Schulsozialarbeiter aus Haselünne im Interview Nach Tod einer Elfjährigen in Berlin: „Soziale Netzwerke begünstigen Mobbing“

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Schulsozialarbeiter Ingo Schmit aus Haselünne sieht sich auch mit Fällen von Mobbing konfrontiert. Foto: Carola AlgeSchulsozialarbeiter Ingo Schmit aus Haselünne sieht sich auch mit Fällen von Mobbing konfrontiert. Foto: Carola Alge

Haselünne. Der Tod einer elfjährigen Schülerin in Berlin hat eine heftige Debatte über Mobbing ausgelöst. Wie gefährlich Mobbing sein kann und welche Möglichkeiten der Hilfe es gibt, darüber spricht Ingo Schmit, Schulsozialarbeiter an der Bödiker Oberschule in Haselünne, im Interview.

Herr Schmit, der Tod einer elfjährigen Grundschülerin aus Berlin macht viele betroffen. Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich war sehr erschrocken. Zum einen aus der privaten Sicht eines Vaters, aber auch aus der Sicht eines Menschen, der jeden Tag beruflich mit Kindern zu tun hat. Eine solche Nachricht macht, denke ich, jeden betroffen.

Als Hintergrund des mutmaßlichen Suizids des Mädchens steht der Verdacht von Mobbing an der Schule. Wie schätzen Sie diesen tragischen Fall ein?

Es ist schwer zu beurteilen, was letztendlich der Auslöser für den Suizid des Mädchens war. Es ist grundsätzlich schrecklich, dass dies geschehen ist. Aber auch wenn es bisher noch nicht ganz bewiesen ist, dass Mobbing ein Grund für den Tod des Mädchens ist, muss in dem Kind eine enorme, fast unvorstellbare Sehnsucht nach Hilfe existiert haben, die anscheinend unbeantwortet geblieben ist. Denn solch ein Schritt, in solch einem jungen Alter, zeugt von tiefster Verzweiflung.

Vor der Schule des Mädchens gab es eine Mahnwache. Wird an Schulen zu wenig hingeschaut, wenn es um Mobbing und Gewalt geht?

Das kann ich im Gesamten nicht sagen, aber ich glaube, dass Schulen die Dringlichkeit dieses Problems immer mehr bewusst ist und sie versuchen, dieses Thema intensiv zu behandeln. Grundsätzlich ist es nicht immer einfach, genau herauszufinden, in welcher Form und Intensität Mobbing stattfindet, da vieles davon nicht direkt im täglichen Zusammentreffen der Kinder in der Schule geschieht, sondern oft über unterschiedliche soziale Plattformen außerhalb des Schulalltags passiert.

Was ist da besonders wichtig?

In solchen Fällen ist es besonders wichtig, mit den Eltern der betroffenen Kinder gut zusammenzuarbeiten, damit mit den Eltern und auch durch die Einbeziehung schulischer und außerschulischer Hilfsmaßnahmen alles dafür getan wird, den Betroffenen zu helfen, wenn eine solche Situation erkannt wird.

Verbale und psychische Gewalt unter Schülern kann sich in Beschimpfungen, bösen Kommentaren, Mobbing und Gerüchten äußern. Wie sieht das bei Ihnen an der Schule aus?

Im Alltag kann es immer wieder zu solchen zwischenmenschlichen Vorfällen kommen, aber natürlich von unterschiedlicher Intensität. Wichtig ist es, dass bei dem Bemerken eines solchen Falles sowohl Schüler, Eltern als auch Lehrer Hilfe und Unterstützung in der Schule bekommen können. So kann man aktiv werden in Form von Gesprächen mit allen Betroffenen. Dann kann Beratung und Unterstützung stattfinden, und es können Lösungen gefunden werden.

Wie konkret?

Konkret dazu gibt es bei uns in der Schule als Hilfestellungen zum einen die psychologische Beratungsstelle Meppen, die als feste Größe durch einen Mitarbeiter vor Ort in unserer Schule Beratungsgespräche und konkrete Hilfe bei unterschiedlichsten Problemstellungen anbietet. Dies ist aber ein Projekt, welches kaum an anderen Schulen existiert. Darüber hinaus haben wir an unserer Schule ein Mobbing -Interventionsteam von ausgebildeten Lehrkräften, um präventiv und anlassbedingt gezielt mit Schülern zu arbeiten und ihnen zu helfen. Auch haben wir an unserer Schule eine Beratungslehrerin, die durch eine qualifizierte Zusatzausbildung vonseiten der Landesschulbehörde betroffenen Schülern helfend zur Seite steht.

Haben Sie einen Mobbing-Fall besonders in Erinnerung?

Nein, das habe ich nicht. Wir stehen in einem guten Kontakt zu Schülern und Eltern. Zusätzlich profitieren wir von der eben erwähnten professionellen Unterstützung der psychologischen Beratungsstelle. Dadurch können wir viele Problematiken schon frühzeitig auffangen. Zumindest ist uns dies bislang glücklicherweise stets gelungen.

Inwieweit haben soziale Netzwerke negativen Einfluss bzw. Auswirkungen?

Die sozialen Netzwerke begünstigen natürlich Mobbing. Es ist leichter, Beleidigungen, Anschuldigungen etc. zu schreiben, als diese jemandem direkt ins Gesicht zu sagen. Ein großes Problem dabei ist allerdings, dass vielen Eltern gar nicht bewusst ist, dass eine Reihe von sozialen Netzwerken ohne Einwilligung der Eltern überhaupt nicht genutzt werden darf. So ist zum Beispiel Whatsapp zur Nutzung erst ab 16 Jahren freigegeben.

Wieso reagieren Eltern oft nicht oder zögerlich?

Eltern fällt es immer schwerer, über die Nutzung von sozialen Netzwerken mit ihren Kindern zu sprechen, da sie deren Privatsphäre respektieren wollen. Dies ist aber nur möglich, wenn Kinder lernen, verantwortungsvoll mit diesen Netzwerken umzugehen. Deswegen suchen wir immer wieder das persönliche Gespräch mit den Beteiligten, um so Dinge von allen Seiten betrachten und klären zu können.

Wie können Sie Betroffene motivieren, sich bei Ihnen zu melden, um gemeinsam eine Lösung des Problems zu finden?

Es ist wichtig, den Schülern und Eltern immer wieder zu signalisieren, dass wir stets gesprächsbereit sind und gemeinsam Lösungen finden wollen. Und ein unerlässlicher Punkt dazu ist der Aufbau von Vertrauen und das Gefühl, mit seinen Problemen ernst genommen zu werden. Dies versuchen wir täglich neu im Schulalltag zu leben.

An Ihrer Schule gibt es ein Mobbing-Interventionsteam. Was ist dessen genaue Aufgabe?

Schülerinnen und Schüler können sich an dieses Team wenden, wenn sie das Gefühl haben, gemobbt zu werden. Sie können selbst entscheiden, mit wem aus diesem Team sie sprechen möchten. An dieses Team können sich aber auch Lehrer und Eltern wenden, wenn sie das Gefühl haben, dass ein Fall von Mobbing oder Ausgrenzung im Raum steht. Gemeinsam mit dem oder den Betroffenen können dann Lösungsansätze entwickelt oder Hilfsmaßnahmen außerhalb der Schule in Anspruch genommen werden. Natürlich steht jede Kontaktaufnahme und jedes Gespräch unter der Maßgabe der Schweigepflicht, damit Vertrauen möglich ist.

Wie können Sie als Schulsozialarbeiter helfen?

Ich denke, dass es allen an Schule beteiligten Personen ein großes Anliegen ist, dass die Schülerinnen und Schüler mit ihren Anliegen und Problemen zu uns kommen. Durch Gespräche und durch Aufklärung versuchen wir, aktiv zu helfen. Im Zuge dieser Arbeit versuche ich, ein vertrauensvoller Anlaufpunkt und kompetenter Gesprächspartner für die Kinder, deren Eltern und auch die Lehrerinnen und Lehrer zu sein. So wird, denke ich, allen Beteiligten deutlich, dass wir gemeinsam gegen Mobbing gezielt vorgehen.


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