz-Birkenau. Auf dem Gang in die Gaskammer zog ein SS-Mann Erna de Vries aus der Menge der Todgeweihten heraus. Sie kam ins Lager Ravensbrück und überlebte. Ihre Mutter sah sie nie wieder.

De Vries ist Ehrenbürgerin der Gemeinde Lathen, Trägerin der Emsland-Medaille und des Verdienstordens der Bundesrepublik.

Weitere Nachrichten aus Haselünne finden Sie unter www.noz.de/haseluenne