Kindheit mit Hunger und Seuchen Historiker sprechen in Haselünne über Weltkriege

Von Manfred Fickers


Haselünne. Um Kinder als Opfer der schlechten Lebensumstände in der Region im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die sich durch die Weltkriege noch verschärften, ging es in fast allen Vorträgen bei der Tagung der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte im Heimatmuseum in Haselünne.

100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs und 75 Jahre nach dem Anfang des Zweiten Weltkriegs wurden Forschungsergebnisse für die aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim vorgestellt. Der Vorsitzende der Studiengesellschaft, Wilhelm Rülander, machte auf die Forschungslücken für die Geschichte der Region aufmerksam, die durch die Arbeit der Studiengesellschaft geschlossen werden sollen. Bürgermeister Werner Schräer rief dazu auf, Ideen zu entwickeln, damit Geschichte für die Öffentlichkeit erfahrbar wird.

Professor Eugen Kotte, der an der Universität Vechta lehrt, stellte den Forschungsstand zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor. In den vergangenen 20 Jahren seien von Historikern solidere Erkenntnisse zu den Ursachen des Kriegsbeginns und der Verantwortung der beteiligten Mächte gewonnen worden. Weltmachtstreben, verbunden mit einer riskanten Politik hätten die europäischen Nationen in Richtung Krieg geführt, was durch die Konflikte aus der Industrialisierung und einem Rüstungswettlauf immer größere Gefahren für den Frieden mit sich brachte. Dazu kam eine zunehmende Aggressivität in der politischen Auseinandersetzung, erklärte Kotte. Heute sieht die Mehrzahl der Forscher eine Hauptverantwortung für den Kriegsbeginn beim Deutschen Reich und Österreich-Ungarn, weist aber auch den anderen Mächten wie Großbritannien, Frankreich und Russland eine Mitverantwortung zu.

Eugen Gatzemeier hat die Schulchroniken des Kirchspiels Haselünne aus der Zeit des Ersten Weltkriegs ausgewertet. Während Zeitungen aus dieser Zeit versuchen, Kriegsbegeisterung zu wecken, sind die Chroniken zurückhaltender. Der Geschichtsprofessor im Ruhestand vermutet, dass die Lehrer die Probleme durch die Einberufungen mit der Folge des Arbeitskräftemangels sahen. Für die Kinder bedeutete der Krieg noch mehr harte Arbeit in der Landwirtschaft, begleitet von einer immer schlechter werdenden Ernährungslage durch die hohen und mit steigendem Druck durchgesetzten Lebensmittelablieferungen für die Städte. Der dadurch entstehende Schulausfall hatte Folgen, die der Lehrer in Lotten beschrieb: „Die Kinder sind sehr zurück.“

Der Arzt Peter Welling hat die Kinder- und Jugendsterblichkeit um die Jahrhundertwende und während es Ersten Weltkriegs erforscht. Ansteckende Krankheiten wie Keuchhusten, Diphterie, Scharlach und Masern sind in den Schulchroniken erwähnt, sie sorgten für viele tragische Todesfälle. Beim Stand der Medizin waren Schulschließungen die einzige wirksame Gegenmaßnahme. Die hohe Verbreitung der Tuberkulose in der Region führten Mediziner auf die ungesunden Lebensverhältnisse zurück, die sich im Ersten Weltkrieg weiter verschlechterten.

Mit der Eroberung der Region durch die Alliierten Streitkräfte im April 1945 hat sich der Redakteur und Historiker Manfred Fickers befasst. Hierzu sind in den letzten Jahren zahlreiche Augenzeugenberichte, Tagebücher, Schulchroniken und Dokumente von Pfarrgemeinden erschlossen worden, die bessere Einblicke in die Situation der Zivilbevölkerung geben, die unter Luftangriffen und Kampfhandlungen zu leiden hatte. Kinder und Jugendliche waren durch die in großer Zahl verlegten Minen und überall herumliegende Munition besonders gefährdet, da sie damit zu spielen versuchten. Unfälle mit Todesfolge sind in den Schulchroniken häufig erwähnt.